Lyrik ist heikel? Muss nicht sein. Aber manchmal ist es so.

Von: Susanne Schramm
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Da raschelt das Papier: der große Lyrik-Abend bei der Lit.Cologne mit Michael Krüger, Jan Wagner, Moderatorin Elke Heidenreich, Nora Bossong und Jürgen Becker (von links). Foto: Thomas Brill

Köln. Ein „Fest der Wörter, unerwartet, kühn, blendend, voller Brüche und Schönheiten“ sollte es werden. Stattdessen kam der „Große Lyrikabend“ der Lit.Colog- ne, im Klaus-von-Bismarck-Saal des WDR-Funkhauses von Elke Heidenreich präsentiert, vergleichsweise bescheiden daher. An der Auswahl der vier zeitgenössischen Lyriker lag das nicht.

Jürgen Becker (Jahrgang 1932), Michael Krüger (Jahrgang 1943), Jan Wagner (Jahrgang 1974) und Nora Bossong (Jahrgang 1982) deckten ein hochkarätiges Spektrum ab, das vom „poetischen Urgestein“ (Heidenreich über Becker) bis zur jungen, vom Feuilleton hoch gelobten Peter-Huchel-Preisträgerin des Jahres 2012 reichte.

Eingeladen hatte die Gäste Michael Krüger, von 1968 bis Ende 2013 Chef des Hanser Verlags. Die Bände „Scheunen im Gelände“ (Becker), „Sommer vor den Mauern“ (Bossong) und „Die Eulenhasser in den Hallenhäusern“ (Wagner) sind dort erschienen, Krügers „Umstellung der Zeit“ kam 2013 bei Suhrkamp heraus. Mit Heidenreich hat man eine Moderatorin verpflichtet, die schon Erfahrung aus der Lit.Cologne-Gala „Lauter Lyrik“ (2008) mitbrachte. Der Saal war komplett ausverkauft, so schlimm wie ihr heikler Ruf ist Poesie also doch nicht.

Oder müsste sie zumindest nicht sein. Bei Heidenreichs Moderation allerdings springt der Funke nicht über, die Gäste werden abgefragt („Darf man reimen?“), kommen aber nicht miteinander ins Gespräch. Knapp 90 Minuten reichen dafür auch kaum aus. Bei den Lesungen lässt die Tontechnik zu wünschen übrig – was bei einem Hausherrn wie dem WDR verwundert. Stellenweise versteht man kein Wort.

Auch wird viel geblättert in Büchern, bei denen eigentlich im Vorhinein hätte feststehen können, was daraus vorgetragen wird. Welches Gedicht mit welchem Titel jetzt gerade dran ist, lässt sich teils nur schwer eruieren. Während Bossong ihren fließenden Zeilen durchaus ein „Ich“ zugesteht, versteht sich Becker eher als Chronist, der beobachtet und sich selbst dabei zurücknimmt.

Die Zeilen, die er 1964 schrieb – „Nächste Seite, alles, fängt von vorne an“ – besitzen bis heute Gültigkeit. Wagner splittet sein lyrisches Ich in „Die Eulenhasser in den Hallenhäusern“ in die fiktiven Dichter Anton Brant, Theodor Vischhaupt und Philip Miller, einen Bauern und Autodidakten, einen in Anagrammen dichtenden Sonderling und einen Epigonen Goethes.

Krügers Gedicht „Was noch zu tun ist“ bringt die Melancholie eines immer leiser, aber auch unaufschiebbarer werdenden „Carpe Diem“ auf einen sehr persönlichen Punkt. Hinterher finden die Bücher reißenden Absatz. Zuhause kann man so laut lesen, wie man will, und man weiß auch, was.

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