Düren - Möglichkeiten der Skulptur: Hoesch-Museum zeigt vier Ausstellungen

Möglichkeiten der Skulptur: Hoesch-Museum zeigt vier Ausstellungen

Von: Eckhard Hoog
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„Ici – Là-bas“ (Hier – Dort) heißt dieser nachgebildete Mast mit Lampen und Lautsprechern vom Dürener Bahnhof, der die dortigen Durchsagen live überträgt. Renate Goldmann, Direktorin des Dürener Leopold-Hoesch-Museums zeigt neben drei weiteren Ausstellungen bis zum 23. November dieses Werk des französischen Preisträgers der Günther-Peill-Stiftung. Foto: Stephan Johnen

Düren. Durchsage am Bahnhof Düren: „Vorsicht auf Gleis eins. Ein Zug fährt durch.“ Eingeweihte wissen, wer hier gleich durchrauschen wird: der Thalys Köln-Paris. Allerdings ist in diesem Fall jede übertriebene Umsicht überflüssig:

Der Warnhinweis erfolgt mitten im Leopold-Hoesch-Museum – und wird wie jede weitere Durchsage am Bahnhof Düren in den nächsten Wochen live dorthin übertragen. Und sie ertönen dabei aus einer originalgetreu nachgebildeten, verkleinerten Ausgabe der Gleislampen – mit „Düren“-Schild und Lautsprechern. Das Objekt ist eine Skulptur des französischen Künstlers und documenta-12-Teilnehmers (2007) Saâdane Afif. Der 44-Jährige ist der Preisträger der Günther-Peill-Stiftung des Jahres 2012. Neben dem Preisgeld von 25.000 Euro bekommt er nun die mit der Auszeichnung verbundene Ausstellung in Düren.

Und wieder einmal schlägt Direktorin Renate Goldmann gleich vierfach zu und demonstriert einmal mehr, wie spannend und erlebnisreich die Begegnung mit zeitgenössischer Kunst ausfallen kann. Die beiden Peill-Stipendiaten (Preisgeld jeweils 18 000 Euro) Vaast Colson (Belgien, Jahrgang 1977) und Andreas Fischer (Deutschland, Jahrgang 1972) vertreten mit drastischen Mitteln die konzeptuelle Skulptur des 21. Jahrhunderts, während die 73-jährige Grande Dame der belgischen Bildhauerei, Lili Dujourie, künstlerisch gesehen, die Mutter ihrer Ideen sein könnte – nur ganz anders eben.

Die Bahn spielte freundlich mit

Doch zunächst Afif und sein Werk „Ici – Là-bas“ (hier – dort), das bis Anfang August auf der Berlin Biennale für Furore sorgte. Ein Gegenstück des Dürener Durchsage-Mastes steht gleichzeitig unter dem Titel „Là-bas“ im Schweizer Kunsthaus Glarus. Afif lädt damit ein zu einer Reflexion über existenzielle Themen wie das Erleben von „Hier“ und „Dort“, Nähe und Ferne und die Bewegung dazwischen. Die Bahn spielte bei der Realisierung der Installation ebenso freundlich mit wie eine Spezialfirma, die die komplizierte Übertragung der Ansagen technisch bewerkstelligte. Zahlreiche Autoren, Philosophen Künstler und Freunde Afifs schrieben Gedichte zur Thematik, die jetzt an den Wänden des Hoesch-Museums zu lesen sind.

Der Antwerpener Vaast Colson ließ sich dagegen von Skandalnudel Justin Bieber, der unlängst in einem New Yorker Restaurant in einen Eimer urinierte, sowie den Piss-Paintings von Andy Warhol und einschlägigen Darstellungen von Pieter Breughel inspirieren. Colson erkannte quasi die überzeitliche Allgegenwart der Thematik, wählte Behältnisse vom Sektkühler bis zur Blumenvase und pinkelte hinein – nicht ohne den Prozess akustisch zu dokumentieren. Diese Ton-Aufnahmen „schmücken“ die mittlerweile wieder geleerten und gesäuberten Behältnisse, die nun adrett einzeln auf runden Stehtischen thronen, während unter den Deckchen die originalen akustisch-pinkulatorischen Dokumente ertönen. Titel: „Piss buckets“. Hier kommen zwingendste Bedürfnisse der menschlichen Kreatur ebenso zu ihrem Recht wie Fragen danach, wie äußerlich Eingeflößtes innerlich verarbeitet und wieder ausgestoßen wird. Und Pipi wird zum gleichberechtigten Material für die zeitgenössische Skulptur.

Monströse Maschinen aus Sesseln, Krankenbetten und Schreibtischstühlen baut der Münchener Andreas Fischer mit elektronisch gesteuerter, selbst installierter Mechanik. Da führt ein Krankenbett mit zwei Stühlen und einem Tisch eine unheimliche Choreographie auf, ein Sessel hängt an der Wand, klappt sich auseinander, wird von Stöcken geschlagen und von einer barschen, militärischen Stimme getriezt. Schläge, Folter, Angst, Hasspredigten – ein ganzes Bedrohungssyndrom an Gefühlen keimt im Betrachter auf, damit auch die Frage nach dem noch Menschlichen im heutigen Menschen.

Die „Mutter“ dieser neuen Spielart konzeptueller Kunst, Lili Dujorie, legt im modernen Anbau das aus, was in den 70ern und 80ern als neu und bewegend galt: die Kunst vom Sockel zu holen und edle Materialien wie Marmor oder Schlichtes wie Paper auf dem Boden und in den Ecken zu drapieren. Themen wie Raum und Zeit, Schönheit und Amorphes spielten da noch eine Rolle, ausgebreitet mit ästhetischen Tableaus. So ändern sich die Zeiten . . .

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