Kulturagenten: Raus aus der Nische und rein in den Schulalltag

Von: Jenny Schmetz
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Vermitteln zwischen Schulen und Kulturszene: die Kulturagenten Monika Nordhausen (l.) und Katrin Eickholt.

Aachen. Wo ist der Trenchcoat? Und die Sonnenbrille? Diesen Gag haben Katrin Eickholt (38) und Monika Nordhausen (50) oft gehört. Denn an 007 denken viele, wenn sie die Berufsbezeichnung der beiden hören.

Als Kulturagenten verfolgen die Theaterpädagogin und die Künstlerin an sechs Schulen in der Region Aachen ihre Mission: Kultur raus aus der Nische und rein in den Schulalltag! Kein Geheimdienst, aber eine neue Profession, die noch kaum einer kennt. „Wir bewegen uns schon ein bisschen undercover zwischen den Fronten“, sagt Monika Nordhausen. Zwischen dem Schulsystem auf der einen und Künstlern wie Kultureinrichtungen auf der anderen Seite. Das Wort „Fronten“ deutet schon an, dass der Kulturagent als Moderator, Impulsgeber, Netzwerker, vielleicht sogar Coach oder Psychologe auch ein Brückenbauer zwischen zwei verschiedenen Welten ist, der schon mal Konfliktzonen betritt.

„Die bringen eine Menge Kohle“

Positiv klingt dennoch die Zwischenbilanz, welche die Akteure des Modellprojekts – Eickholt und Nordhausen sind zwei von bundesweit 46 Kulturagenten (siehe Kasten) – zweieinhalb Jahre nach dem Start gezogen haben: „Wir haben es geschafft, einen Prozess in Gang zu bringen“, sagt Winfried Kneip von der Stiftung Mercator. „Kulturelle Bildung muss jetzt ein fester Bestandteil unserer Schulkultur werden.“

„Kulturelle Bildung“ ist ein sperriger Begriff, aber nach dem Pisa-Schock in aller Munde, wenn es um Schul-Reformen geht. So hat etwa die Kultusministerkonferenz empfohlen, verstärkt kulturelle Bildung in Schulen zu etablieren. Und politische Deklarationen gibt es viele, zum Beispiel im neuen Koalitionsvertrag: „Kulturelle Bildung ist unverzichtbar für die Persönlichkeitsentwicklung insbesondere junger Menschen, ihre sozialen Kompetenzen und für die gesellschaftliche Teilhabe.“ Hört sich gut an, und es fließt tatsächlich auch eine Menge Geld aus kommunalen, staatlichen und privaten Töpfen – in ein sehr vielfältiges Angebot. Allein in der Städteregion Aachen verliert man zwischen Kulturrucksack, Kulturschule oder Bildungszugabe schnell den Überblick. Daher soll das Bildungsbüro alle Angebote kultureller Bildung in Zukunft auch besser koordinieren.

Und was ist in der Flut der Initiativen nun das Besondere der Kulturagenten? „Die bringen eine Menge Kohle mit“, sagt Gisela Wibbing von der Arbeitsstelle kulturelle Bildung in Schule und Jugendarbeit NRW, die seit 2009 die zahlreichen Angebote landesweit enger vernetzen soll. Innerhalb von vier Jahren kann jede teilnehmende Schule rund 53 000 Euro „Kunstgeld“ für Projekte beantragen. Aber Geld ist nicht alles. Die beiden Kulturagentinnen investieren in der Woche jeweils 32 Stunden Arbeitszeit, um für Schulen möglichst dauerhafte Kontakte zur Kulturszene zu knüpfen. Nebenbei kümmern sie sich so für Theater Aachen oder Das Da Theater, für Ludwig Forum, Künstler-Forum Schloss Zweibrüggen oder das Soziokulturelle Zentrum Klösterchen in Herzogenrath auch um das Publikum von morgen.

Mit Schülern, Lehrern, Eltern und Künstlern setzen sich die Kulturagenten an einen Tisch, um einen „Kulturfahrplan“ zu entwickeln. Das Ziel: nicht einzelne Feuerwerke abfackeln, sondern Kultur durch Projektwochen, Arbeitsgemeinschaften, Workshops oder Fächer wie Darstellen und Gestalten verstärkt im Unterrichtsplan zu verankern. Da greifen zum Beispiel Zehntklässler an der Europaschule Herzogenrath freiwillig zum Geodreieck, um mit Hilfe von zwei Architektinnen Sitzinseln aus Cola-Kästen zu bauen und das Foyer neu zu gestalten. Oder pubertierende Jungs an der Roda-Schule in Herzogenrath erkunden mit einer Choreographin ihre Körper – eigentlich „total uncool“. Und auch Lehrer können ihre „Persönlichkeit entwickeln“, wenn sie in Projekten beispielsweise merken: „Ich kann ja auch malen!“

Die beiden Begleiterinnen erzählen, dass sie tief in den Schulbetrieb eindringen, an alten Gewohnheiten „in diesem sehr reglementierten System“ kratzen und „auch Fragen stellen, die weh tun“. Werden die Schüler beispielsweise zu wenig an Entscheidungen beteiligt? „Ich muss nicht wie das System ticken“, betont Monika Nordhausen. „Wir trauen uns mal, zu spinnen“, ergänzt Katrin Eickholt. „Wir wollen den Schülern Raum geben, sich selbst auszuprobieren und neu zu erfahren – auch außerhalb der 45-Minuten-Taktung.“

In den Kollegien mussten sie Widerstände überwinden, etwa Vorurteile gegenüber „chaotischen Künstlern“. Manche Lehrer bemängelten Mehrarbeit, wenige Eltern befürchteten, dass ihre Kinder durch das Programm in den „wichtigen Fächern“ schlechtere Noten bekommen, und auch nicht jeder Schüler sei immer begeistert. „Zur Kultur verdonnert?!“ lautet passenderweise selbstkritisch der Arbeitstitel für eine Diskussion des Schulnetzwerks Aachen/Alsdorf.

„Die wenigsten unserer Schüler gehen gerne ins Museum“, meint etwa Ulrike Becker, Kulturbeauftragte an der Heinrich-Heine-Gesamtschule in Aachen. „Aber die Kulturagenten versuchen, Kultur so zu vermitteln, dass sie etwas mit den Schülern und ihren Interessen zu tun hat.“ Im Textil-Workshop mit Bühnen- und Kostümbildnerin Dominique Muszynski scheint das zu gelingen: Selbstporträts geben den Anstoß, „ohne strikte Vorgaben“. „Uns wurden alle Freiheiten gegeben“, bestätigt Schüler David Weigner (18). Er hantiert mit Pinsel und Seidenfetzen. „Es macht Spaß, mal was praktisch zu machen. Unterricht ist ja sonst meistens Theorie.“

„Ob Kunst- und Kulturarbeit in der Schule tatsächlich positive Effekte auf Schulleistung, Sozialverhalten u. a. haben, konnte bislang noch nicht empirisch nachgewiesen werden“, schreiben Sozial- und Bildungswissenschaftler der Universitäten Duisburg-Essen und Gießen in ihrem Zwischenbericht zum Kulturagenten-Programm. Doch die Kulturagentinnen spüren den sozialpädagogischen Anspruch: „Die Schüler trommeln – und dann hauen sie sich weniger“, formuliert Katrin Eickholt – „salopp ausgedrückt“ – die Erwartung vieler Schulen. „Aber uns geht es in erster Linie um Kunst“, betont sie. Die Agentinnen wissen, dass kulturelle Bildung als Hoffnungsträger auf vielen Gebieten gilt: ob Inklusion, Geschlechtergerechtigkeit, interkulturelle Öffnung oder Medienkompetenz. Aber sie wollen erst einmal Neugier für Kunst und Kultur wecken – jenseits von Justin Bieber oder Musicals. Dass jetzt ein Mathelehrer seine Schüler die Formeln rappen lasse oder das Theaterspielen vielleicht mehr Selbstbewusstsein im Bewerbungsgespräch verleihe: umso besser!

Aus Sicht der Schulen bietet das Programm viele Vorteile. Für Martin May, Leiter der Gustav-Heinemann-Gesamtschule Alsdorf, ist es beispielsweise „ein voller Erfolg“. Im Schul-Netzwerk könne man zudem „über den Tellerrand schauen“ und Erfahrungen austauschen.

Aber wie soll es am Ende des Modellprojekts im Sommer 2015 weitergehen? Das ist noch unklar. Für die Schulen heißt es dann etwa: Sponsoren finden. Und die Kulturagenten überlegen schon, ob sie nicht undercover von den Schulen in die Kulturinstitutionen wechseln. Ein paar Impulse von außen könnten Theater und Museen wohl auch gut vertragen.

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