Brüssel/Valletta - Kulturhauptstadt 2018: Das Steuerparadies Malta poliert sein Image auf

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Kulturhauptstadt 2018: Das Steuerparadies Malta poliert sein Image auf

Von: Mirjam Moll
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Malta hat nicht unbedingt den besten Ruf: Das soll sich zumindest in diesem Jahr ändern, wenn die Hauptstadt Valletta neben dem niederländischen Leeuwarden Europas Kulturhauptstadt ist. Foto: Philipp Laage/dpa

Brüssel/Valletta. Europa blickt auf Malta. Denn im neuen Jahr ist Valletta nicht nur Landes-, sondern auch europäische Kulturhauptstadt – neben dem niederländischen Leeuwarden. Der Mittelmeerarchipel ist zugleich der kleinste Mitgliedstaat der EU, Valletta mit gerade einmal 6000 Einwohnern die kleinste Hauptstadt in der Gemeinschaft. Sie soll nun groß herauskommen.

Am 20. Januar startet das offizielle Programm „Valletta 2018“ – etwa 1000 lokale und internationale Künstler sind gebucht, nicht weniger als 600 Veranstaltungen geplant: Musik, Theater, Kunst und Tanz beleben dann die historischen Plätze der Stadt. Doch für das gerade einmal 430.000 Einwohner zählende Land ist es ein „inselweites Fest“ – so zumindest propagiert es die Tourismusbehörde.

Mario Philip Azzopardi, der dem Organisationsteam angehört, hält das Jahr im Zeichen der Kultur für eine große Chance: „Es ist das erste Mal, dass wir uns kulturell finden und der Welt präsentieren“, sagt er. Bürgermeister Alexiei Dingli hofft, „dass wir das, was wir in Valletta haben, mit Europa und darüber hinaus teilen können“.

50 Millionen Euro investiert

Seit 2013 hat Malta nicht weniger als 50 Millionen Euro investiert, um sich auf das Jahr als europäische Kulturhauptstadt vorzubereiten. 1,5 Millionen Euro steuert die EU in Form des Melina-Mercouri-Preises dazu bei. Die Preisträger werden immer sechs Jahre im Vorhinein ernannt, um genügend Zeit zur Vorbereitung zu haben. Schon seit 1985 wird immer zwei Städten pro Jahr diese Ehre zuteil, die viele dazu nutzen, um das Stadtbild zu verschönern und den Tourismus zu stärken.

Valletta pumpte das meiste Geld in Renovierungs- und Verschönerungsarbeiten, lediglich zehn Millionen kamen der Kultur zugute. Malta rechnet allein durch den Titel in der Reisebranche mit einem Wachstum von sieben Prozent in 2018. Dabei boomt der Tourismus schon jetzt. Seit Jahren ankern riesige Kreuzfahrtschiffe in dem historischen Hafen Vallettas. Das Kulturprogramm soll zusätzliche Reisende in die Stadt locken.

Schiffsshow als Höhepunkt

Einer der Höhepunkte des Programms steht schon jetzt fest: Im Juni findet im Grand Harbour vor der Kulisse der Festungsmauern eine spektakuläre Schiffsshow statt. Im August wird es eine große Oper in maltesischer Sprache geben, sie handelt von Flüchtlingen, obwohl nur noch wenige auf die Insel gelangen: Die Regierung hat Vereinbarungen mit Italien getroffen, ohne Details zu nennen. Die Oper Vallettas wurde im Zweiten Weltkrieg durch Luftangriffe teilweise zerstört, der italienische Stararchitekt Renzo Piano machte daraus kurzerhand ein Freilichttheater.

Er war es auch, der das neue Parlamentsgebäude errichtete und damit der Stadt seinen Stempel aufdrückte. Zugleich investiert Valletta auch viel in seine historischen Gebäude. Das Manoel-Theater wird seit 1732 bespielt und zählt damit zu den ältesten in Europa, weltweit gilt es als drittälteste noch genutzte Bühne. Im Herzen der Stadt liegt der Großmeisterpalast mit seinen Prunksälen. Dort tagten im vergangenen Jahr die Staats- und Regierungschefs der EU. Die Presse wurde im Fort St. Elmo an der Steilklippe Vallettas untergebracht.

Sie ist eine der Bastionen, die die im 16. Jahrhundert vom Johanniterorden gegründete Stadt schützte, seit 1980 gehört sie zum Unesco-Kulturerbe. Die Brücke zwischen Europa und Nordafrika wurde immer wieder von Fremdmächten beherrscht. Zuletzt stand der Inselstaat als Kolonie unter dem Schutz der britischen Krone, erst 1964 erreichte das Land seine Unabhängigkeit.

Die Spuren der Geschichte sind im ganzen Land verteilt. 25 Tempelanlagen liegen auf dem Archipel verstreut, einige sind 5000 Jahre alt und damit die ältesten frei stehenden Sakralbauten im gesamten Mittelmeerraum. Sie wurden 1992 zum Unesco-Kulturerbe erklärt. Im Volksmund heißt es, die zum Teil bis zu 20 Tonnen schweren Steinblöcke seien durch Riesen an ihren Platz gerückt worden: Namen wie Gigantija auf der Insel Gozo erinnern daran.

Riesig ist auch Maltas Wirtschaftswachstum: Trotz seiner kleinen Fläche, die mit 316 Quadratkilometern in etwa München entspricht, boomt die Ökonomie des Zwergstaats seit Jahren. Die als Steuerparadies verrufene Insel hat es geschafft, ausländische Firmen mit günstigen Staatsabgaben zu sich zu locken, ähnliche Modelle gibt es für Schiffs- und Flugregister und Finanzdienstleistungen, die allein zwölf Prozent der Jahreswirtschaftsleistung des Landes ausmachen. Genauso wichtig ist der Onlinespielemarkt. Malta setzte als erstes EU-Land 2004 den entsprechenden rechtlichen Rahmen und machte sich damit zum Silicon Valley der Internetspielindustrie. Kapital schlägt der Inselstaat aber auch aus dem Verkauf von Staatsbürgerschaften – 650.000 Euro kostet der maltesische Pass, zusätzlich muss der neue Bürger 150.000 Euro in Anleihen investieren.

Die Geschäfte sind nicht immer sauber. Zunehmend muss sich Malta Korruptionsvorwürfen stellen. 2017 wurde die Enthüllungsjournalistin und Bloggerin Daphne Caruana Galizia durch eine Autobombe ermordet. Seit 2010 hat es 19 solcher Attentate gegeben, die Mafia ist dort aktiv. Unlängst deckten italienische Behörden Ölschmuggel im großen Stil auf: Malta diente als Umschlagplatz zwischen Italien und Libyen. Auch Premierminister Joseph Muscat geriet in die Kritik: Seine Frau soll für ein Energiegeschäft mit Aserbaidschan Schmiergeld erhalten haben, außerdem stehen er und seine Regierung in Zusammenhang mit den Enthüllungen der sogenannten Panama Papers um Briefkastenfirmen und Steuerumgehungsmodelle. Die positive Aufmerksamkeit als europäische Kulturhauptstadt kann dem Regierungschef da nur gelegen kommen.

Führungsmitglieder entlassen

Doch auch bei der Organisation des Festjahres gab es Kritik. Jason Micallef, Chef von „Valletta 2018“, ist ehemaliger Generalsekretär der Regierungspartei. Nur wenige Monate vor Beginn wurden zwei Führungsmitglieder ohne jede Begründung entlassen. Einwohner kritisieren die geplanten Veranstaltungen als „etwas für Touristen“. Seit dem Tod von Galizia gibt es immer wieder Demonstrationen gegen Muscat, den die Journalistin immer wieder angeprangert hatte. Die Maltester haben sich noch nicht wieder mit ihm versöhnt.

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