Magdeburger Koordinierungsstelle fahndet nach Raubkunst

Von: Dörthe Hein, dpa
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Raubkunst
Andrea Baresel-Brand arbeitet in der Internet-Datenbank der Koordinierungsstelle Magdeburg, in der nach NS-Raub- und Beutekunst gefahndet wird, aufgenommen am 09.04.2010. Die Behörde, die bis Ende 2009 Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste hieß, betreibt die weltweit einmalige Internet-Datenbank lostart.de seit zehn Jahren. Dort sind laut Franz rund 110.000 Objekte detailliert beschrieben, mehrere Millionen summarisch nach dem Schema „ein Meter Buch”. 1100 Einrichtungen und Personen haben sie als Such- oder Fundmeldungen einstellen lassen Foto: dpa

Magdeburg. NS-Raubkunst und Beutekunst schlummert weltweit noch immer im großen Stil in Museen, Bibliotheken, Archiven und bei vielen Privatleuten. Die heutigen Besitzer kennen oft nicht die Herkunft der Bilder, Uhren, Teppiche oder Porzellan-Service.

Die Beraubten wiederum wissen nicht, wie sie an ihr ehemaliges Hab und Gut kommen. „Mit jedem Jahr wird es schwieriger, die historischen Vorgänge zu dokumentieren”, sagt der Leiter der Koordinierungsstelle in Magdeburg, Michael Franz. Seine Behörde, die bis Ende 2009 Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste hieß, betreibt die weltweit einmalige Internet-Datenbank lostart.de seit zehn Jahren.

Dort sind laut Franz rund 110.000 Objekte detailliert beschrieben, mehrere Millionen summarisch, beispielsweise nach dem Schema „ein Meter Bücher”. 1100 Einrichtungen und Personen haben sie als Such- oder Fundmeldungen einstellen lassen. In dringenden Fällen stellen die Experten in Magdeburg auch schnell Kontakt von Suchenden zu Behörden oder Fachleuten her. Eines von Franz Lieblingsbeispielen stammt aus dem Jahr 2007. Das Gemälde „Pfalzgraf Friedrich Michael von Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld” des Malers Johann Nepomuk Reuling wurde von Frankreich zurückgeführt an das Historische Museum Speyer. Kurz vor einer Auktion in Paris wurde es über lostart.de identifiziert und ging dem Museum somit nicht verloren.

Mehr NS-Raubkunst bei Auktionen

Michael Franz nimmt an, dass in den kommenden Jahren immer mehr NS-Raubkunst sowie Beutekunst, die alliierte Soldaten aus Deutschland mitnahmen, in Auktionen auftaucht. „Der Auktionshandel sollte stärker darauf schauen”, fordert er. „Das erspart viel Ärger.” Nachfahren - inzwischen oft die Enkelgeneration - versuchten gutgläubig, sich von Gegenständen aus dem Familienbesitz zu trennen - nicht wissend, dass diese aus jüdischem Besitz stammen oder in den Wirren des Zweiten Weltkriegs von ihrem eigentlichen Standort entfernt wurden.

So schickte der Sohn eines kanadischen Soldaten 2005 kurzerhand per Post eine spätgotische Holzfigur über den Atlantik zurück, die sein Vater im Krieg aus den Trümmern der Stiftskirche in Kleve mitgenommen hatte. Franz sieht dies als ein typisches Beispiel dafür, dass die jüngeren Generationen sehr viel unkomplizierter mit dem Thema Rückgabe umgehen. Um eine Rückgabe selbst kümmert sich die Behörde aber nicht, das müssen die Parteien unter sich ausmachen. Sammler durchforsten Bestände

Die deutschen Museen, Bibliotheken und Archive seien bei dem Thema NS-Raubkunst und Beutekunst schon sehr sensibel. Bislang haben sich aus Deutschland 659 Institutionen gemeldet, davon fanden 580 keine verdächtigen Objekte. Die restlichen 79 benannten 6800 Gegenstände, bei denen es sich um NS-Raubkunst oder Beutekunst handeln könnte. Die Zahl der Privatpersonen ist mit 41 deutlich geringer, sie haben 240 verdächtige Objekte gemeldet; allerdings ist der Anstieg deutlich: 2008 hatten 30 Menschen 40 Objekte benannt. „Es gibt viele Sammler, die sukzessive ihre Bestände durchgehen”, erläutert die Leiterin der Dokumentation, Andrea Baresel-Brand.

Die Arbeit der 1994 gegründeten Koordinierungsstelle, die seit Anfang des Jahres den Untertitel „Einrichtung des Bundes und der Länder für Kulturdokumentation und Kulturgutverluste beim Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt” trägt, wird immer neu auf den Prüfstand gestellt. Erst im vergangenen Jahr wurde ihre Laufzeit bis 2016 verlängert. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hatte bei dem Anlass bekräftigt, dass es in der Frage der NS- Raubkunst für die Bundesrepublik keinen Schlussstrich gebe.
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