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Matthias Gerhards Heimatdorf wurde nicht abgebaggert

Von: Udo Kals
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Gräbt sich durch das rheinische Revier: Matthias Gerhards. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Matthias Gerhards hat Glück gehabt, sein Heimatdorf Rommerskirchen bei Neuss ist nicht abgebaggert worden – anders als das fiktive Schillbach in seinem Roman „Gott ist kein Zigarettenautomat“, anders als einstmals reale Dörfer wie Inden, Lohn oder Lich-Steinstraß.

Nach Jobs in der Druckindustrie, im Buchhandel und in der Versicherungsbranche hat der 45-Jährige seinen Debütroman vorgelegt, der vom Verlust der Jugend und der Heimat handelt. Der Protagonist Thomas Sieben ist im Schatten der mächtigen Schaufelradbagger auf der Suche nach dem Mörder seines Bruders, dabei gräbt der 14-Jährige in einem turbulenten Sommer Geheimnisse der Familiengeschichte aus.

Pünktlich zur neuerlichen Diskussion um Garzweiler II kommt Ihr Roman auf den Markt: Ein besseres Marketing können Sie sich nicht wünschen, oder?

Gerhards: Stimmt schon, aber das hatte ich tatsächlich nicht geplant. Den Stoff hatte ich seit rund zehn Jahren im Kopf, und ich habe alleine vier Jahre für die Realisierung gebraucht. Dass dies nun so geschieht, ist purer Zufall.

Der sich in Zahlen bemerkbar macht?

Gerhards: Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Ich gehöre nicht zu denen, die sich wöchentlich die Verkaufszahlen sagen lassen. Ich warte bis zum Ende des Jahres, dann frage ich nach. Ich arbeite lieber ungestört am zweiten Buch der Trilogie, die ich um Thomas Sieben plane.

Der erste Roman spielt Mitte der 80er Jahre vor dem Hintergrund des Braunkohleabbaus. Auch Sie haben die Diskussion um den Braunkohletagebau und dessen Folgen in Ihrer Jugend hautnah miterlebt: Können Sie die Gefühlslage der Menschen nachvollziehen?

Gerhards: Sehr gut, obwohl mein Dorf nicht abgebaggert wurde. Doch bei uns zu Hause gab es immer das Wechselspiel zwischen den Leuten, die von der Braunkohle lebten und dafür waren, und den Gegnern. Ich zähle mich heute zu den Letzteren: Bei den technischen und technologischen Möglichkeiten, die wir im Jahr 2013 haben, hätten wir genügend Alternativen zum Braunkohleabbau. Ich halte das Graben dieser riesigen Löcher für einen Skandal.

Musste der erste Roman im rheinischen Braunkohlerevier spielen?

Gerhards: Nicht zwangsläufig, die Geschichte könnte auch im Alpenvorland spielen. Aber ich selbst stamme aus der Braunkohle-Provinz und fand schon immer, dass die wahren Dinge in der Provinz stattfinden.

Der Roman trägt also auch starke autobiografische Züge?

Gerhards: Jetzt soll man sich nicht vorstellen, dass diese teils abstrusen Erlebnisse des Protagonisten mir zugestoßen wären. Meine Jugend war dann doch nicht ganz so schlimm.

Dann hätte ich mir auch Sorgen gemacht.

Gerhards: Danke. Aber ja, auch ich war Hauptschüler und habe vieles in meiner Jugend in Rommerskirchen erlebt. Das fließt in Form von Figuren und Konstellationen natürlich in irgendeiner Form ein und ist manchmal ganz schön nah dran an meinen Erlebnissen.

Und deswegen dürfen Sie sich auch über die Provinz lustig machen?

Gerhards: Natürlich. Ich wohne nach einem zwischenzeitlichen Leben in Großstädten wieder in der Provinz. So viel Distanz muss man zu sich selber haben. Zudem finde ich die Ambivalenz zwischen dem sehr Kleinbürgerlichen und dem sehr Heimatverbundenen sehr spannend. Dafür empfinde ich sehr viel Zuneigung. Es gibt beide Seiten, die man zeigen muss. Dies versuche ich in dem Buch, das ich gerne als tragisch-komischen Heimatroman mit literarischen Ambitionen bezeichne.

Das müssen Sie erklären.

Gerhards: Ich versuche beispielsweise mit diesem Dialekt, den einige Dorfbewohner sprechen, eine ästhetische Sprache zu finden. Gleichwohl sollte man das Künstlerische nicht so bierernst und eindimensional nehmen, und so kommen bei allem Tragischen, das passiert, die komischen Aspekte in das Buch. Dabei empfinde ich den Begriff Heimatroman beileibe als kein Schimpfwort.

Dabei finden Sie ungeheuer starke Bilder für den unwiederbringlichen Verlust der Heimat durch den Tagebau. Wieso ist Ihnen das so wichtig?

Gerhards: Das ist persönlich.

Zu persönlich?

Gerhards: Nein, das auch wieder nicht. Ich habe meine Heimat geliebt, habe aber auch unter der dörflichen Enge gelitten. Dieses Verhältnis beleuchte ich in dem Buch.

Wobei Sie im Vergleich zu vielen Umgesiedelten den Vorteil hatten, freiwillig das Dorf zu verlassen!

Gerhards: Das stimmt. Ich kenne nur das Gefühl, nach Jahren wieder in mein inzwischen verkauftes Elternhaus zurückzukehren. Diese Erfahrung hat mich veranlasst, mich mit dem Verlust von Heimat zu beschäftigen. Und ich kann nur erahnen, wie es ist, nicht nur sein Haus zu verlieren, sondern auch die dörfliche Struktur, das bisher gelebte Leben. Und das ist ja eben das, was für viele Menschen durch die Braunkohle passiert. Es ist ein unwiederbringlicher Verlust, das ist der entscheidende Punkt: Man bekommt dies nicht mehr zurück, egal was man macht! Das ist hart.

Dem Revier wird die Seele ausgebaggert?

Gerhards: Ja! Und die findet sich in keinem Neubaugebiet mehr wieder. Ich möchte den Menschen natürlich nicht das Recht und das Vergnügen nehmen, dort zu leben. Aber ich empfinde die Neu-Sonstnochwas als steril, nicht lebendig, wenn nicht gar tot. Vielleicht sieht das nach Jahrzehnten anders aus. Aber die ursprünglichen Dörfer sind durch einen historischen Wachstumsprozess entstanden, das kann durch neue Siedlungen, die aus dem Boden gestampft werden, nicht ersetzt werden.

Matthias Gerhards: Gott ist kein Zigarettenautomat, Knaus Verlag, 352 Seiten, 19,99 Euro

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