La Traviata in Köln: Trügerisches Familienglück entlarvt

Von: Pedro Obiera
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Sie stirbt jung, aber nicht einsam. Violetta (Olga Mykytenko) in den Armen von Giorgio Germont (Georg Tichy), zu ihren Füßen ihr geliebter Alfredo (Fernando Portari). Foto: Paul Leclaire

Köln. Nach zwei durchwachsenen Ausflügen in die Welt Richard Wagners kehrt Dietrich Hilsdorf zu Giuseppe Verdi zurück. Der Aversion gegen Wagner („Wagner ist für mich die Pest”) steht die Liebe zu Verdi als Domäne gegenüber, ohne die Hilsdorfs Entwicklung nicht denkbar wäre.

Mit seiner allerersten „Traviata” bescherte er jetzt dem Kölner Opernhaus einen Erfolg, den der neue Intendant Uwe Eric Laufenberg nach dem missglückten Saisonstart mit den „Meistersingern” und Glucks „Orfeo” dringend brauchte.

Das Publikum jubelte nach langen Jahren trostloser Dürre wie befreit. Wie in seinen letzten Produktionen verzichtet Hilsdorf auch hier auf jede Provokation und verfeinert seine Ästhetik der Reduktion, mit der er mit einfachen Mitteln den Blick ins Innere der Figuren richtet.

Die Charakterisierung der Figuren schlägt sich in einer ungemein präzisen und logischen Personenführung nieder, die den Nerv des Dramas mit röntgenhafter Transparenz trifft und durchleuchtet.

Geradezu spektakulär gelingt ihm die Darstellung des alten Germont, der mit seinen eiskalten Ehrvorstellungen das junge Paar ins Unglück stürzt. Hinter der Fassade des vermeintlich treusorgenden Familienvaters blitzt immer wieder unaufdringlich, aber intensiv, dünkelhafter Starrsinn und berechnender Egoismus auf. Umso aufrichtiger gesteht er sich am Ende seinen Irrtum ein, ohne in weinerliche Selbstzweifel zu verfallen. Violetta selbst verzichtet auf jede tuberkulöse Röchelei und präsentiert sich als starke Frau, die mit ihrer Selbstaufgabe die Moralvorstellungen des Alten disqualifiziert.

Keine kranke Lunge

Eine Frau, die ihr Leid nicht aus der kranken Lunge, sondern aus der lieblosen Umgebung bezieht. Ihr Liebhaber Alfredo taumelt emotional entwurzelt zwischen Liebe, Zweifel und Hass. Hilsdorf gibt dem Zuschauer Zeit, die Konstellationen der Seelenzustände zu erfassen.

Dafür legt Maestro Markus Poschner überlange Generalpausen ein, die die Zeit anzuhalten scheinen. Besonders eindringlich wirkt die Sterbeszene Violettas. Keine Erstickungsattacken, kein verzweifelter Aktionismus: Hilsdorf entwirft ein trügerisch trautes Familienbild wie für das Fotoalbum. Germont, der Prinzipal, thront im Sessel, Violetta klammert sich an ihn, Alfredo liegt ihm zu Füßen, Arzt und Zofe vervollständigen das scheinbare Idyll.

All das taucht Hilsdorf in das Ambiente vornehmer, aber vom Zahn der Zeit angenagter Etablissements. Dass Violetta ihre große Arie im ebenfalls von einstigem Luxus zeugenden Vorraum einer Gaststättentoilette singt, wirkt in seiner Doppelbödigkeit zwingend (Ausstattung: Dieter Richter). Auch musikalisch gelang der Kölner Oper ein großer Wurf. Der Bremer Generalmusikdirektor Markus Poschner dirigiert mit ebenso sensibler wie zupackender Hand, hört aufmerksam auf die Sänger und bringt das Orchester ausgewogener zum Klingen als Kölns GMD Markus Stenz.

Olga Mykytenko investiert ihre reiche Rollenerfahrung als Violetta in eine völlig unsentimentale, psychologisch fein differenzierter Gestaltung ein. Stimmlich ohne Fehl und Tadel, mit nahezu mühelosen Höhen und einer hörenswerten Legatokultur. Die ließ Georg Tichy als Vater Germont im großen Duett mit Violetta zwar stellenweise vermissen. Allerdings steigerte er sich spätestens in seiner wohltuend unsentimental gestalteten Arie zu einer stimmlich wie darstellerisch überwältigend eindringlichen Leistung. Von jugendlicher Frische geprägt ist der schlanke und edle Tenor des Brasilianers Fernando Portari als Alfredo. Ein Riesentalent, das das vokale Trio ebenbürtig vervollständigte. Bei den kleineren Rollen gab es Licht und Schatten.

Ein runder Erfolg, der Laufenberg die Chance gibt, an die großen Zeiten der Kölner anzuknüpfen. Das ist auch unter den erschwerten Bedingungen möglich, wenn das Opernhaus in der nächsten Saison renoviert wird und man auf ein Ausweichquartier angewiesen ist.

Dass Dietrich Hilsdorf nun auch für einen Monteverdi-Zyklus vorgesehen ist, klingt verheißungsvoll.
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