Aachen - Musik siegt über Holzhammer-Ideen

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Musik siegt über Holzhammer-Ideen

Von: Armin Kaumanns
Letzte Aktualisierung:
Ach was muss man oft von bösen
Gesanglich und musikalisch ausgezeichnet: Puccinis „Madame Butterfly” im Theater Aachen.

Aachen. Man muss Puccinis Musik lieben, selbst wenn sie so nah am Ethno-Kitsch vorbeischrammt wie in der „Madame Butterfly” mit ihren pentatonischen Japanismen, wie sie sich die Menschen der Jahrhundertwende so vorgestellt haben mögen.

Wenn man aber in der Aachener Premiere das Sinfonieorchester Aachen unter Leitung des stellvertretenden GMD Daniel Jakobi erlebt hat, so ist man hingerissen von dem Schmelz, jener unsagbaren Emotionalität der Klänge, die zart, vibrierend, transparent bis zur Schmerzgrenze ans Herz rühren. Dieses orchestrale Niveau ist mehr als bemerkenswert.

Auf dieser Basis singt sich gut, beweist das Sänger-Ensemble um die Protagonisten Irina Popova (Butterfly) und Yikun Chung (Pinkerton) mit einer Leistung, die sich im Konzert der großen Opernhäuser der Region bestens hören lassen kann.

Ein bekanntes Team

Für die „Butterfly”-Umsetzung auf der Bühne greift das Theater Aachen auf das Team zurück, das vor rund einem Jahr einen wunderbar frechen „Falstaff” hinbekommen hatte: Regisseur Alexander von Pfeil, Bühnenbildner Piero Vinciguerra und Kostümbildnerin Sabine Blickenstorfer rücken auch diesmal Ort und Zeit der dramatischen Handlung konsequent nah ans Heute. Da hat der Kuppler Goro die von ihm vertretenen heiratswilligen Damen per Laptop zur Hand; Pinkerton, der amerikanische Marinesoldat-Sonnyboy, turtelt per Handy mit den Daheimgeblieben, während ihm seine Braut im traditionellen Hochzeitszug zugeführt wird. So viel Ignoranz, derart üble imperiale Arroganz sieht man selten in den nun wahrlich nicht raren „Butterfly”-Inszenierungen.

Irgendwie sind diese Holzhammer-Ideen der Regie die Krux dieses Opernabends, dem das Premierenpublikum ungeteilten, wenn auch nicht jubelnden Beifall zollte. Zur delikat und kraftvoll musizierten Eröffnungs-Fuge aus dem Orchestergraben sehen wir, wie Handwerker einem japanisch mit Reispapier-Fenstern ausgestatteten Haus den letzten Schliff verleihen. Pinkertons Liebeslaube, für die Zeit des Landurlaubs tragische Heimstatt seiner 15-jährigen Gattin Cio-Cio-San nebst Nachwuchs für die nächsten Jahre, erinnert an einen ins extreme Breitwandformat gedehnten, aufgeschnittenen Wohnwagen, der mit Stelzen auf grauem Fels steht. Mit Blick ins Publikum, hier soll der Hafen Nagasakis sein.

Nun ist Pinkerton kein Macho, auch wenn er sich konsequent der örtlichen Sitte verschließt, die Schuhe im Haus auszuziehen. Er findet seine Butterfly süß, exotisch, ein preiswertes Abenteuer. Und als sie nach der knappen Hochzeitszeremonie als Madame Pinkerton ihr pinkes Gewand öffnet, ist auch so etwas wie Gefühl dabei.

Die Tragödie findet in der Pause statt: Der Leutnant ist auf hoher See, Madame Butterfly hat ein Kind geboren und sich neben Fotos vom Gatten eine Mikrowelle, Plastik-Wasserflaschen, westlichen Krimskrams angeschafft, der neben einem kleinen Buddha den Boden vermüllt. Von Hoffnung allein lässt sich nicht leben, die junge Familie verarmt, die Freier stehen schon vor der Tür, und als Pinkerton wirklich zurückkommt, will er nur seinen Sohn abholen. Da bleibt Cio-Cio-..San am Ende nur der Dolch ..ihres Vaters. Das alles ist wunderbare, grausam-schöne Musik. Irina Popova gibt all ihre kostbaren Sopran-Farben und ein gutes Stück ihres Herzens in die Butterfly-Partie, sie rührt zu Tränen, erntet Szenenapplaus. Yikun Chung betört als Pinkerton mit kernigem, strahlendem tenoralem Schmelz, auch wenn die leisen Töne sein Ding nicht sind.

Reißt nicht vom Stuhl

Dass das Drama letztlich nicht von den Stühlen reißt, mag an den vielen Ungereimtheiten liegen, die sich die Regie fürs Drumherum hat einfallen lassen. Nehmen wir die Figur der Amme Suzuki, die Butterfly vor der bösen Welt beschützen will. Bei von Pfeil ist sie eine Art Baby-Doll im ultrakurzen Mini-Faltenrock und weißen, ungleich hoch- gezogenen Kniestrümpfen. Nun kann Astrid Pyttlik, deren Aachen-Debüt gänzlich überzeugte, nichts für ihre gertenschlanke Figur (wie auch sonst niemand auf der Bühne für die seine), aber die Ausstattung hätte doch hier zumindest ein Alters-Gefälle zwischen ihr und Butterfly herstellen können.

Man sieht einen (guten) Chor in Kostümen, die zwischen japanischer Tradition und ihrer Karikatur angesiedelt sind. Warum? Man weiß nicht, warum der Konsul, dem Hrólfur Saemundsson äußerst mitfühlende Züge und Töne verleiht, im Hawaii-Hemd daherkommen muss; oder warum Onkel Bonze als japanisches Gespenst geschminkt ist und dann noch von Pinkerton umgehauen wird.

Sehr fein, weil schmierig und gleichermaßen authentisch, spielt und singt Patricio Arroyo den Kuppler Goro. So irritieren letztlich die Einfälle des Regieteams mehr, als dass sie die Wirkung von Puccinis Musikdrama steigerten oder in ein neues Licht rückten. So ist es mal wieder die Musik, die den Abend zum Erlebnis macht.

Oper „Madame Butterfly” von Giacomo Puccini im Theater Aachen. Weitere Aufführungen: 26. September, 18 Uhr, 30. September, 19.30 Uhr; 7., 9., 16. Oktober, 19.30 Uhr, 22. Oktober, 20 Uhr, 30. Oktober, 19.30 Uhr; 1. November, 15 Uhr, 12., 20. November, 19.30 Uhr; 8. Dezember, 19.30 Uhr, 26. Dezember, 18 Uhr; 22., 28. Januar, 19.30 Uhr; 5., 12. Februar, 19.30 Uhr; 20. März, 18 Uhr.
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