Aachen - Mit Revolver und Streicheleinheiten

Mit Revolver und Streicheleinheiten

Von: Jenny Schmetz
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Fingerzeig der Vergänglichkei
Fingerzeig der Vergänglichkeit: „Die Zeit” (Il Hoon Kim) wirbt auf dem Dach der Aachener Musikhochschule für das neue Opern-Projekt. Der Prolog aus Monteverdis „Il Ritorno dUlisse in Patria” wird dabei mit einem Madrigal und einer zeitgenössischen Kammeroper Foto: Esther van de Pas

Aachen. Ein Kaffeebecher begleitet sie durch den Tag. Ein Kaffeebecher, so groß, dass andere wohl Blumen hineinstellen würden. „Eine Kanne habe ich schon”, sagt Gabriele Rech, als sie ihren Becher um 11 Uhr mit Kaffee und Milch füllt.

Eine Frau mit Koffein in den Adern! Wer die 50-Jährige ein paar Stunden bei der Arbeit beobachtet hat, kommt leicht ermattet zu diesem Schluss. Puh, welche Power!

Der Revolver liegt griffbereit auf ihrem Schreibtisch. Der Wanderstock lehnt neben der Tür ihres kahlen Büros. Viel unterwegs ist die Blondine mit dem gebräunten Teint - und Leichen pflastern ihren Weg. Allerdings nur, weil Gabriele Rech Opernregisseurin ist. Auch bei ihrem jüngsten Projekt dreht sich viel um den Tod und noch mehr um die Liebe. Revolver und Wanderstock sind Requisiten, die gleich bei der Probe zum Einsatz kommen werden.

Nicht mit Profis am Stadt- oder Staatstheater arbeitet Gabriele Rech diesmal, sondern mit dem Opern-Nachwuchs. Seit April vorigen Jahres ist sie Professorin für szenischen Unterricht an der Aachener Musikhochschule. „Jetzt habe ich die zwei schönsten Berufe der Welt”, sagt sie - sehr schnell, mit dunkler Stimme, dazu ein Lachen, das zum Alt tendiert. Vorsingtraining und Ariendarstellung für die Master-Studenten gehören zu ihren Aufgaben.

Also Subtexte und Bildwelten erschließen, Grundsätzliches vermitteln („Jede Arie sollte ein Prozess sein”), Fragen diskutieren („Wer bin ich?, Wie stelle ich das dar?, Was erzählt uns das heute?”). „Man unterschätzt oft die Ausbildung von Opernsängern”, findet Rech. Neben Gesangsunterricht, Musiktheorie und -geschichte gehören auch Fremdsprachen, Bewegungstraining und Fechten auf den Stundenplan. Ein riesiges Pensum. Und das Publikum erwartet mehr: „Die Sehgewohnheiten der Zuschauer haben sich geändert - auch durch Film und Fernsehen”, meint die Regisseurin. Wer will auf der Bühne schon noch „hohle Operngesten” à la Hände zum Herzen, Hände zum Himmel erleben?
„Wir versuchen zu vermeiden, dass Sänger ihre Technik sichtbar machen”, sagt Rech und breitet erklärend ihre Arme aus. Soll wohl heißen: Lieber ans Zwischenmenschliche denken als ans Zwerchfell!

Nicht die Zwitschermaschine ist gefragt, sondern der Sängerdarsteller.
Der angehende Sängerdarsteller wird bei ihr auch direkt mit dem Alltag konfrontiert: Der Klempner kreuzt mit Köfferchen auf, der Pförtner blättert im „Kicker”, Studierende eilen mit Geigenkoffer und Plastikwasserflasche vorbei. Das Foyer der Hochschule am Theaterplatz wird zur Bühne. Zwischen weißen Säulen und orangenen Stühlen kreist der Revolver am Finger von „Fortuna”; „Die Zeit” (Tempo) schwingt den Wanderstock und singt: „Ihr entkommt mir nicht, oh Sterbliche!” Da muss selbst der Pförtner ein bisschen blinzeln.

Geprobt wird der Prolog aus Monteverdis Odysseus-Oper. Ohne Bühneneffekte, mitten im Publikum. „Sie müssen alles über sich selbst herstellen”, verlangt Rech. „So, viel Energie!”, hatte sie zu Beginn noch gefordert. Und die Sänger geraten ganz schön ins Schwitzen. Nach einem Schluck Kaffee eilt die Regisseurin in blauer Jeans und weiter blauer Sweatshirt-Jacke zu jedem Einzelnen und gibt humorvolle Kommentare. Etwa: „Das war am Schluss ein bisschen Männergesangsverein.”

Sprecherzieherin Ingrid Schäfermeier wiegt über ihrem Bleistift besorgt den Kopf hin und her: „Die ,Os’ stimmen alle nicht”, flüstert sie Rech zu. Beide arbeiten zum ersten Mal miteinander. „Wo haben Sie sonst Regie geführt?”, fragt Schäfermeier. „So ziemlich überall”, sagt Rech und lacht.

Seit fast 20 Jahren ist sie im Geschäft, sie hat sich im männerdominierten Opernbetrieb durchgesetzt. „Ich hatte viel Glück”, sagt sie nun und klopft dreimal auf den Tisch. Aber schnell wieder zur Arbeit: „Ich versuche, dass wir mehr miteinander . . .”, erklärt sie ihrer Kollegin, dass sie das Team der Lehrenden besser miteinander verzahnen will. Aachen sei schon „relativ innovativ” mit der Rheinischen Opernakademie, hatte Rech zuvor berichtet. Aber 0,5 Semesterwochenstunden szenischer Unterricht - ist das ausreichend? „Nein!”, meint sie - und entwickelt zurzeit neue Konzepte.

„So, brennen!”, lautet ihre Anweisung dann im neuen, lichtdurchfluteten Opernstudio. Nun ist ein Madrigal Monteverdis dran, und Zeitgenössisches trifft auf Barock: Die Kammeroper „Leinen aus Smyrna” versammelt am Leichnam des Odysseus seine Verflossenen. Ein herrlicher Zickenkrieg an der Bahre. Neue Sänger kommen, und die Regisseurin ist anscheinend noch nicht müde. „Nicht im Takt in die Knie gehen! Das nimmt Energie weg”, sagt sie wippend zu einem, „Sagen Sie mal auf Koreanisch: ,Ich liebe dich so!’”, gibt sie einem anderen Übersetzungshilfe. Dazwischen viele Lachanfälle, angedeutete Boxhiebe und Streicheleinheiten. Und als Dirigent Peter Bortfeldt um den Einsatz einer Sopranistin bangt, weil diese sich zu weit nach hinten drehe, protestiert Rech im Einklang mit der Sängerin: „Aber da singt sie gar nicht!”

Weniger Action wäre mehr, das liest man auch schon mal in Rezensionen zu Rechs Inszenierungen, aber meist wird die kammerspielartige Präzision gelobt, der psychologisch fesselnde Realismus. Ihre Studierenden scheinen jedenfalls sehr zufrieden zu sein: Ihre Professorin sei "sehr positiv, sehr offen", sie lasse „Spielraum, Eigenes zu entwickeln”, hört man.

Anders als an Profi-Bühnen möchte sie bei der Arbeit mit Studierenden nicht so dominant sein, bestätigt Rech. „Hier ist der Weg das Ziel.” Man werde schließlich wohl keine perfekte Aufführung erleben. Aber: „Sie werfen sich total rein! So viel Wille zum Ausdruck begeistert mich!” Irgendwie scheint die Energie der Professorin anzusteckend zu sein.

Premiere am 4. Dezember. Eintritt frei.

Die Premiere des Opern-Projekts in der Aachener Musikhochschule findet am Sonntag, 4. Dezember, um 15 Uhr statt. Studierende präsentieren die Kammeroper „Leinen aus Smyrna” des englischen Komponisten Edward Rushton, der auch zur Premiere kommen will. Seiner Komödie werden zwei Werke Claudio Monteverdis vorangestellt: Der Prolog der Oper „Il Ritorno dUlisse in Patria” und das Madrigal „Ardo, avvampo”. Die musikalische Leitung hat Prof. Herbert Goertz. Weitere Aufführungen: am 7. und 10. Dezember jeweils um 19.30 Uhr.

Der Eintritt ist frei. Karten sind an der Pforte der Hochschule (Theaterplatz 16) erhältlich.

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