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„Maskenball”: Volle Power dank Hanteln und grünem Tee

Von: Jenny Schmetz
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Ohne viel Hokuspokus: Sanja Ra
Ohne viel Hokuspokus: Sanja Radisic als Wahrsagerin (Mitte l.) bei einer „Maskenball”-Probe auf der Bühne von Oliver Foto: Carl Brunn

Aachen. Hühnerköpfe abreißen, im Zaubertrankkessel rühren und zuckende Leiber bändigen - das muss Sanja Radisic nicht. Die Mezzoso-pranistin singt und spielt zwar die Wahrsagerin in Verdis Oper „Un ballo in maschera” (Ein Maskenball), aber solch schreckliches Hexenhandwerk wird sie auf der Bühne des Aachener Theaters nicht zelebrieren. Und das findet die 31-Jährige auch gut so.

„Wir zeigen genau das Gegenteil der Tradition”, meint die Serbin, die sich mit der Rolle der Ulrica als neues Ensemblemitglied erstmals auf der Opernbühne vorstellt. Dort wird also keine alte Vettel mit grauen Wallehaaren und weitem Gewand am Feuerchen hantieren, sondern eine junge, attraktive Frau ganz in Schwarz eine spiritistische Sitzung abhalten.

„Ohne großes Theater, ganz reduziert, fast minimalistisch”, findet Sanja Radisic. Séancen hat sie schon in Kindertagen mit Freundinnen im Kerzenschein gespielt, erzählt sie mit einem Lachen. „Und die kenne ich aus vielen Horrorfilmen!”

„Ich habe damit keine Probleme”

Privat hält sie Magie und Weissagungen eher für Hokuspokus. „Aber es ist super, auf der Bühne eine total andere zu sein.” Daher wollte sie schon ganz früh Schauspielerin werden und stand bereits mit zwölf Jahren auf Belgrader Bühnen - etwa als Hexe in „Schneewittchen”.

Ungewöhnlich, dass eine Anfängerin als Ulrica debütiert. Die Partie „kommt vielleicht ein bisschen zu früh”, meint Sanja Radisic - um sich sogleich selbst zu widersprechen: „Ich habe damit keine Probleme!” Dazu nickt sie so selbstbewusst, dass die kleinen goldenen Schmetterlinge an ihren Ohren wackeln. Flatterhaft wirkt die junge Sängerin keineswegs. Sie scheint zu wissen, was sie will.

Gut, die Wahrsagerin Ulrica ist keine Hauptpartie, aber mit ihren Prophezeiungen der dramaturgische Katalysator für die tödlich endende Dreiecksgeschichte. Sanja Radisic hat nur eine Szene, rund eine halbe Stunde, aber dafür braucht sie volle Power. Sängerisch sicherlich eine Herausforderung, „aber keine Überforderung”, meint Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck, der zum ersten Mal Regie führt. Er schwärmt von Sanja Radisics „phänomenaler dramatischer Mezzosopran-Stimme”, von „tollen Farben” und „einer außergewöhnlichen Tiefe, die schon sehr nach Alt klingt”. Sie selbst dagegen sieht sich eher zwischen Mezzo und dramatischem Sopran: „Mir fällt es sehr leicht, hohe Töne zu singen.”

Anscheinend eine Stimme mit Potenzial, die (noch) schwer einzuordnen ist: Mozart und Rossini oder Verdi und Wagner? Was passt besser? „Ich kann beides!”, sagt Sanja Radisic ganz einfach. Zurzeit studiert sie schon die Brangäne ein, ab 20. Mai wird sie in „Tristan und Isolde” zu erleben sein. Wagner, die deutsche Sprache, eine viel höhere Partie als Ulrica: „Das geht super!”, meint sie.

Aber was wäre wunderbarer Gesang ohne schauspielerischen Ausdruck? „Das ist sinnlos!” Bei der Probe zum „Maskenball” humpelt sie am Stock über die Bühne, für Schmitz-Aufterbeck ist Ulrica zwar jung, aber schon vom Leben gezeichnet. Auch eine Brille trägt die Wahrsagerin, aber die wird Sanja Radisic bis zur Premiere noch gegen Kontaktlinsen eintauschen („Ich bin kurzsichtig und total blind ohne Brille”).

Sie legt Wert auf ihr Äußeres, ist privat aber nur dezent mit rosa Lippenstift geschminkt. Auch auf die Fotos für diesen Text möchte sie einen Blick werfen. „Das Aussehen ist für eine Sängerin wichtig”, sagt sie. Dass Sängerinnen heute in der Regel auf CD-Covern besonders appetitlich drapiert werden, „das ist die Realität. Ich habe keine Probleme damit.” Sie lacht - und weiß, dass sie dieser Regel bestens entspricht. Viele Komplimente bekommt sie von Fans über Facebook, erzählt sie. Nicht nur wegen ihrer Stimme. Sehr schlank und fast einen Meter achtzig groß - da wird es allerdings schwer, Tenöre zu finden, die nicht zu ihr aufschauen müssen. „Ich habe keine Probleme damit!”

Sportlich, mit durchgedrücktem Rücken sitzt sie beim Gespräch auf dem Sofa, nippt immer wieder an ihrem großen Thermosbecher mit grünem Tee („Gut zum Entgiften!”). Drei bis fünf Mal die Woche geht sie ins Fitnessstudio, läuft viel, stemmt Hanteln. „Gesundheit ist das Wichtigste für eine Sängerin.” Um genug Energie zu haben fürs Singen und Spielen.

Es gab eine Phase vor etwa drei Jahren, da hatte sie keine Energie mehr. Eine Phase, da kam es knüppeldick. Ihre Mutter Jadranka starb mit 60 Jahren an Krebs. „Sie war meine Stütze”, sagt Sanja Radisic. Von der Malerin und Modedesignerin hat sie ihre Leidenschaft für die klassische Musik, gesungen hat sie aber auch schon in einer Band, eigene Kompositionen zwischen Pink Floyd und Avantgarde. Gemeinsam hat sie mit der Mutter an ihrer Stimme gearbeitet, und Jadranka hat ihre Kleider entworfen - „ein Traum-Team”, sagt Sanja Radisic und schluckt.

Kurz nach dem Tod ihrer Mutter zog sie von Belgrad nach Deutschland. „Ein Kulturschock.” In ihrem Krisenland sah sie jedoch keine Möglichkeit für eine Opernkarriere. Dann folgte die Scheidung von ihrem Mann: „eine schwierige Geschichte”, über die sie nicht sprechen möchte.

Vielleicht liegt es auch an diesen Schicksalsschlägen, dass Sanja Radisic ihre Hand keiner Wahrsagerin hinhalten möchte. „Ich habe zwar Wünsche, aber ich versuche, nicht zu weit in die Zukunft zu gucken”, sagt sie. Klar denkt sie an „Traumpartien”. Eboli und Carmen würde sie gerne singen. Sie will ihren Weg gehen, „aber besser Schritt für Schritt”. Schließlich hat sie gelernt: „Das Leben ist unvorhersehbar.”

Ein reifer Anfänger: Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck führt erstmals Regie

Mit 57 Jahren präsentiert sich der Aachener Intendant und Dramaturg Michael Schmitz-Aufterbeck als reifer Regie-Anfänger. Ist seine „Maskenball”-Inszenierung eine einfallsreiche Sparmaßnahme? Könnte man meinen, denn der Theaterchef betont, dass er kein gesondertes Regie-Honorar einstreicht. Aber die enge finanzielle Lage des Theaters sei nicht ausschlaggebend für sein Regie-Debüt. „Ich hatte zwei, drei Wunschkandidaten im Auge, die aber leider schon verplant waren”, erklärt er. Daher sei er eingesprungen und habe sich in den Sommerferien intensiv vorbereitet.

Die größte Hürde für ihn: das Zeitmanagement. Seine Arbeit als Intendant und Geschäftsführer mit den Probenterminen zu koordinieren, das könne er nicht alle Tage wieder schaffen, räumt Schmitz-Aufterbeck ein. Aber nun klappe es gut. „Und es gab bisher keinen einzigen Krach”, lobt er die gute Probenatmosphäre.

„Ich halte mich total raus”, sagt Schmitz-Aufterbecks Frau, die Regisseurin Ewa Teilmans - und nimmt beim ersten Probendurchlauf in der letzten Parkettreihe Platz, um sich eifrig Notizen zu machen. „Sie hat bisher noch keine Probe gesehen. Ich bin gespannt auf ihre Kritik”, sagt der Intendant und lächelt.

Die Premiere von Verdis Oper „Un ballo in maschera” ist am Sonntag, 5. Februar, 18 Uhr, im Theater Aachen. Weitere Termine bis zum 15. Juni. Karten: siehe Ticketbox rechts.

Unter der musikalischen Leitung von Péter Halász singen Yikun Chung, Irina Popova und Tito You die Hauptpartien.

Grafikdesignerin und Sängerin mit Diplom: Sanja Radisic

Sanja Radisic (ausgesprochen wird der Vorname mit scharfem „S” und der Nachname „Radischitsch”) ist in Belgrad geboren und aufgewachsen. Dort absolvierte sie von 2004 bis 2008 eine Gesangsausbildung an der Universität der Künste. Außerdem hat sie zwei Jahre Jura studiert und ein Diplom als Grafikdesignerin in der Tasche.

Um einen Job zu finden, kam die Mezzosopranistin 2008 nach Deutschland und ergänzte an der Opernschule der Hochschule für Musik in Mannheim erst einmal bis Mitte 2011 ihre Studien.

Seit Dezember 2011 ist sie festes Mitglied im Ensemble des Aachener Theaters. Bis zum Ende der Saison 2013/2014 reicht ihr Vertrag.

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