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Juristenvorschlag verblüfft: „Das wichtigste Bild sollte man schenken”

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
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Jahrelang war sie wie eine Detektivin für das Art Loss Register Köln „Beutekunst” auf der Spur: Ulli Seegers. Sie war eine der Referenten auf dem „Beutekunst”-Symposium, veranstaltet von Museumsdirektor Peter van den Brink. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Der Befreiungsschlag kam in buchstäblich letzter Minute: Verwickelt in einem gordischen Knoten aus russischem Duma-Gesetz, ukrainischer Rechtsauffassung, deutschen Eigentumsansprüchen, Völker- und Privatrecht, völlig in der Sackgasse steckend, wie man die in der Ukraine aufgetauchten Bilder nach Aachen kommen lassen könnte, lieferte der letzte Redner auf dem dreitägigen „Beutekunst”- Symposium im Suermondt-Ludwig-Museum den Ansatz einer verblüffenden Lösung.

Ausgerechnet das für Aachen wichtigste Gemälde, das sich in Simferopol befindet, sagte Wolfgang Maurus, ehemaliger Referatsleiter beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, also das allerliebste der 87 Bilder, sollte man dem Museum auf der Krim einfach schenken! Um so in den Besitz des Bildes zu gelangen, und es dann in Aachen ausstellen zu können. Damit endete das Symposium, so die Bilanz, nach einem regen Erfahrunsaustausch auch noch mit einer durchaus ernstzunehmenden praktischen Empfehlung.

Knapp neunstündiger Marathon

Bis dahin referierten am Samstag in einem knapp neunstündigen Konferenz-Marathon (inklusive Pausen) die Experten ihre Sicht der Dinge: unter anderem aus der Warte einer langjährig gewieften Beutekunst-„Detektivin” (Ulli Seegers, ehemals Geschäftsführerin des Art Loss Register Köln), eines polizeilichen Beutekunst-Fahnders (Kriminalhauptkommissar Marcus Schönfelder), einer Provenienz-Forscherin beim Auktionshaus Christie´s (sie versucht die Herkunft von Kunstwerken festzustellen, Stephanie Tasch), einer russlanderfahrenen Journalistin (Kerstin Holm) und eben dreier Juristen (Kurt Siehr, Tono Eitel und Wolfgang Maurus).

Als originellste Querdenker der gesamten Tagung erwiesen sich Kerstin Holm und Wolfgang Maurus. So bewies Holm, dass erbeutete Kunst durchaus gute Seiten haben kann: Obgleich das Duma-Gesetz (Duma bezeichnet die Volkskammer des Parlaments der Russischen Föderation) von 1997 „Beutekunst” aus Deutschland völkerrechtswidrig zu russischem Eigentum erklärt - als Ausgleich für Verluste - und dafür der beschönigende Name „kompensatorische Restitution” gefunden wurde, kamen nur solche Museen in Russland in den Genuss einer „Kompensation”, die sie gar nicht nötig haben, wie das Puschkin-Museum und die Eremitage. Die vielen Provinzmuseen, die tatsächlich die größten Opfer der Nazi-Raubzüge waren, erhielten lediglich das, was Sowjetsoldaten an einzelnen Werken geklaut und in ihren Rucksäcken weggeschleppt hatten.

Jene Herrschaften, unvorbelastet von kunsthistorischen Kenntnissen, bewiesen nicht den schlechtesten Geschmack: Sie nahmen vorwiegend dralle, nackte Damen mit nach Hause - Aktdarstellungen. Resultat: Heute hängen in Irkutsk und Tula die schönsten weiblichen Kurven, in zärtliches, erotisches Licht getaucht - Darstellungen, die die russische Kunst den Russen selbst stets vorenthalten hat.

Holm: „So leuchten heute in der Provinz inmitten eines Kaders russischer Kunst die Sendboten eines tropischen Regenwaldes der Kunst wie Orchideen auf einer Steppenwiese”. Und entfalten ihre Wirkung wie trojanische Pferde einer horizonterweiternden, bewusstseinsbildenden Kultur. Während diese „Orchideen” in deutschen Museen im Sammlungsdschungel untergehen würden, werden sie jetzt als Kostbarkeiten gehegt und gepflegt. - Eine schöne Art der Betrachtungsweise.

Sollte aber solche „Beutekunst” irgendwann einmal auf deutschem Boden auftauchen - zum Beispiel im Rahmen eines vorübergehenden Austauschs, wie Larina Kudryashova aus Simferopol es vorgeschlagen hat - müsste sie beschlagnahmt werden. Das machte auch Wolfgang Maurus deutlich. Mit einer Rückgabegarantie würde die Bundesregierung nämlich indirekt das besagte Duma-Gesetz anerkennen. Doch nun weist ausgerechnet dieser, als er noch im Amt war, in Sachen Beutekunst als kompomissloser Hardliner bekannte Maurus Aachen den Weg - zumindest zu einem Anfang von Austausch. Seine Idee: Ein Werk, das Simferopol geschenkt würde, müsste in Aachen nicht mehr beschlagnahmt werden. Es wäre ja nicht mehr deutsches Eigentum - gleichwohl in Aachener Besitz, sollte es hier ausgestellt werden. Im Gegenzug könnte Simferopol zum Beispiel ein Gemälde als Leihgabe erhalten.

Das Ganze ließe sich womöglich auch mit mehreren Werken praktizieren - sofern die politischen Gremien zustimmen. Museumsdirektor Peter van den Brink will jedenfalls mit Oberbürgermeister Jürgen Linden schon einmal darüber reden!
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