Düren - „Mister Stein” lässt Papiervögel fliegen

„Mister Stein” lässt Papiervögel fliegen

Von: Eckhard Hoog
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Er kehrt fröhlich zum Ausgang
Er kehrt fröhlich zum Ausgangspunkt seiner internationalen Karriere zurück: Der Bildhauer Ulrich Rückriem zeigt im Dürener Leopold-Hoesch-Museum bis zum 19. Juni Zeichnungen. Gleichzeitig gibt das Haus einen Einblick in seine 18 Sammlungen und sechs Nachlässe. Foto: Eckhard Hoog

Düren. Zinnsoldaten und ausgestopfte Bockköpfe, Amphoren und Gläser, Keramiken und Münzen, römische Göttinnen und Expressionisten - in Düren scheint die Sammelleidenschaft sehr viel ausgeprägter zu sein als andernorts.

Wer das Leopold-Hoesch-Museum bislang nur mit Kunst in Verbindung gebracht hat, der kommt jetzt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was die Bürger dem Haus seit 1900 an historischen und ähnlichen Relikten überlassen haben, umfasst so ziemlich alles, was überhaupt nur sammelfähig ist.

Renate Goldmann, die Direktorin, und der Archäologe Peter Manstein sind über ein halbes Jahr lang in sechs Depots gestiegen, um alle 18 Sammlungen und sechs Nachlässe zu durchforsten. Erstmals präsentieren sie nun schlaglichtartig Objekte aus allen Abteilungen - Titel der Ausstellung: „Unsere Werte. Bestandsaufnahme der Sammlungen”. Gleichzeitig kehrt mit 72 Jahren ein längst weltberühmt gewordener Künstler zum Ausgangspunkt seiner Karriere zurück: 1964 hatte der Bildhauer Ulrich Rückriem im Dürener Leopold-Hoesch-Museum seine erste Einzelausstellung.

Jetzt zeigt „Mister Stein”, der in Köln und London lebt, hier eine „grafisch-akustische Intervention”. Man könnte auch sagen: Zeichnungen mit tierische Stimmen, Kunst im Kontrast zur Natur.

Bestens aufgelegt

Rückriem lacht, dass sich die Balken biegen. Bestens aufgelegt an diesem Vormittag, erklärt er dem Besucher, wie er ganz im Geiste Kandinskys aus Punkt und Linie Variationen an Flächen gewinnt, aus Feldern und Schnittpunkten des Schachbretts vogelartige, duftige Zeichnungswesen, die er luftig auf der Wand verteilt.

Und dann lacht er wieder bei der Erinnerung daran, dass er damals vom Stiftischen Gymnasium geflogen ist, um in Düren eine Steinmetzlehre zu machen. Als er sich später an der Düsseldorfer Kunstakademie bewarb, kam postwendend ein knapper Brief zurück: „Zu unbegabt.” Ironie der Geschichte -Rückriem könnte sich ausschütten: „25 Jahre später war ich da Professor!” Genauso wie in Hamburg und Frankfurt.

Allen Ernstes kündigt er an, dass er „in Stein” nichts mehr machen will - er, der Düren zehn seiner typischen Stelen hinterlassen hat, die als „dezentrales Mahnmal” in der ganzen Stadt seit 1988/90 verteilt sind und an die Opfer des NS-Regimes erinnern. „Ich habe alles in Stein gemacht”, sagt er. „Jetzt ist es genug.”

So werden wohl seine beiden Bodenskulpturen an dem höchst prominenten Ort, im südlichen Innenhof des Berliner Reichstags, keine Geschwister mehr bekommen. Gemuhe von Kühen durchzieht das Leopold-Hoesch-Museum vom Treppenhaus bis zu den Räumen unter dem Dach und wechselt ab mit Gekrähe von Raben und dem Rauschen der Meeresbrandung - das ist der akustische Teil seiner künstlerischen Intervention „Day and Night” - Kunst und Natur im fröhlichen Kontrast.

„Die Leute mögen nur Stein”

„Die Leute lieben die Zeichnungen nicht, die mögen nur Stein”, ist er sich durchaus bewusst, was sein Publikum eigentlich von ihm erwartet. Aber das ist ihm offensichtlich piepegal - außerdem gibt es da ja noch ganz in der Nähe, in Rommerskirchen-Sinsteden bei Grevenbroich, sein eigenes Museum mit 100 Skulpturen auf 2000 Quadratmetern - da können sich die Leute an Stein sattsehen, so viel sie wollen.

Beim Anblick eines Gemäldes von Horst Antes, das auch zur Ausstellung der Dürener Sammlungen gehört, bricht die ungetrübte Fröhlichkeit wieder aus ihm heraus: „Der Antes hat einen Stein von mir gekauft - auf einer Auktion.”

Wie aber bringt man zum Beispiel gesammelte Münzen mit Macke, Pechstein, Kirchner und wie sie alle heißen, so unter einen Hut, dass das Neben- und Miteinander auch noch Sinn macht? Römische Matronen mit der Nana von Niki de Saint Phalle? Aber Renate Goldmann wäre nicht Renate Goldmann, wenn ihr selbst bei den disparatesten Objekten ihrer „geerbten” Kollektionen kein überzeugendes Konzept einfallen würde.

Eine Münze zentral im Raum unter einer Vitrine erhaben präsentiert, umgeben von Expressionisten - diese Konfrontation wirft Fragen nach Wert und Nachhaltigkeit auf, nach den Maßstäben eines Museums und überhaupt nach dem Wert von überkommenen Dokumenten. „Mir ist es immer wichtig, dass eine Ausstellung Denkanstöße gibt”, sagt sie. Nur die Klassiker zu zeigen - das ist ihr viel zu langweilig. Und so finden sich auf hintergründige Weise thematische Schnittpunkte zwischen den unterschiedlichsten Objekten. Die füllig-fröhliche Nana und die steinerne Göttin etwa verkörpern je auf ihre Weise das Bild der Frau.

Zinnsoldaten und Guckkasten

Die Zinnsoldaten bezeugen den Umgang mit historischen Ereignissen auf ebenso spielerisch-eigentümliche Weise wie die transparenten Guckkastenblätter aus dem 17. Jahrhundert mit kulturhistorischen und geografischen Phänomenen. Und das steinerne Beil aus dem Dürener Land könnte der Formenwelt der Expressionisten entsprungen sein.

Kurz: eine inspirierende Schau mit überaus hohem Entdeckungswert.

Die abgeschnittenen gehörnten Bockköpfe stammen übrigens von dem Dürener Afrikaforscher Carl Georg Schillings (1865-1921), der um 1900 die Steppe zuerst mit seiner Büchse unsicher machte, sich später aber aufs Fotografieren verlegte.

Die eigentliche Wiege des Hauses liegt in der 1837 gestifteten Münz- und Altertumssammlung der Erben des Apothekers Damian Rumpel. Auch daran erinnert jetzt die Ausstellung „Unsere Werte”. Vom Universal- zum Kunstmuseum wurde das neobarocke Haus am Hoeschplatz 1 erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

Welche Absicht verbinden Sie mit der Ausstellung der hauseigenen Sammlungen unter dem Titel „Unsere Werte”?

Goldmann: Mit dieser Leistungsschau hinterfragen wir institutionelle Bewertungsmechanismen regional-, kultur- und kunsthistorischer Phänomene und ordnen dabei ihre Entwicklung vom mäzenatisch begründeten Universalmuseum hin zur internationalen Plattform für zeitgenössische Kunst ein.

Ulrich Rückriem ist mit sehr großem Engagement bei der Sache in Düren Was bedeutet Ihnen das?

Goldmann: Es ist sehr schön und sehr wertvoll, dass sich ein so weltberühmter Künstler wie er offensichtlich an das Museum in Düren gebunden fühlt. Hier begann ja auch seine Karriere.

Ausstellungen „Unsere Werte” und „Ulrich Rückriem. Night and Day”, Leopold-Hoesch-Museum, Düren, Hoeschplatz 1, 02421/252558, Eröffnung: Sonntag, 27. März, 12 Uhr. Dauer: „Werte” bis 21. August, Rückriem bis 19. Juni. Geöffnet: Di.-So. 10-17, Do. -19 Uhr. Eintritt: sechs, ermäßigt drei Euro.
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