Leopold-Hoesch-Museum: Verbrannte Erde und strenge Formen

Von: Eckhard Hoog
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Kunst aus der Schweiz, Nordfrankreich und den USA zeigt sie im Winterprogramm des Dürener Leopold-Hoesch-Museums: Direktorin Renate Goldmann. Der Amerikaner Sam Lewitt hat eine Denkschrift „Verbrannte Erde“ über die Kriegsschäden in Düren, Jülich und Hürtgenwald von 1949 zu einem Kunstwerk kreiert. Foto: Stephan Johnen

Düren. Sie haben wieder umfassend zugeschlagen – besser: aus dem Vollen geschöpft. Für das, was Renate Goldmann und Jeannine Bruno, die Direktorin des Dürener Leopold-Hoesch-Museums und ihre Museumspädagogin, mit dem neuen Winterprogramm bieten, sollte man sich viel Zeit nehmen, mindestens einen halben Tag.

Den kann man hier voller Inspirationen – in gleich fünf Ausstellungen auf einmal – mühelos verbringen. Die beteiligten Künstler kommen unter anderem aus Frankreich, der Schweiz, Deutschland, den USA – und unterstreichen einmal mehr die internationale Präsenz des Hauses.

In Zusammenarbeit mit dem Frac Nord-Pas de Calais aus Dünkirchen wird eine Sammlung aktueller konzeptueller Kunst gezeigt; der Amerikaner Sam Lewitt hat dem Museum ein individuelles Werk als Geschenk der Kunststiftung NRW kreiert; die Schweizer Jörg Glattfelder und Daniel Bisig präsentieren die zeitgenössischen Spielarten der Konkreten Kunst, die auf mathematisch-geometrischen Gundlagen beruht; die „Werkloge“, der museumseigene Raum für Kunstvermittlung, präsentiert Arbeiten, die von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in Auseinandersetzung mit ausgewählten Werken aus der hauseigenen Sammlung entstanden sind; schließlich sind die Jahresgaben des Museumsvereins mit Werken unter anderem von Klaus Dauven, Arjan Stockhausen und Heinz Mack zu sehen und zu erwerben.

Thema „Kunst und Philosophie“

Das Generalthema lautet diesmal „Kunst, Philosophie und Wissenschaft“ – konkret: Wie schöpfen zeitgenössische Künstler ihre eigenen Inspirationen aus Naturwissenschaften oder geistesgeschichtlichen Zusammenhängen und Strömungen? Und: Wie gehen wir Alltagsmenschen heute eigentlich mit der Flut an Informationen und auch unseren allmählich verblassenden Erinnerungen um?

Genau dazu liefert der amerikanische Künstler Sam Lewitt, 1981 in Los Angeles geboren – er lebt heute in New York –, einen Beitrag, der unmitelbar auf Düren und seine Geschichte zugeschnitten ist. Seine Arbeit „Verbrannte Erde: Second Salvage“ (zweite Bergung, Rettung) ist ein Beispiel dafür, wie zeitgenössische Kunst das Thema „Erinnerung“ befragt.

Die Vorgeschichte: 25 internationale Künstler hatten von der Kunststiftung NRW zu deren 25-jährigem Jubiläum den Auftrag erhalten, für jeweils eines von 25 ausgewählten städtischen Museen in Nordrhein-Westfallen ein individuelles Kunstwerk zu schaffen. Lewitt wurde dem Hoesch-Museum zugelost – und bekam von Renate Goldmann den inspirierenden Tipp, sich einmal eine Publikation des ersten Dürener Landrates Armin Renker aus dem Jahr 1949 anzusehen: „Verbrannte Erde. Düren. Hürtgenwald. Jülich“, eine Fotodokumentation des Vernichtungswerks des Krieges in den drei Orten, verbunden mit dem Dank an Ministerpräsident Karl Arnold für dessen Verdienste um den beginnenden Wiederaufbau der Heimatgebiete und dem Appell, die Wiederherstellung fortzusetzen. Renate Goldmann hatte ein Original dieser Denkschrift von ihrem Vater geschenkt bekommen, als sie ihr Amt in Düren antrat.

Lewitt reagierte voller Enthusiasmus und stellt das Recycling moderner Materialen symbolhaft in Beziehung zu dem Schicksalssyndrom einer ganzen Region. Metallische Speicherelemente aus Computern – Relikte des digitalen „Gedächtnisses“ – hat er verschmolzen zu einem kachelartigen Gebilde, das exakt der quadratischen Größe jener alten Publikation von Armin Renker entspricht. Und er kombinierte das mit einer wappenverzierten Eifeler Ofenplatte aus dem Bestand des Leopold-Hoesch-Museums – auf seine Weise auch ein Erinnerungsstück aus der Heimat.

Puristisches aus der Schweiz

Streng bis puristisch geht es im Erdgeschoss des Museums zu, wo der mathematisch-geometrischen Konkreten Kunst mit den Schweizern Hans Jörg Glattfelder und Daniel Bisig gefrönt wird. Bisig, Dozent am Institut für künstliche Intelligenz der Universität Zürich, setzt den Computer ein, um mit bewegten projizierten Bildern „den gekrümmten Raum zu visualisieren“. Bei der Eröffnung kann man sich das ja mal erklären lassen – garantiert ist allerdings nicht, das man es auch versteht.

Klassischer geht Glattfelder dabei vor, mit einfachen farblich-geometrischen Elementen unter Vermeidung des rechten Winkels ästhetische Prinzipien, die aus den Wissenschaften und der Philosophie gewonnen wurden, zu visualisieren. Der philosophische Hintergrund sieht man den luftigen Gebilden jedenfalls nicht an.

Der französische Kulturminister Jack Lang rief 1982 unter der Präsidentschaft von François Mitterrand unter dem Namen Frac einen Verbund von verschiedenen französischen Sammlungen zeitgenössischer Kunst in 23 Regionen des Landes ins Leben. Eine davon ist die Institution in Dünkirchen, die jetzt eine Kollektion mit Werken internationaler Künstlern verschiedener Generationen zum Schauprogramm in Düren beisteuert.

Zentrales Thema ist die Fragmentierung der Wirklichkeitserfahrung im digitalen Zeitalter mit seiner unendlichen Flut an Informationen, die kaum noch eingeordnet werden können. Zu sehen sind Werke von Marcel Broodthaers, Hanne Darboven, Cosima von Bonin und vielen anderen.

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