Aachen - Klimt, Beuys und van Gogh für die Hosentasche

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Klimt, Beuys und van Gogh für die Hosentasche

Von: Jenny Schmetz
Letzte Aktualisierung:
Maler schöner Damen, „frauen
Maler schöner Damen, „frauenverschlingendes Ungeheuer”, Motorbootfahrer: Mit seinem 20. Künstler-Comic porträtiert Willi Blöß den Jugendstil-Meister Gustav Klimt. Zeichnung: Willi Blöß

Aachen. Ein Mal im Jahr, da packt es ihn. Da packt er sie aus, seine Schätze. Breitet sie vor sich auf dem Wohnzimmerboden aus. 24 „Tim und Struppi”-Bände von Hergé, 24 „Asterix”-Bände von Uderzo und Goscinny.

Und daneben legt er dann seine eigenen, eine Nummer kleiner zwar, aber auch schon 20 Bände. „Das kann ich mir stundenlang anschauen”, sagt Willi Blöß. „Total stolz.”

Willi Blöß ist Comiczeichner. Aber nicht nur. Er ist Autor, Illustrator und Herausgeber. Sein Aachener Verlag wird im Juni zehn Jahre alt, seit 2002 hat er 20 illustrierte Künstler-Biografien veröffentlicht. Aber darüber reden möchte Willi Blöß eigentlich lieber nicht. „Öffentlichkeit? Da gehöre ich nicht hin”, sagt er. „Das ist keine Erfolgsgeschichte.”

Sein Büro im Aachener Süden ist 17 Quadratmeter groß. Holzregale bis zur Decke, voller grauer Kartons. Sein Lager, seine Vertriebszentrale, sein Arbeitszimmer. An einem der drei Schreibtische sitzt der 53-Jährige. Graue Haare, graue Strickjacke, graue Hose, leicht gebeugter Rücken, leicht hängender Kopf. „Ich bin nicht verzweifelt”, sagt Willi Blöß. Ein Selbstdarsteller ist der Comiczeichner nicht gerade, er stapelt lieber tief. Aber wenn er genauer darüber nachdenkt: Ein bisschen mehr Öffentlichkeit, ein bisschen mehr Anerkennung für seine Arbeit, das wäre vielleicht doch gar nicht so schlecht.

Willi Blöß „Ein-Mann-Firma” wird unterstützt durch eine Frau, seine Ehefrau Beatriz López-Caparrós. Die Diplom-Chemikerin sitzt am Rechner und sagt: „Ich koloriere nur.” Aber sie kümmert sich auch um Rechnungen, Webseite, und Vertrieb - bundesweit werden rund 30 Museumsshops mit den Künstler-Comics aus Aachen beliefert. Fast täglich erhalte er Leserbriefe von Menschen, die die Comics toll finden und ihn in seiner Arbeit bestärken, erzählt Blöß. Aber in Gesprächen mit Buchladenbetreibern, Kunstlehrern oder Museumsleuten begegne ihm immer wieder auch diese andere Meinung: „Comic ist Schund.”

Dabei gelten Comics doch längst als anerkannte Kunstgattung: Die „Graphic Novel” erobert die Feuilletons großer Zeitungen, Buchmessen beschäftigen sich ernsthaft mit dem Thema, und Adaptionen literarischer Klassiker werden mittlerweile auch von größeren Verlagen angeboten. Willi Blöß winkt ab: „Deutschland ist in Sachen Comic völliges Entwicklungsland.” Da brauche man einen langen Atem.

Um seine Künstler-Biografien zu lesen und anzuschauen, ist weniger Durchhaltevermögen notwendig. Die Hefte über Vincent van Gogh, Salvador Dalí, Andy Warhol und die anderen sind in der Regel 24 Seiten dünn. Mit ihrem originellen Format passen sie in Hosen- und Handtaschen, dank ihres niedrigen Preises greifen in Museumsshops viele Jugendliche zu, die sich sonst gerade mal zwei, drei Postkarten leisten könnten.

Und sie bilden auch die Zielgruppe: Was Kunstkenner als oberflächlich abtun mögen, soll als Appetizer dienen: „Meine Hefte bieten einen lockeren Einstieg ins Thema, der zur weiteren Vertiefung einlädt”, sagt der Autor. Als Kurzführer für Schulen und die Museumspädagogik. Aber auch „Bildungsbürger”, die was Kurzes, Unterhaltsames haben wollen, um auf der Cocktailparty mitreden zu können, lesen seine Comics. Denn Blöß gelingt es, komplexe Zusammenhänge überschaubar zu machen. „Klare Aussagen, klare Bilder”, lautet seine Devise. Willi Blöß, ein Meister der Reduktion! Er selbst würde das wohl nicht so formulieren, aber als er das Lob hört, klopft er sich dann doch selbst auf die Schulter. „Darauf bin ich auch sehr stolz!”

Gerade ist sein 20. Band erschienen, über Gustav Klimt (1862 bis 1918), den Schöpfer des Wiener Jugendstils, den Maler der schönen Frauen. Wirklich clever kommerziell kalkuliert, zum 150. Geburtstag Klimts am 14. Juli in diesem Jahr - könnte man meinen. Willi Blöß schmunzelt. „Ne, von dem Jubiläum wusste ich gar nichts!” Immer wieder werde er bombardiert mit solchen Vorschlägen: „Hey, Immendorff gehts schlecht!” oder „Gerhard Richter wird 80 - das schaffst du noch!” Aber Blöß interessiert das nicht. Er will zeitlose Informationen bieten, sich nicht an irgendeinen Trend hängen.

Der Künstler-Biograf zeichnet sich als Außenseiter in der Comic-Szene. „Ich gehöre nicht dazu”, findet er. „Ich zeichne keine sprechenden Tiere oder kostümierten Superhelden, die die Welt retten müssen.” Mit seinen Klassikern der bildenden Kunst habe er seine Nische gefunden. „Es gibt keine vergleichbare Serie in Deutschland.”

Alles hat angefangen, als ein befreundeter Zeichner von einem Sammler den Auftrag bekam, einen Beuys-Comic zu machen. „Er kam nicht so zurecht”, erzählt Blöß, „da habe ich ihn zu einer Comic-Biografie überredet und die ganze Story geschrieben.” Den Comic hat auch der Shop von Schloss Moyland, wo Beuys-Sammlung und -Forschungszentrum beheimatet sind, gerne ins Programm genommen: „Das war mein Einzug in die heiligen Hallen der Kunst”, erinnert sich Willi Blöß. „Und der Sammler war ganz baff, dass keine Abmahnung von Eva Beuys kam!”, sagt er lachend mit Blick auf die einer Klage nicht abgeneigte Künstlerwitwe.

Damals, in den Neunzigern, war Blöß noch als Texter und Grafiker in der Werbebranche tätig, nachdem er an der RWTH Aachen studiert und auch zwei Jahre als Architekt gearbeitet hatte. In dieser Zeit machte er zum Beispiel eine Cartoon-Serie über Raps- und Kartoffelanbau für eine Landwirtschaftszeitschrift, oder er ließ den gelben Schnupperhund mit den roten Punkten für „C&A” durch Comics stromern. „Das war immer gut bezahlt”, sagt Blöß, „aber man war nur ein kleines Rädchen im Getriebe.”

Zur Jahrtausendwende wagte er einen Neuanfang. „Jetzt mache ich mal was Eigenes!”, sagte er sich. Da war er Anfang 40. „Wahrscheinlich so eine kleine Midlife-Crisis”, meint er. Bis zum eigenen Verlag dauerte es dann noch zwei Jahre. Mit gleich fünf Titeln legte er los, in zehn Jahren folgten 15 weitere, alle von Blöß verfasst, die meisten - bis auf sechs Hefte - auch von ihm gezeichnet. Fünf waren Auftragsarbeiten, ansonsten „habe ich immer nur auf mich selbst gehört”.

Etwa ein halbes Jahr sitzt Blöß an einem Künstler-Comic, die meiste Zeit braucht die Recherche: Viele dicke Bücher muss er lesen, um ein kleines Heft daraus zu machen. Museen besuchen, Experten treffen - im Fall von Otmar Alt und Klaus Staeck sogar die Künstler selbst. Verlässliche Quellen, korrekte Fakten - das ist ihm sehr wichtig. Am Ende führt der Autor immer die benutzte Literatur auf. Auch Wissenschaftler beraten ihn, anfangs etwa der Kunstwissenschaftler Gregor Jansen. Er saß in Blöß Aachener Bürogemeinschaft, hat ihn mit „in Museen geschleppt” - und ist jetzt selbst Leiter der Kunsthalle in Düsseldorf.

„Ich erfinde nichts dazu”, betont Blöß. Als Zeichner habe er allerdings den Vorteil, Situationen zu zeigen, von denen es sonst keine Bilder gibt: etwa Picasso beim Polizeiverhör nach dem Raub der „Mona Lisa” oder den jungen van Gogh im Schneegestöber, wie er von draußen in das Atelier eines bewunderten Kollegen schaut und sich nicht traut anzuklopfen.

Über Klimt erfährt der Leser, dass der sportliche Künstler „als einer der ersten Österreicher” ein Motorboot besaß. Und er schmunzelt darüber, dass sich die Gerüchte über ihn als „frauenverschlingendes Ungeheuer” im Affenmonster seines skandalträchtigen Beethovenfrieses widerspiegeln. „Ich möchte den Menschen zeigen, keinen abgehobenen Künstler”, sagt Blöß. „Das sind ganz zerrissene Charaktere, keine glatten Erfolgsgeschichten.”

Und manchmal übernimmt auch der Comic-Zeichner die Rolle des Künstlers. Nicht, dass er sich so viele Geliebte wie Klimt zugelegt hätte, aber er hat zum Beispiel wie van Gogh ein Skizzenbuch auf Reisen mitgenommen. Eine Sammlung von Kladden hat er sowieso, da schreibt er alle Informationen, die er bei einer Recherche sammelt, hinein. Da ordnet er wichtige Daten, Orte, Personen, Hauptwerke und Details etwa zur Mode der betreffenden Zeit.

Zuerst entwickelt er für einen Comic visuelle Szenen, um dann „zu gucken, wie ich die Informationen elegant darumverteile”. Insgesamt vier DIN-A4-Seiten Text bleiben am Ende übrig, die Bilder dominieren. Mit Bleistift zeichnet Blöß sie vor, dann folgt die Reinzeichnung in Schwarz-Weiß mit Tusche, schließlich die Kolorierung am Rechner. „Der Text ist Schwarzbrot, die Zeichnungen sind der Kuchen”, sagt der 53-Jährige. „Aber Schwarzbrot schmeckt mir auch.”

Sein Stil? „Anpassungsfähig!”

Nachdem er mit seiner Frau Tochter Cecilia (7) und Sohn Wieland (5) zu Schule und Kindergarten gebracht hat, sitzt er jeden Morgen ab 8 Uhr im Büro. Dort versaure er nicht wie manch Comic-Kollege, er habe ja sein Familienleben und wenn das Knie mitmache, dann spiele er auch mal Fußball, bei der Bunte-Liga-Legende Partisan Eifelstraße. Aber Disziplin sei wichtig. „Ich gehe da wie mein Vater heran und versuche einfach, jeden Tag gute Arbeit zu leisten”, sagt der gebürtige Wassenberger.

Sein Vater war Schreiner, seine Mutter Näherin. Ob er sich selbst als Handwerker oder als Künstler sieht? Willi Blöß hebt die Hände hoch, als ob man ihm die Pistole auf die Brust setze. „Ich sehe mich schon als Künstler”, sagt er. Leinwände mit seinen Comics hängen im Büro, er hat Ausstellungen gemacht, auch zu Hause hat er Bilder von sich an den Wänden. „Aber ich sehe mich mehr als Handwerker”, ergänzt er schließlich. „Ich hatte eigentlich nie das Gefühl, dass ich besonders gut zeichnen kann.” Er bevorzugt einen klaren Strich, halb-realistisch. Sein Stil? Blöß überlegt. „Anpassungsfähig!”

Nicht sein eigener Stil zählt, sondern der des jeweiligen Künstlers. Im Klimt-Comic zeichnet er zum Beispiel Elemente ohne Umrisslinien oder zerlegt Körper in Elemente, sein Picasso kommt kubistisch daher, Beuys in erdigen Farben. So wird die Kunst im Kleinformat selbst zu einem kleinen Kunstwerk. Nur den Marktwert der Kunstklassiker hat Blöß eben nicht. Klimts Bilder werden heute schon mal für einen dreistelligen Millionenbetrag verkauft. Blöße_SSRq Comic-Biografie kostet drei Euro. Als Comiczeichner könne man in Deutschland nur wenig Geld verdienen, meint er. „Das kann ich jungen Leuten nicht empfehlen.”

Dabei sehen seine Verkaufszahlen gar nicht so schlecht aus. Die „Renner” sind Beuys, Warhol und Picasso: jeder mehr als 10 000 Mal verkauft; ebenfalls beliebt: Frida Kahlo (7400), van Gogh (7300), Niki de Saint Phalle (6700) und Keith Haring (5300). Eine Gesamtzahl will der Verleger nicht nennen. „Na ja, ,Micky Maus verkauft sich in der Woche 500 000 Mal . . .”, sagt er nur.

Sein 21. Band zu Edward Hopper ist schon fertig. Aber noch nicht veröffentlicht. „Mal sehen, wann ich mir den leisten kann”, sagt Blöß. Das finanzielle Polster aus der Zeit als Werbegrafiker wird dünner. Aber Willi Blöß will weitermachen: „Ich bin ja noch lange nicht fertig!” Bald wird er wieder auf dem Wohnzimmerboden sitzen. Mit „Tim und Struppi”, „Asterix” und seinen Künstlern. Und vielleicht gibt ihm sein Stolz doch ein bisschen Hoffnung: „Das wäre schon aufregend, wenn sich mit meinen 21 Titeln mal was Vergleichbares aus Deutschland abzeichnen würde.”

Ärger um klitzekleine Brustwarzen: Der Buchhandel ist wenig an einem Drei-Euro-Produkt interessiert, sagt Willi Blöß. Bestellungen sind über die Webseite http://www.kuenstler-biografien.de möglich. Da findet man schon drei Apps fürs iPad. Auch seine neuste Biografie wollte Blöß im App-Store verkaufen. Aber da erging es ihm wie damals Gustav Klimt selbst: „Schwer pornografisch” sei sein Werk, hieß es. Es sind tatsächlich klitzekleine Brustwarzen zu erkennen. Aber jugendgefährdend? Ziemlich lächerlich. „Da habe ich keine Chancen mehr”, meint der Comiczeichner etwas resigniert. Dabei hatte er zuvor noch seine Beharrlichkeit betont und nach vorne geschaut: „Vielleicht sind Comics in 20 Jahren ja kein Schund mehr.”
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