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Mit Haken und Ösen: „Ein ganz gewöhnlicher Jude” im Grenzlandtheater

Von: Hermann-Josef Delonge
Letzte Aktualisierung:
grenzbild
Bilanz eines jüdischen Lebens: Karl Walter Sprungala im Grenzlandtheater. Foto: Kerstin Brandt-Heinrichs

Aachen. Am Ende gab es natürlich jede Menge Beifall: für Karl Walter Sprungala und seinen knapp 90-minütigen Solo-Parforceritt, für das Regieteam - alles richtig und verdient. Und doch war allen Beteiligten auf der Bühne des Aachener Grenzlandtheaters anzumerken, wie froh sie waren, die Premiere gut hinter sich gebracht zu haben.

Denn es war ein Theaterabend durchaus mit Haken und Ösen, und die waren vor allem, aber nicht nur den dramaturgischen Untiefen des
Stücks geschuldet.

Verachtung für das Gutmenschentum

Emanuel Goldfarb, „ein ganz gewöhnlicher Jude” in Hamburg, wird von einem Lehrer eingeladen, sich den Fragen der Schüler zu stellen. Doch der Journalist hat es satt, immer wieder sein Judentum erklären zu müssen, er verachtet das deutsche Gutmenschentum und Betroffenheitsgetue. Der Versuch, eine Absage zu formulieren, wird zur letztlich doch bitteren Bilanz eines nach 1945 geborenen deutschen Juden - lustvoll alle Klischees infrage stellend, politisch unkorrekt und mitunter anrührend.

Schwieriges Thema

Das Stück des Schweizer Autors Charles Lewinsky ächzt allerdings unter der Grundkonstellation: ein Monolog, der sich an einen nicht anwesenden Zweiten richtet und tatsächlich das Publikum meint, wenig Handlung und doch viel Stoff, der erklärt sein will. Das ergibt Textmassen, die oft keine Assoziationen und Bilder im Kopf des Zuschauers auslösen, sondern überdeutlich und wenig überraschend sind, wie sprödes Thesentheater.

Wenn man dem mit permanenter Unruhe und Berserkertum zu begegnen versucht, wie es Oliver Hirschbiegel in seiner Verfilmung mit dem eitlen Ben Becker gemacht hat, wird es nervig. Regisseur Uwe Brandt ist am Grenzlandtheater einen anderen Weg gegangen: Sprungala, sonst durchaus als Rampensau berühmt und (positiv) berüchtigt, agiert äußerst zurückhaltend und feinnervig. Manfred Schneider hat ihm dafür ein schmal zulaufendes Arbeitszimmer ins Theater gebaut; ein Bühnenbild, das mit den Perspektiven spielt und das den Zuschauer in die Geschichte hineinzieht, mit Schreibtisch, Bücherstapeln und verstreuten Schachteln, in denen Goldfarb immer wieder nach Spuren und Fragmenten seiner Identität sucht.

Mit Ironie und Zynismus

So entsteht, unterstützt von einer wohltuend dezenten Lichtdramaturgie (Christoph Peters), das Bild eines jüdischen Intellektuellen mittleren Alters, der sich mit Ironie und Zynismus gegen die Last der Geschichte wappnet, dem die permanente Solidarität und das aufgesetzte Toleranzgetue auf die Nerven geht, und der trotzdem leidvoll und ganz persönlich erfahren muss, dass er in Deutschland eben nicht ein „ganz gewöhnlicher Jude” sein kann. Man kann seiner Geschichte nicht komplett entfliehen.

Dass man sich im Verlauf des Abends hier und da etwas mehr Tempo gewünscht hätte, dass Sprungala den ein oder anderen Hänger - allerdings gekonnt - überspielen musste, mag an der Premierensituation gelegen haben. Darsteller und Regie haben, das ist zu spüren, um das Stück gerungen. Das Resultat ist übrigens nicht nur für Lehrer geeignet.

Termine und Tickets

„Ein ganz gewöhnlicher Jude” von Charles Lewinsky ist noch bis einschließlich 2. März täglich im Aachener Grenzlandtheater in der Elisengalerie und dann von 8. bis 18. März in der Region zu sehen.

Tickets: 0241/4746111

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