Aachen - „Made in Utrecht“: Vom Ende der Welt nach Aachen

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„Made in Utrecht“: Vom Ende der Welt nach Aachen

Von: Eckhard Hoog
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Die Heimat der Figuren Heiliger Olaf, Maria mit Kind und Erzengel Michael befindet sich am Polarkreis: Seit knapp 500 Jahren gehört dieses Altarretabel zu einer Holzkirche auf der einsamen norwegischen Insel Leka. Kurator Michael Rief und Tone Olstad vom Norwegischen Institut für kulturelles Erbe in Oslo packten das herrliche Stück jetzt aus. Ab Mittwoch, 13. März, ist es im Rahmen der Ausstellung „Made in Utrecht“ im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum zu bewundern. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Fast 500 Jahre lang haben sie ihre Heimat in der Kirche auf der Insel Leka am Polarkreis in Norwegen, rund 800 Kilometer nördlich von Oslo gelegen, nur ein einziges Mal verlassen – das Trio Maria mit Kind, Heiliger Olaf und Erzengel Michael: 1958 war es, da ging der Trip zum Rijksmuseum nach Amsterdam.

Jetzt stecken sie wieder in einer Kiste und warten nach langer Reise darauf, dass man ihr Flehen erhört: „Ich bin ein Mittelalter-Star, holt mich hier raus!“ Michael Rief, Restaurator und Kurator am Aachener Suermondt-Ludwig-Museum, legt den Bohrschrauber an und entfernt die erste Schraube, nachdem zwei starke Männer die Kiste schräg an die Wand gelehnt haben – dirigiert von Tone Olstad aus Oslo. Sie arbeitet am Norwegischen Institut für kulturelles Erbe und wurde eigens eingeflogen, um das Auspacken ihrer Schützlinge in Aachen zu überwachen.

Die drei Figuren sind Teil eines Altarretabels – jener aufklappbaren Schautafel, die sich für gewöhnlich hinter dem eigentlichen Altar befindet –, das irgendwann zwischen 1520 und 1530 in Utrecht als Exportartikel für Norwegen entstand. Das ungemein lebendig wirkende Trio könnte in der Tat Star der Ausstellung „Made in Utrecht“ werden, die in der nächsten Woche, am Mittwoch, 13. März, um 17 Uhr eröffnet wird.

90 heute in ganz Europa verstreute Skulpturen aus dem Jahrhundert zwischen 1430 und 1530 lassen im Suermondt-Ludwig-Museum eine vergessene Blütezeit der Kultur in den Niederlanden wieder aufleben. Eine Epoche, die selbst im Ursprungsland im kollektiven Gedächtnis weitgehend verblichen ist – allzu nachhaltig wirken die Folgen der barbarischen Bildersturmbewegung bis heute hin nach, die auch die nördlichen Niederlande, namentlich Utrecht, zwischen 1566 und 1580 heimgesucht hatte.

Vielbeachtete Pionierarbeit

Das Suermondt-Ludwig-Museum, das die Idee zu einer Ausstellung von mittelalterlichen Bildwerken aus Utrecht hatte und sie zusammen mit dem Utrechter Museum Catharijneconvent realisiert hat, leistet damit eine Pionierarbeit, die bereits jetzt international vielbeachtet wird. Und hoffentlich auch beim breiten Publikum eine große Resonanz finden wird.

Der Kistendeckel ist entfernt, das Seidenpapier vorsichtig heruntergezogen, der Altar auf das Podest gesetzt. Voller Spannung klappt Michael Rief die Flügel auf. In der Tat: Erzengel Michael hat Bewunderung verdient. Sein breites Gesicht umrahmt eine herrlich vergoldete, reiche Lockenpracht. Mit erhobenem Schwert unterwirft er ein grässliches Ungeheuer zu seinen Füßen. Genial geschnitzt von einem Künstler, dessen Namen niemand kennt, der in der Fachwelt lediglich „Meister des Utrechter steinernen Frauenkopfes“ genannt wird. Diese Steinskulptur gilt als Referenzwerk des unbekannten Bildhauers, von dem man nur weiß, dass er in der fraglichen Zeit zwischen 1520 und 1530 eine Werkstatt in Utrecht unterhielt. Die breite Stirn der Maria, die hervorstehenden Augenlider, das sich nach unten hin verjüngende Gesicht – sein ganz persönliches Schönheitsideal hat dieser mittelalterliche Meister in Holz und Stein verewigt, genau daran ist er immer wieder zu erkennen.

Abenteuerlich war es für die beiden Aachener Kuratoren, Michael Rief und Dagmar Preising, das gute Stück, dessen Existenz der Fachwelt lediglich aus einem wissenschaftlichen Aufsatz aus dem Jahr 1967 bekannt ist, in Norwegen im September 2011 aufzuspüren. Für Mitteleuropäer beinahe am Ende der Welt: Flug bis Oslo, Weiterflug bis Trondheim, Fahrt bis Namsos, weitere drei Stunden mit dem Auto inklusive zwei Fähren – einen ganzen Tag dauert die Reise zu der abgelegenen Insel Leka. „In einer Holzkirche haben wir den Altar dann gefunden“, erzählt Dagmar Preising von ihrer ersten Begegnung mit dem Stück. Das in seiner puren Schönheit wohl auch jenen Kunstfreunden Freude bereiten wird, die mit katholischer Religion weniger am Hut haben.

Zunächst musste das Denkmalamt in Oslo überzeugt werden, dass der Altar zwingend in die Aachener Ausstellung gehen muss, dann der Bischof von Leka. Der legte sich quer – „aus konservatorischen Gründen unmöglich“, hieß es. Als gutes Argument erwies sich dann die Bereitschaft, das leicht beschädigte Kunstwerk zu restaurieren – der Bischof gab das Stück frei. Die Kosten in Höhe von umgerechnet 24 000 Euro teilten sich das Osloer Denkmalamt, das die Hälfte übernahm, das Museum Utrecht und das Suermondt-Ludwig-Museum.

Der Legende nach soll das Leka-Retabel ebenso wie vier weitere Stücke in Norwegen von der Habsburger Prinzessin Isabella, Gattin des dänisch-norwegischen Königs Christian II., gestiftet worden sein, nachdem sie ein Unwetter auf hoher See unbeschadet überstanden hatte. Als wahrscheinlicher gilt indessen, dass eine Gemeinschaft von Fischern den Altar in Utrecht bestellt hatte.

Aus zusammengeleimten baltischen Eichenholzbrettern bester Qualität pflegte der Meister des Utrechter steinernen Frauenkopfes seine Exportartikel zu fertigen – haltbar genug, um selbst eine Reise in die damals wohl ziemlich unwirtliche Gegend südlich der Lofoten zu überstehen. Preising und Rief kennen die Merkmale der einzelnen Utrechter Meister inzwischen bestens. In den letzten Jahren haben sie umfangreich geforscht und sind nach ausgiebigen Studien von Veröffentlichungen jeder Art zu Ergebnissen gekommen, die selbst die Kollegen in Utrecht überrascht haben.

Danach gab es im Zuge der Entstehung des Utrechter Doms rund 60 Bildschnitzerwerkstätten in der Stadt. Während die Zentren in den südlichen Niederlanden bekannt und erforscht sind, war Utrecht bis dato in dieser Hinsicht ein eher unbekanntes Terrain. Zusammen mit Spezialisten aus den Niederlanden gründeten Rief und Prei-sing eine Forschungskommission, die im Rahmen der Ausstellung am 1. Juni in Aachen ein Symposium zum Thema veranstalten wird, das für jeden Interessierten zugänglich sein soll.

Das Wissen zahlte sich auf ganz erstaunliche Weise aus: Auf einer privaten Polenreise glaubte Dagmar Preising ihren Augen nicht zu trauen, als sie in einer Ausstellung in einem Schloss im südpolnischen Niepolomice eine Heiligenfigur entdeckte, deren Herkunft dort betitelt war mit „Nördliche Niederlande. Utrecht?“ Allein: Die breite Stirn, die unverkennbare Gesichtsform, die vorstehenden Augenlider – die Figur konnte nur von einem stammen: dem Meister des Utrechter steinernen Frauenkopfes.

Als dann auch noch das Material feststand – zusammengeleimte Eichenbretter –, war der Nachweis klar. Letzte Gewissheit soll noch eine dendrochronologische Untersuchung des Holzmaterials bringen. Die Kunsthistoriker des Krakauer Nationalmuseums, aus dem das Objekt stammt, waren jedenfalls begeistert von der unverhofften „Amtshilfe“ ihrer Aachener Kollegin. Sie wurde daraufhin dazu eingeladen, einen Aufsatz über ihren Fund für das Jahrbuch des Krakauer Museums zu verfassen. Für die Ausstellung in Aachen kam der Fund allerdings leider zu spät.

Dennoch: „Es ist sehr schön, dass wir in diesem Jahr eine Skulpturenausstellung präsentieren können“, freut sich Michael Rief. „Schließlich ist das doch der Schwerpunkt unserer Sammlung. Im Gegensatz zu anderen Museen mit mittelalterlichen Skulpturen, die vornehmlich begrenzte Regionen abdecken, haben wir einfach alles.“

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