Aachen - Martin Walser liest aus seinem neuen Roman „Die Inszenierung“

Martin Walser liest aus seinem neuen Roman „Die Inszenierung“

Von: Grit Schorn
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Mit 86 Jahren weiterhin unermüdlich auf Lesetour: In Aachen wirkte Martin Walser aber etwas abgespannt. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Fleißig sollen die Menschen am Bodensee sein – der 86-jährige Schriftsteller Martin Walser stellt dies fast alljährlich unter Beweis. Kaum hat man „Das dreizehnte Kapitel“ halbwegs verarbeitet, liegt bereits wieder eine Walser-Novität in den Regalen.

Und der Meister selbst findet sich pünktlich in der Aachener Mayerschen Buchhandlung ein, um das aufgeschlossene Publikum mit einem „Roman ohne Erzähler“ zu überraschen. Allerdings war der Autor nicht ganz so imponierend „standhaft“ wie im vorigen Jahr, nach der recht kurzen Lesung wurde ihm zum Signier-Tisch geholfen.

Doch Walser zog die Besucher nach und nach in „Die Inszenierung“ hinein. Eher ältere Semester, aber auch jüngere Literaturfreunde lauschten aufmerksam dem Schriftsteller, der mit Lust und Last der späten Jahre so tiefschürfend umzugehen weiß.

Wie in Walsers Goethe-Roman „Ein liebender Mann“ kreist auch „Die Inszenierung“ um Leidenschaft, Abhängigkeiten und Wahn. Von den Proben zu Tschechows „Möwe“ direkt ins „Krankenzimmer als Bühne“ – so sieht der gefeierte Theaterregisseur Augustus Baum die Welt nach einem Schlaganfall. Auch im Krankenhaus will Baum weiter inszenieren, keineswegs nur das Stück, sondern vor allem sich selbst. „Das muss Walser einen Heidenspaß gemacht haben“, meint eine Zuhörerin später. Doch Lacher im Publikum sind eher selten.

Walser benötigt keine Handlung und kein Happy End. Am Ende des Buches steht ein Wort: „Badenweiler“, das Kur- und Heilbad, in dem Anton Tschechow 1914 gestorben ist. Auch seine „Möwe“ kreist um Liebende, die anderweitig engagiert sind, und um unerfüllbare Wunschvorstellungen.

Die Nachtschwester Ute-Marie hat es Baum angetan, doch er schätzt auch „Frau Dr. Gerda“, seine Ehefrau. Sogar mit einer dritten Frau liebäugelt er, der Assistentin. Seine Ehefrau fragt, ob ihm Frauen nur als „Spenderinnen von Energie“ dienen. Schmunzeln bei den Besucherinnen, gesenkte Blicke bei den Herren, so mancher driftet ab.

Gut kommen allerdings die unterhaltsamen Gespräche zwischen den Eheleuten an, da Walsers Baum richtig stolz sein darf auf zahlreiche Affären – und „im Gestehen unersättlich“ ist. Britta, Carla und Lavinia, allen Dreien hat er wunderbare Verheißungen gemacht. Manches klingt ein wenig nach Altherren-Erotik, wie schon in Walsers Goethe-Roman „Ein liebender Mann“, anderes ist wirklich köstlich.

Fragen am Ende dürfen gestellt werden, doch das Publikum ist taktvoll – Walser wirkt abgespannt. Herzlicher Applaus für 50 Walser-Minuten im Forum M.

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