Aachen - Liebe und Verrat, aber kein Strauss-Kahn

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Liebe und Verrat, aber kein Strauss-Kahn

Von: Jenny Schmetz
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Sehr jungen Ensemble: Katrin S
Sehr junges Ensemble: Katrin Stösel (Barbarina, von links), Hrólfur Saemundsson (Graf Almaviva), Astrid Pyttlik (Cherubino), Katharina Hagopian (Gräfin Almaviva) und Jelena Raki? (Susanna) werfen sich in Mozarts Liebes-Verwirrspiel „Le nozze di Figaro”. Foto: Carl Brunn

Aachen. Beworben hat er sich nicht. Und Bier getrunken mit dem Intendanten auch nicht, betont Michael Helle. Daher kam das Angebot, Mozarts Oper „Le nozze di Figaro” am Theater Aachen zu inszenieren, für ihn „wirklich sehr überraschend”.

Ungewöhnlich ist es tatsächlich: Schließlich war Helle bis 2005 fünf Jahre lang Schauspieldirektor am Aachener Haus. Und in der Branche ist es nicht gerade üblich, dass ein neuer Intendant einen Ex-Chef wieder engagiert.

Gut, man habe sich bei der einen oder anderen Premierenfeier begrüßt, sagt Helle, denn er lebt weiterhin in Aachen, seine Frau ist Künstlerische Betriebsdirektorin am Theater. Aber es gibt „keine Connections”. Offenkundig ist Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck überzeugt von der Arbeit Helles, der in Aachen neben vielen Schauspielen bereits vier Opern inszeniert hat.

„Kein Nachtreten”

Nach mehr als sechs Jahren zurück an der alten Wirkungsstätte - da könnten sentimentale Gefühle aufflammen. Michael Helle klingt eher nüchtern. Der erste Arbeitstag ist schon „ein bisschen eigenartig” gewesen, sagt der 59-Jährige. So, als ob er gar nicht weg gewesen wäre. Eigentlich hatte er ja mit der Aachener Zeit abgeschlossen, um sich als freier Regisseur neuen Herausforderungen zu widmen, beispielsweise in Bonn, Darmstadt oder Osnabrück.

Rückblickend schätzt der ehemalige Schauspielchef die fünf Jahre sehr. „Da gibt es kein Nachsinnen, Nachtrauern oder Nachtreten”, obwohl ihn „die unsägliche Finanzdiskussion” an früher erinnern mag: Vor acht Jahren hatte Helle seinen Abschied vom Aachener Theater angekündigt - angesichts herber Sparbeschlüsse. Auch nun kommt die öffentliche Debatte über Formen und Inhalte wieder viel zu kurz, meint er. Aber in die Diskussion möchte er sich jetzt gar nicht einmischen, er trage ja keine Verantwortung mehr. Und in seiner „Figaro”-Inszenierung spielen Sparpläne „überhaupt keine Rolle”.

Die Dienstboten Figaro und Susanna werden also keine Protest-Plakate hochhalten. Zwar verweist Helle darauf, dass das 1786 uraufgeführte Meisterwerk Mozarts und seines Librettisten Lorenzo da Ponte die erste Oper war, „in der die Gegenwart auf die Bühne kam”, und gegenwärtig ist für ihn auch heute der Geist des Stücks. Wichtiger als die (vor)revolutionäre Stimmung findet er allerdings die emotionale Spannung. „Diese Konflikte können uns heute auch noch sehr tief treffen.” Wenn der Graf etwa plötzlich die Angestellte seiner Frau begehrenswert findet, aber diese trotzdem noch liebt.

„Was mich nicht interessiert, ist Strauss-Kahn”, betont Helle, „also das Verhältnis von Macht und Sexualität.” In der Intrigenkomödie rund um vier Paare gehe es weniger um Triebe als um Gefühle: um die Beherrschung und den Ausbruch von Gefühlen, um Liebe, Verrat und Vergebung. „In einigen Momenten habe ich sogar an ,Szenen einer Ehe gedacht”, sagt Helle. Ingmar Bergmans Ehe-Psychogramm diente bei seinen Proben genauso als „Futter” für die Sängerdarsteller wie August Strindbergs Anmerkungen über die Eifersucht oder Goethes „Werther”.

„Ein großer Vorteil bei der Arbeit ist das sehr junge und engagierte Ensemble”, meint Helle. Es komme den Rollen-Vorgaben entgegen und arbeite nicht nur sängerisch, sondern auch szenisch auf hohem Niveau. Dabei hat der Regisseur auch hohe Anforderungen: „Wenn ich den Ton ausschalte, möchte ich das Gefühl haben, ich bin im Schauspiel”, hatte er zu Beginn der Proben vorgegeben. So wurden die Rezitative zunächst gesprochen geprobt, ohne musikalische Begleitung.

Helle will die „Reduzierung auf das Wesentliche”, „kein Verpackungstheater”. Der Frage nach Bühne und Kostümen geht er lieber aus dem Weg. Nur so viel: Weder werden Jeans und Handys auf der Bühne auftauchen noch die Damen Mieder schnüren. Und dass Helle sehr gerne leere Räume mag, ist auch kein Geheimnis.

Mancher Zuschauer könnte sich da an den letzten Aachener „Figaro” erinnert fühlen: Vor elf Jahren eröffnete Paul Esterhazy seine Intendanz als Regisseur mit einer klaren ästhetischen Marke. Auf völlig leerer Fläche, ohne Requisiten. Ganz so reduziert wie bei seinem Ex-Chef wirds wohl nicht. Und da muss Michael Helle dann doch mal trocken lachen und anmerken: „Um Türen komme ich nicht herum.

Die Premiere ist am kommenden Sonntag

Mozarts „Le nozze di Figaro” hat am Sonntag, 4. Dezember, 18 Uhr, im Theater Aachen Premiere. Weitere Aufführungen bis zum 12. April. Gesungen wird „Figaros Hochzeit” auf Italienisch mit deutschen Übertiteln. Karten: siehe Ticketbox.

Am Pult arbeitet Generalmusikdirektor Marcus Bosch. Die Hauptpartien singen Hrólfur Saemundsson (Graf), Katharina Hagopian (Gräfin), Jelena Rakic (Susanna), Astrid Pyttlik (Cherubino) und als einziger Gast Shadi Torbey (Figaro). Die Ausstattung stammt von Dieter Klaß, mit dem Michael Helle schon mehrfach in Aachen zusammengearbeitet hat, etwa bei „Ödipus” oder „Mamma Medea”.

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