Menschliche Schattenseiten im Videolicht: „Lucio Silla” im Theater Aachen

Von: Armin Kaumanns
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Im alten Rom weiß man mit der Knarre umzugehen: Szenenbild aus Ludger Engels´ Inszenierung von Mozarts Oper „Lucio Silla. Foto: Wil van Iersel

Aachen. Es ist vollbracht - jedenfalls so etwas Ähnliches darf man getrost feststellen zum Schlussakkord von Mozarts Jugendoper „Lucio Silla” am Theater Aachen: Die weiße Wand, gegen die das Publikum drei Stunden lang schauen musste, verschwindet, und der Blick weitet sich auf noble Wurzelholzpaneele mitsamt sternförmigen Kronleuchtern.

Schwungvoll gestylt

Es sind auch wieder die schwungvoll gestylten und farbig sortierten Stapelstühle mit von der Mozart-Partie, die Herrscher-Büste aus Gips lässt sich immer noch effektvoll zerschmettern und durch eine neue ersetzen - wie gehabt. Man agiert im weißen Raum, den Christin Vahl hinter ein betont sachlich gehaltenes Portal baute: klare Grenzen, scharfe Kontraste, viel Platz zum Spielen. Und wieder verknüpft Engels eine stark (im doppelten Sinne) aufs Individuum verknappte Regie mit mehr oder weniger ironischen Anspielungen auf die Gegenwart. In Mozarts Silla, der sich auf den historischen Sulla, einen berüchtigten Tyrannen im alten Rom, bezieht, geht es schließlich um Ewiggültiges: die Ambivalenz von Macht und Gewalt, die anarchistische Dimension der Liebe. Und der gerade mal 17-jährige Mozart hat eine Menge vorrevolutionärer Details in die Null-acht-fünfzehn-Form der Opera seria geschmuggelt, die das Werk auch heute noch interessant erscheinen lassen. Das Sinfonieorchester Aachen gibt sich historisch informiert und sängerdienlich geleitet vom Chef Marcus R. Bosch, der gern auch mal auf die ganz schrillen Klangeffekte aus ist.

Engels allerdings treibt es weitaus wilder, indem er schon zur Ouvertüre ein Arsenal von Videobeamern und Live-Kamera samt vorproduzierter Filmchen einsetzt, um die Bühnenhandlung um die Vor- und Nebengeschichte zu bereichern. Sicher, es macht was her, wenn man Sillas Erzfeind, den Vater der von ihm begehrten Giunia, im weiß gekachelten Pissoir in seinem eigenen Blut liegen sieht; oder Zeuge von früheren Vergewaltigungsversuchen des Tyrannen werden darf. Aber einen beschleicht alsbald das Gefühl, der Regisseur vertraue der Vorlage nicht so recht und müsse sie krampfhaft aufpeppen. Engels verwendet diese technischen Mittel allerdings konsequent und behauptet völlig zu Recht, dass sich die Schattenseiten des Menschseins heute von denen vor zweihundert oder zweitausend Jahren nicht sonderlich unterscheiden. Und deshalb folgen die lasziven Exzesse auf dem Leder-Lotterbett in der Bühnenmitte der Ästhetik von Werbeclips auf Pornoseiten im Internet.

Mozart hat es da mehr mit der wahren Liebe. Ihm ist die standhafte Giunia reichlich herzige Melodien und brillante Koloraturen wert. Bei der Sopranistin Antonia Bourv ist auch stimmlich alles da, wo´s hingehört, die verteufelt schwere Partie meistert sie ausgezeichnet. Ihr Widersacher Silla kriegt deutlich weniger Sympathie, sprich Töne ab, der estnische Tenor Juhan Tralla lässt sich davon nicht beeinträchtigen und überzeugt mit prächtigem Timbre. Am ehesten noch Iva Danova merkte man den großen Respekt vor der äußerst anspruchsvollen Partie des Cecilio an - Nervosität wirkt sich bisweilen ungünstig auf die Tonhöhe aus. Aber auch sie erbringt im Rahmen ihrer Möglichkeiten eine großartige Leistung.

Selbige Ausstattungsdetails nämlich kommen regelmäßigen Theatergängern sehr bekannt vor, spielten sie doch schon in den drei Vorgängern der Mozart-Herscherdramen-Reihe eine tragende Rolle. Jetzt sind sie Verweis, Klammer, Ausrufezeichen des Endes einer bemerkenswerten Koproduktion mit dem Theater Freiburg, die „Titus”, „Idomeneo”, „Mitridate” und jetzt „Lucio Silla” miteinander verknüpfte. Chefregisseur Ludger Engels hat diesen Coup erdacht - die Buhs nach der Premiere offenbaren, dass es nicht allen gefallen hat.

Das Premierenpublikum lauschte gebannt einer glutvollen Eva Bernard, die sich als Schwester des Tyrannen heftig dem Cecilio-Kumpel Cinna an den Hals wirft. Diese Partie war bei Jana Havranova, die für die erkrankte Michaela Maria Mayer aus Freiburg angereist war, in besten Händen. Tenor Louis Kim schließlich gab einen strahlenden Fiesling ab, der am Ende der Oper gänzlich leer aus-geht.

Ja, das Ende. Mozart wollte es happy haben, der Tyrann erweicht vor Giunias Standhaftigkeit und Liebe und hängt den Job als Staatsmann an den Nagel. Da muss ein Regisseur wie Ludger Engels natürlich etwas einfallen. Im großen Ensemble vor dem Schlussbild treibt er noch seine Späße, indem er die Akteure einträchtig Hoppsassa machen lässt. Am Ende dann schaut keines der beiden soeben vereinten Paare so richtig glücklich drein. Aber Silla, der lächelt gleich doppelt, in echt und in Gips.

Weitere Aufführungen im Theater Aachen: 3. April, 20 Uhr; 8. April, 19.30 Uhr; 18. April, 19.30 Uhr; 26. April, 15 Uhr; 29. April, 20 Uhr.

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