Aachen - Ludger Engels stemmt den Jelinek-Brocken „FaustIn and Out“

Ludger Engels stemmt den Jelinek-Brocken „FaustIn and Out“

Von: Jenny Schmetz
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Aachen. Durch das ganze Aachener Theater hat Ludger Engels sein Publikum schon wandern lassen, er hat es auf die Bühne geführt und in Busse verfrachtet. Sogar in einen Käfig hat der Regisseur es bereits gelockt. Und nun „steckt“ er es halt in die Kiste. Genauer gesagt: in drei Holzkisten. Rund 50 Quadratmeter groß, sollen sie jeweils 50 Zuschauern ein gewisses „Keller-Feeling“ vermitteln.

Im Dustern eingezwängt, werden sie Passagen aus Elfriede Jelineks Goethe-Überschreibung „FaustIn and Out“ hören: einen scharfzüngig kalauernden Wortschwall über Kerkermeister und Kellerkinder. Mit spartenübergreifenden Installationen und Projekten wie „Europeras“, „Terror.Revolte.Glück“ oder „Tomorrow, maybe“ hat Engels den Theater-Betrieb schon mal zum Ächzen und manchen Zuschauer zum Schnaufen gebracht.

Auch mit seiner ersten Jelinek-Inszenierung geht der 50-Jährige jetzt wieder an Grenzen. „Ein ganz schöner Brocken“ sei Jelineks 2012 uraufgeführtes „Sekundärdrama“ zu, mit und gegen Goethes „Urfaust“. Wie ein Hund soll es nach dem Wunsch der Nobelpreisträgerin kläffend neben dem Klassiker herlaufen – und gerne auch das Bein heben. „Ja, es wird ein bisschen am Denkmal Goethe gerüttelt“, bestätigt der Regisseur. Denn Jelinek stellt klar: Faust ist ein Kinderschänder. Die Tragödie um das minderjährige Gretchen – vom Gelehrten geschwängert, verlassen und im Kerker endend – vermengt die österreichische Fachfrau für männliche Unterdrücker mit realen Kriminalfällen aus ihrer Heimat: etwa dem des Inzest-Täters Josef Fritzl.

Klingt das zentrale Thema der geschändeten, der eingekerkerten Frau schon heftig, scheinen auch die Proben keine leichte Übung: „Eigentlich laufen fünf Inszenierungen parallel“, sagt Engels. Während die drei Schauspielerinnen Elisabeth Ebeling, Emilia Rosa de Fries und Katja Zinsmeister in den drei Boxen auf der großen Bühne jeweils Jelinek-Monologe sprechen, spielen daneben sowie auf Metallstegen und -leitern darüber Thomas Hamm und Tim Knapper Goethes Faust und Mephisto, dazu singen acht Frauen des Sinfonischen Chors. Denn musikalisch soll die Inszenierung des Musikers und Musikwissenschaftlers Engels natürlich auch werden – zumal die Autorin einen ganz eigenen Sound pflegt. Engels sagt sogar: „Ich habe durch Jelinek den Klang der Goetheschen Sprache neu entdeckt.“

Trotz der belastenden Proben genießt Engels seinen neuen „Luxus, nur Regisseur zu sein“. Nach acht Jahren als Chefregisseur und stellvertretender Intendant am Theater Aachen ist er jetzt freiberuflich unterwegs. Er sah „nach so langer Zeit an einem Haus“ die Gefahr, sich auf einem Gleis festzufahren. Nun hat der gebürtige Duisburger hier zwar kein Büro mehr, aber er will dem Theater treu bleiben – als „künstlerischer Berater“ und Regisseur. Und neben der Berliner Wohnung behält er auch eine Dependance in Aachen.

Aber nun kann er mehr „auswärts“ arbeiten: Zuletzt machte er Luigi Nonos „Intolleranza 1960“ in Augsburg zum städtischen Spektakel, demnächst lässt er Benjamin Brittens „Peter Grimes“ in einer alten Army-Reithalle in Bern spielen. Zudem möchte sich Engels mehr der bildenden Kunst nähern – und vielleicht ein bisschen mehr Privatleben haben. So plant er, im Februar mit seinem Freund drei Wochen durch Indien zu reisen. „Schon drei Mal habe ich die Tickets gebucht, diesmal sollte es endlich klappen!“

Aber vor seinem Urlaub muss der durchtrainierte Engels erst mal den Jelinek-„Brocken“ stemmen. Der soll nicht nur schwer sein, sondern auch unterhaltsam – und mit dem ungewöhnlichen Raumkonzept von Philipp Berweger wieder Engelse_SSRq Grundfrage folgen: „Wie mache ich Zuschauer zum Mitgestalter?“ Das Publikum darf im Wechsel auch im ersten Rang oder auf der Bühne Platz nehmen – also zwar rein in die Kiste, aber auch raus aus der Kiste. „Es gibt genügend Fluchtmöglichkeiten“, betont Dramaturg Harald Wolff und lacht.

Zuletzt war mit „Totenauberg“ 1994 eine Jelinek-Produktion am Aachener Theater zu sehen. Damals flüchteten einige. „Wie muss man sich da vorbereiten?“, haben Engels jetzt Zuschauer gefragt. „Gar nicht!“, empfiehlt er. „Einfach eintauchen in das Stimmen-Meer!“

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