Aachen - „Mut ist doch nur die andere Hälfte der Angst”

„Mut ist doch nur die andere Hälfte der Angst”

Von: Dieter Osswald
Letzte Aktualisierung:
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„Kein Medium wird diesen Dimensionen besser gerecht als der Film”: Regisseur Joseph Vilsmaier (links) und Reinhold Messner bei der Premiere des Films „Nanga Parbat” in München. Foto: ddp

Aachen. Ihm gelang als erster Mensch die Besteigung aller 14 Achttausender, er durchquerte die Antarktis, die Wüste Gobi und Grönland. Reinhold Messer, 1944 als Sohn eines Lehrers in Südtirol geboren, gehört seit 40 Jahren zu den erfolgreichsten Bergsteigern der Welt. Bei der spektakulären Besteigung des Nanga Parbat im Jahr 1970 kam es zur Tragödie: Sein jüngerer Bruder Günther verlor beim Abstieg das Leben. Von diesem Drama erzählt „Nanga Parbat”, den Joseph Vilsmaier an Originalschauplätzen inszenierte.

Über den Tod ihres Bruders wurde schon viel geschrieben und spekuliert. Die Diskussionen werden nach dem Film erneut aufflammen - warum muten Sie sich diese Tragödie nochmals zu?

Messner: Lass die Leute doch reden. Wer nichts zu tun hat, der schwätzt eben ein ganzes Leben lang. Das ist natürlich auch ein Geschäft, mit dem etwas verkauft wird. Warum haben Kameraden von damals 30 Jahre später die Geschichte auf den Markt gebracht? Weil ich inzwischen die viel nutzbarerer Wirtspflanze wurde als früher. 1970 war ich ein unbekannter Bergsteiger.

Was sagen Sie zu den Vorwürfen, dass Sie Schuld am Tod des Bruders hätten?

Messner: Wir sind beide freiwillig los gegangen. Mein Bruder ist gegen die Absprache und gegen meinen Wunsch nachgestiegen. Die Verantwortung liegt ausschließlich bei uns, weil ich alleine überlebt habe liegt sie ausschließlich bei mir. Es ist durch den Fund der Leiche eindeutig bewiesen, dass die anderen eine Lügengeschichte in die Welt gesetzt haben. Eindeutig.

Mit welchen Gefühlen erleben Sie diese Geschichte jetzt auf der Leinwand?

Messner: Natürlich musste ich da ein bisschen schlucken. Aber den Film anzusehen ist für mich bei Gott nicht so schwierig, wie das Geschehen live auf de Bühne zu erzählen, was ich ja in vielen Vorträgen gemacht habe. Dafür musste ich mich immer wieder in die Situation von damals zurück versetzen.

Wie groß war Ihr Einfluss auf das Projekt?

Messner: Ich war der technische Berater, der darauf geachtet hat, dass die Details möglichst richtig sind. Zum Beispiel wie die Zelte ausgesehen haben oder wo und wie der Abstieg stattgefunden hat. Dabei habe ich gelernt, dass kein Medium diesen Dimensionen besser gerecht wird als der Film: Man kann die Zuschauer emotional durch Bilder, Musik und Dialoge in die Geschichte mitnehmen. Im Buch benötige ich allein schon 20 Seiten, um die Bergwand zu beschreiben.

Wäre der wilde Werner Herzog nicht der passendere Regisseur für diese extreme Geschichte als der bodenständige Joseph Vilsmaier? Immerhin haben Sie mit Herzog schon gearbeitet.

Messner: Mit Werner Herzog hätte es nicht funktioniert. Diese Erfahrung habe ich schon damals gemacht, als ich das Treatment für seinen „Schrei aus Stein” schrieb. Herzog, zwar genial, will in seinen Filmen selber die Hauptrolle spielen - und macht die Story damit oft kaputt. Gleichwohl ist Herzog der beste Dokumentarfilmer, den ich kenne.

Worin liegt die besondere Qualität von Vilsmaier?

Messner: Ich finde gelungen, wie er die Größe der Wand dargestellt, Kälte, Verlorensein. Das alles war in einem Bergfilm bislang so nicht zu sehen. Man spürt regelrecht, wie die Akteure in die Wildnis geworfen sind und fragt sich, wie sie dort jemals wieder herauskommen. Da sind keine Helden zu sehen, sondern einfache, verlorene Menschen. Nur der Selbsterhaltungstrieb zwingt sie weiter, bis sie nicht mehr können.

Der Mensch ist nicht dafür geschaffen, sich bei 40 Grad Minus vertikal durch sauerstoffarme Luft zu bewegen - warum setzt man sich diesen Risiken aus?

Messner: Für Laien ist diese Leidenschaft nur schwer zu erklären. Wir begeben uns aber freiwillig in die gefährlichsten Zonen der Erde, nicht um dort umzukommen. Niemand setzt sein Leben leichtsinnig aufs Spiel. Die „Eroberung des Nutzlosen” ist eine der faszinierendsten Möglichkeiten, sich selbst und die Welt kennen zu lernen, sich in die archaische Natur zu begeben und diese als etwas Reales, wenn auch Gefährliches, wahrzunehmen.

Ist die viel zitierte Kameradschaft nicht ein Mythos? Letztlich zählt doch nur der Gipfelstürmer, die Namen der anderen sind schnell vergessen?

Messner: Auch bei jeder Olympiade sind alle anderen schnell vergessen. Es ist eine Tatsache, die Welt ist ungerecht, ja. Im Leben zählt meist nur der Sieger. Das hat mit Bergkameradschaft allerdings nichts zu tun. Bergkameradschaft ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Nur wenn sie überhöht wird zu etwas Heiligem, gilt es vorsichtig zu sein. Dieser Wert lässt sich dann als Moralkeule missbrauchen.

Im Nationalsozialismus galten Bergsteiger als dankbare Helden.

Messner: Der Bergfilm ist seit den 30er Jahren diskreditiert, weil sich damals alles um Werte wie Kampf und Sieg, Kameradschaft und Führertum drehte. Ich habe für das Buch „Diamir” recherchiert, wie diese vorgegebene Kameradschaft in den 30er Jahren ausgesehen hat. Die „Kameraden” haben sich gegenseitig bei Goebbels angezeigt: Einer hätte im Basislager schlecht über Hitler geredet. Alles nur, weil es Konkurrenz gab. Was im Namen dieser vorgetäuschten Kameradschaft alles verbrochen wurde, passt auf keinen Berg.

Haben Sie sich von den Bergen endgültig verabschiedet?

Messner: Mit 25 habe ich mit dem Extremklettern, mit 42 Jahren mit dem Höhenbergsteigen aufgehört. Mit den Polen und Wüsten ist die nächste Herausforderung entstanden. Heute schwindet die Schärfe der Sinne. Mit 45 Jahren ist die Leidensfähigkeit am größten. Da passen die Pole gut. Dort gibt es Kälte und Anstrengung. Ein Fehler führt dort nicht zum Absturz. Man fällt nur hin, auf die Knie, ist am Boden.

Wie groß ist die Angst des Bergsteigers vor dem Absturz?
Messner: Ich bin ein ganz normaler Mensch und nicht mit übermäßigem Mut ausgestattet. Im Gegenteil, die Angst sagt mir: Bis hier her und nicht weiter. Ein Bergsteiger, der nur aus Mut besteht und keine Angst kennt, lebt nicht lange. Mut ist nur die andere Hälfte der Angst. Hätte ich keine Angst, wäre ich nicht mehr am Leben. Ich bräuchte dann keinen Mut. Aber auch ganz unten - wie am Nanga Parbat - kommt Hoffnung auch.
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