Multimediale Parade wird zum Ereignis

Von: Sarah Sillius
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Die Straße wird zur Bühne: Bei „Cultura Nova“ in Heerlen gab es zum Auftakt auch an den Häuserfassaden jede Menge zu sehen. Foto: Luc Lodder

Heerlen. Eine Stadt im Ausnahmezustand: Eine rothaarige Frau hängt kopfüber vom Dach des Rathauses. Sie will ihre Geschichte erzählen, sagt sie den Menschen, die sie von unten beobachten. Währenddessen nehmen Kriegsbilder das Gebäude gefangen – und der Bass dröhnt.

Langsam bewegt sich die Masse weiter. Von den Häuserfassaden leuchten schreiende Riesenbabys, nackte Frauen beginnen zu tanzen, Friedenstauben fliegen von Fenster zu Fenster.

Wer nicht weiß, was sich hier an diesem Abend abspielt, wird von den Lichtkegeln von seinem Sofa gerissen, schaut erschrocken aus seinem Fenster – und ist plötzlich mittendrin im Geschehen.

Zum Auftakt des Internationalen Theaterfestivals Cultura Nova in Heerlen hat die französische Künstlergruppe KompleXKapharnäum den öffentlichen zum künstlerischen Raum erklärt. In der multimedialen Parade „Figures Libres“ zog das Ensemble mit mehreren hundert Menschen durch die Straßen und konfrontierte sie dabei mit ihrer eigenen Identität und ihrer Beziehung zur Stadt.

Der kollektive Spaziergang wird zum Parcours voller bunter Geschichten, Erinnerungen und Assoziationen, die von der Weltgeschichte bis in die persönliche Ahnengalerie der Hauptakteurin reichen.

Der Zuschauer ist dabei alles andere als unbeteiligt. Vor ihm rollt der groovende Musiker-Bus. Neben ihm eilen die Performance-Helfer mit ihren mobilen Videoprojektoren vorbei. Und vor ihm taucht die rothaarige Frau auf und verwickelt ihn in ein Gespräch. Die Interaktion mit dem Publikum erreicht ihren Höhepunkt, als die Kameras den Zuschauer ins Visier nehmen und sein erstauntes Gesicht von den Häuserwänden blickt.

Schrilles aus Frankreich

Mit der Auswahl des schrillen Künstlerkollektivs aus Frankreich hat Veranstalter Fiedel van der Hijden wieder einmal künstlerische Genre-Grenzen überschritten. Bei dem aufwendigen Fernsehspektakel treffen gleich mehrere Elemente aufeinander: Theater, Performance, Video- und Projektionskunst.

Das Ganze ist nicht nur visuell beeindruckend, sondern hat auch politischen Anspruch. Gegen Ende signalisieren überdimensionale Kameras das Ende jeglicher Privatsphäre im urbanen Raum. Heerlen wird zum Paradebeispiel des Überwachungsstaates – und die Bürger lassen es zu.

Das Sommerfestival Cultura Nova wartet in seiner 23. Auflage jedoch nicht nur mit opulenten Beiträgen auf, sondern hat gleichzeitig bodenständigen Charakter. Einen durchaus bescheidenen Kontrast zum großen Happening bildet der „Zigeunerzirkus“ aus Paris, der ebenfalls Premiere feierte.

Die Gruppe „Romanès Cirque Tzigane“ zeigt eine traditionelle Mischung aus Akrobatik, Artistik und Musik in Wohnzimmer-Atmosphäre. Dabei führt sie den Zuschauer – fernab großer High-Tech-Effekte – zu den Ursprüngen der Kunst zurück. Weitere Informationen gibt es im Internet: http://cultura-nova.nl

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