Keine tragische Dokumentation mit klarer Aussage

Von: sar
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Verzweifelt: Elke Borkenstein als Donna in Dennis Kellys Stück „Taking Care of Baby”. Foto: Carl Brunn

Aachen. Die Bühne ist mit allem vollgestellt, was die Regale der Requisite so hergeben. Sessel, Tassen, Bücher, Lampen, Globen, Tischchen, Plastikblumen, Plüschtiere, ein kleiner Hügel aus Erde, Flaschen. Auf dem ersten Bühnenabsatz gibt es weiße Silhouetten aus dem Märchenspiel.

Gestiefelter Kater, Reh, Wolf und Eule, dahinter noch eine Bühnenelement hinter einem Tüllvorhang. In einem der breiten ältlichen Sessel sitzt eine junge Frau mit erloschenem Blick. Ihre beiden Kinder kamen ums Leben. Durch ihre Schuld?

Der 39-jährige britische Autor Dennis Kelly greift in seinem 2007 geschriebenen Stück „Taking Care of Baby” eine beunruhigend aktuelle Problematik auf: Kindstötung in einer Gesellschaft, die seelischen Zerstörungen, den Auswirkungen von Gewalt und innerer Leere vielfach mit Ignoranz und rascher Vorverurteilung begegnet.

Christian Hockenbrink hat das Stück für die Kammerspiele des Theaters Aachen inszeniert.

Bereits die von Krimskrams übersäte Bühne (Mascha Deneke, auch Kostüme) ist eine stumme Beschreibung des Inhalts. Im mühsam gezimmerten Rahmen einer Dokumentation kommt zwar Donna McAuliffe, die junge, der Kindstötung angeklagte Mutter, immer wieder zu Worte.

Diese verletzliche und von Elke Borkenstein sehr differenziert und eindringlich verkörperte junge Frau wird jedoch verdrängt von den Befindlichkeiten ihrer Umgebung: Da sind die karrieresüchtige Politik-Mutti Lynn Barrie (Elisabeth Ebeling), der erfolgssüchtige Psychologe Dr. Maillard (Torsten Borm) mit seiner blonden Ehefrau (Katharina Merschel), die am Erfolg des Mannes klebt, sowie der sexsüchtige Jim (Joey Zimmermann).

Auch Brian, der verwirrte Kindsvater (Oleg Zhukov) und Sebastian Stert als zudringlicher Autor tummeln sich auf der Bühne. Sie alle sind mal in Einzelleistungen, dann wieder als irre kichernde Zombietruppe durchaus sehenswert.

Doch das brisante Kernproblem wird leider zugeschüttet von Randbefindlichkeiten, Süchten und Obsessionen. Phasenweise geraten Donna und ihre Tragödie völlig aus dem Blick, obwohl sie selbst mitten auf der Bühne sitzt.

Verliebt in die Skurrilität und die bissige Realitätsnähe der jeweiligen Charaktere und morschen Lebensmodelle, lässt sich Regisseur Hockenbrink auf ein Spiel ein, das gebündelt und verschlankt eindrucksstark hätten sein können. So aber kommt lediglich ein unübersichtliches Durcheinander auf die Bühne, fehlen klare Strukturen.

Vielleicht ist es ja ein zusätzliches Problem, wenn ein Autor noch zu stark und zu persönlich in seine Themen verwickelt ist. Der beabsichtigte „social realism” bleibt in Aachen leider aus - trotz beeindruckender Ensembleleistung. Ihr gilt ein Großteil des Premierenbeifalls.

Weitere Aufführungen: 23. und 26. März; 7., 10., 17., 21. April; 8. und 25. Mai; 4., 11. und 19. Juni; 9. und 15. Juli, jeweils 20 Uhr.

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