Aachen - Lebensentwürfe prallen aufeinander: „Kabale und Liebe”

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Lebensentwürfe prallen aufeinander: „Kabale und Liebe”

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
Schillers „Kabale und Liebe” z
Schillers „Kabale und Liebe” zum Saisonauftakt im Theater Aachen vielbeklatscht: mit (von links) Robert Seiler Thomas Hamm, Elisabeth Ebeling, Karsten Meyer und Emilia Rosa de Fries. Foto: Carl Brunn

Aachen. Am Ende - das Liebespaar liegt tot am Boden - ergehen sich die Intriganten in quälend endlosen Wiederholungen von Schuldzuweisungen und Phrasen, jede Verantwortung von sich weisend.

Das Schlussbild in „Kabale und Liebe”, inszeniert von Bernadette Sonnenbichler im Theater Aachen, kommt einem gerade in diesen Tagen mächtig bekannt vor: Den Preis der Gier - sei es nach Macht, Ruhm oder Reichtum - mag, wenn es schiefgeht, niemand zahlen...... Der Saisonauftakt mit Schillers Schauspiel im Großen Haus stieß am Samstagabend nach drei Stunden auf viel Beifall des Publikums, das auch mit Bravos nicht sparte.
Drama auf der Drehbühne

Unausweichlich dreht sich das Rad des Schicksals auf die Katastrophe zu - weder die Liebenden noch die Drahtzieher, weder Luise (Emilia Rosa de Fries) und Ferdinand (Robert Seiler) noch dessen Vater, der Präsident (Karsten Meyer), und der Hofmarschall (Rainer Krause) können dem Unheil entgehen.

Jens Burde und Jürgen Schmid setzen den dramatischen Mechanismus auf der Drehbühne ins Bild und strapazieren dabei ausgiebig die Metapher der Maschine, in der jeder Mensch wie ein Rädchen nur mehr funktioniert: Metallisch rumpelnd rotiert die Szenerie immer wieder. Das ganze Gebilde ähnelt zwar frappierend einer überdimensionalen Klangtrommel aus dem Waldorf-Kindergarten, geht aber durchaus auch als Burg oder Gefängnis durch, in dem Anweisungen über Lautsprecher an Masten verbreitet werden - ein Ausdruck von Macht und Totalitarismus. Hier gelingt keinem die Flucht.

Singender Conferencier

Eine Art singender Conferencier mit lila Rüschenhemd, Frack und gelegentlichem Apfel auf dem Kopf in Gestalt von Joey Zimmermann verbindet die Szenen mit Musik und erhellenden Songs wie „Love is a battlefield” und „The beauty and the beast”. Bei all den altväterlich wirkenden schwulstigen Hyperbeln der Schiller’schen Sprache vermutlich ein Zugeständnis an die Sehgewohnheiten eines musicalerfahrenen jungen Publikums, das „Kabale” heute nur noch entfernt an ein kakaohaltiges Milchmixgetränk erinnert. Aber irgendwie haben sich das Wort und dieser Slang ja auch tatsächlich nicht durchsetzen können.

Das Pathos überspielen die Darsteller jeweils auf ihre Weise und versuchen, den hohen Ton auf Menschen wie du und ich herunterzuschrauben. Emilia Rosa de Fries gelingt das ganz gut, sie bewahrt sich trotz der komplizierten Wortfolge eine herzerfrischende Natürlichkeit. Das zunächst unverdorbene und schwärmende Bürgermädchen folgt brav dem Vater, entsagt dem adeligen Geliebten, aber gibt der abgetakelten Mätresse Lady Milford (Bettina Scheuritzel) mit rebellischem Unterton ordentlich Zunder. In jedem Moment spürt man, was im Inneren der Figur vorgeht.

Bei ihrem geliebten Major, dem Ferdinand alias Robert Seiler, hat man ein Déjà-vu-Erlebnis: Die Gesten, mit denen er seine Angebetete beschwört, könnten den Musikvideos eines Adel Tawil von Ich & Ich entsprungen sein - statt „Pflaster auf meiner Seele” heißt es hier „Die Stürme des widrigen Schicksals sollen meine Empfindung emporblasen.” Der Text wechselt, die typische Körpersprache bleibt. Das mag unter der Regie Bernadette Sonnenbichlers so beabsichtigt sein - der Gleichmut, mit dem Ferdinand am Ende das jähe Ableben der von ihm vergifteten Luise und deren spätes Geständnis hinnimmt, ist doch deutlich zu cool.

Besser nachzuempfinden ist da zuvor das verzweifelte Aufbegehren gegen den übermächtigen Vater. Eine starke Szene, in der die Lebensentwürfe unterschiedlicher Generationen aufeinanderprallen. Hier dürfte sich so mancher Zuschauer auf der einen wie auf der anderen Seite wiederfinden

Bettina Scheuritzel im roten Lotterleibchen verbrennt sich förmlich als gierige femme fatale, die schließlich doch noch den letzten Rest an Ehre und Selbstachtung emporkeimen lässt - in einer rasanten Szene von einer furios aufspielenden Emilia Rosa de Fries dazu getrieben. Das reine Herz, und es siegt doch......

Kaum älter als sein Sohn erscheint Karsten Meyer als skrupelloser Präsident, der sich nicht scheut, den eigenen Sohn als Instrument seiner Machtgier zu benutzen. Sein blutroter Handschuh stört auch nicht weiter, man gewöhnt sich daran. Meyer würzt seine Rolle bei aller Bosheit gekonnt mit einem guten Schuss (Selbst-) Ironie, bleibt durchweg glaubwürdig ebenso wie Thomas Hamm als gefährlich-gerissener Sekretär Wurm, als unterkühlter Zyniker und gewitzter Profiteur des ganzen Machtsystems sehenswert.

Rainer Krause setzt augenzwinkernde, witzige Akzente als Hofmarschall, dem unter Schnapseinfluss buchstäblich ein Licht aufgeht, um wie vieles besser es doch für ihn ist, das intrigante Spiel mitzuspielen, um die „ungünstige” Verbindung von Luise und Ferdinand auseinanderzutreiben.

Kernig und erdverbunden

Kernig, erdverbunden, stur, prinzipientreu, mit einem Horizont von kleinbürgerlicher Moral und Lebenserfahrung geprägt - der Mann aus dem Volk: Andreas Herrmann gibt Luises Vater ein pralles Profil. Darin steht ihm Elisabeth Ebeling mit ihrer Warmherzigkeit in nichts nach.

Ein Abend mit berührenden Momenten.

Die weiteren Aufführungen: 18., 24. September; 1., 6., 8., 14., 23., 31. Oktober; 13. November; 14., 16. Dezember; 16. Januar, 3., 26. Februar; 26. März.
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