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John Irving: Die besten Geschichten spielen sich im Kopf ab

Von: Thomas Thelen
Letzte Aktualisierung:
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„Wenn ich eines kann, dann Schreiben. Niemand muss mir etwas darüber erzählen, wie man gute Sätze schreibt”: John Irving, hier im Rahmen seiner jüngsten Lesetour durch Deutschland beim Interview im Kölner Hyatt-Hotel. Foto: Thomas Brill

Aachen. Eigentlich, man war sich jedenfalls sehr sicher, gab es nichts, was man über diesen John Irving nicht wusste. So viel ist geschrieben worden über ihn und über die ewig gleichen Themen. Über das, was er mag: Charles Dickens, Ringen und elektrische Schreibmaschinen.

Und über das, was er nicht mag: Honoré de Balzac, Boxen und Journalisten, die schlecht vorbereitet zu einem Interview erscheinen. Alles bekannt, hundertfach erzählt. Doch dann, dann sagt John Irving bei einem Mittagessen im Kölner Hyatt-Hotel einen Satz, der einem fast die Sprache verschlägt: „Ich habe zu Hause in meinem Arbeitszimmer keine Bücher, Bücher machen mich krank!”

Da ist er raus, dieser Satz. Und man wünscht sich, er wäre nie gesagt worden. Weil er doch ein Bild zerstört, das man sich im Lauf der Jahre von dem Schriftsteller John Irving gemacht hat. Wie er an der amerikanischen Ostküste im eingeschneiten Vermont in seinem Arbeitszimmer an der Schreibmaschine sitzt, abgeschnitten von der Außenwelt, umgeben von unzähligen Büchern, die dicht an dicht in den Regalen stehen. Irving, der Geschichtenerzähler, Irving, der Vielschreiber, Irving, der Auflagenmillionär - ausgerechnet er soll zu Hause keine Bücher haben? Nicht mal die eigenen?

Schreiben ist harte Arbeit

Es sind nicht die Bücher, die Irving liebt, es ist das Schreiben. Und Schreiben, das betont er immer wieder, ist harte Arbeit, ist permanentes Überarbeiten, ist ständiges Korrigieren, ist nichts, was einem einfach so in den Schoß fällt. „Ein Achtel ist Talent und sieben Achtel sind Disziplin”, sagt Irving und zerstört damit eine weitere Vorstellung, die manch einer vom Schaffensprozess eines großen Schriftstellers hat. Sieben Stunden täglich schreibt Irving, und wenn am Ende eine einzige fertige Seite dabei herauskommt, war es ein sehr guter Arbeitstag. Besonders prickelnd hört sich das nicht an. „Man darf sich von der Arbeitsweise eines Autors keine falschen Vorstellungen machen. Das ist nicht immer nur spannend”, sagt Irving.

Immer und immer wieder hat er in Interviews erzählt, dass er einen Roman zu großen Teilen schon komplett fertig im Kopf hat, ehe er mit dem eigentlichen Schreiben beginnt. „Wenn ich loslege, brauche ich mir über die Handlung keine Gedanken mehr zu machen, meine ganze Aufmerksamkeit gilt dann der Sprache.” Es mag selbst eingefleischte Irving-Fans überraschen: Nicht die schrägen Typen oder die skurrilen Szenen sind ihm besonders wichtig. Es ist das Handwerk, das ihn treibt, das Feilen an den Sätzen, das ihm Spaß macht und in das er besonders viel Herzblut investiert. „Arbeiten, sonst brauche ich nichts”, sagt Irving.

Dass Irving selbst von seinen Fähigkeiten überzeugt ist, entgeht dem Beobachter nicht. Wer ihn erlebt, wie er über sein Schreiben redet, könnte glatt einen Anflug von Arroganz ausmachen. Doch seine Selbstsicherheit sollte man nicht mit Überheblichkeit verwechseln. Irvings Vertrauen in sein Können rührt alleine daher, dass er in seinem Leben mit nichts so sehr im Reinen zu sein scheint wie mit seinem Schreiben. Darauf angesprochen, ob er fürchte, dass seine schriftstellerischen Fähigkeiten eines Tages mit dem Alter nachlassen könnten, reagiert Irving fast pikiert. „Wenn ich eines kann, dann schreiben. Niemand muss mir etwas darüber erzählen, wie man gute Sätze schreibt. Den Tag, an dem ein schlechtes Buch von mir erscheint, werden Sie nicht erleben!”

Er sucht den Körperkontakt

Nun werden die Leserinnen und Leser im Zweifel noch selbst entscheiden dürfen, ob ihnen ein Irving-Roman gefällt oder nicht. Und gewiss hat es in der Vergangenheit auch schon weniger gute Bücher von ihm gegeben. Zum Beispiel das überambitionierte Mammutwerk „Bis ich dich finde”, in dem Irving einfach zu viel wollte. Er selbst weiß vielleicht am besten, dass ihm nicht nur Klassiker wie „Owen Meany” oder „Gottes Werk und Teufels Beitrag” gelungen sind. Im Übrigen hat er das auch nie behauptet. Über eines würde er sich aber niemals auf eine Diskussion einlassen - über seinen Umgang mit der Sprache, über die Art und Weise, wie er schreibt, kurzum: über seinen Stil. Wer darüber mit ihm reden will, wird kein Gehör finden. „Ich weiß genau, was ich da tue”, sagt Irving. Damit ist das Thema erschöpft.

„Mein Mann lebt ständig in einer sehr eigenen Welt, in der Welt seiner Bücher”, hat Irvings Ehefrau Janet Turnbull, die auch seine Literatur-Agentin ist, einmal gesagt. Nun leben ja Autoren irgendwie immer in der Welt desjenigen Buches, das sie gerade schreiben, doch bei kaum einem stellt man sich diesen Daueraufenthalt in der Fiktion so extrem vor wie bei Irving. Wenn er über seine Bücher philosophiert, redet er sich schon mal in Rage, ballt die Faust und verpasst dem Gesprächspartner, der in seiner unmittelbaren Nähe sitzt, gerne einen leichten Hieb auf den Oberarm. Irving, der bekennende Ringer, sucht den Körperkontakt. Natürlich sind derartige Muskelspielchen nicht ernst gemeint, doch für einen verbalen Schlagabtausch ist er jederzeit zu haben. Vorzugsweise mit Journalisten.

Denen ist er auf seiner jüngsten Lesereise durch Deutschland, bei der er seinen Roman „Letzte Nacht in Twisted River” vorgestellt hat, wieder zu Dutzenden begegnet. Irving mag diese Lesereisen nicht, er lässt sie routiniert über sich ergehen. Dabei hat er mit den Lesungen selbst keine Probleme, er fühlt sich wohl auf der Bühne, schätzt die Live-Situation, registriert die Reaktionen im Publikum sehr genau. Wo er auch liest, die Säle sind voll. „Aus Köln kam diesmal sogar das Angebot, in der Lanxess-Arena zu lesen, doch das erschien uns dann doch irgendwie unpassend, nicht der richtige Rahmen”, sagt Ruth Geiger, Pressechefin des Diogenes-Verlags, und eine enge Irving-Vertraute. Sie organisiert unter anderem sämtliche Pressetermine, was eine Herausforderung ist - Irving ist gefragt wie kaum ein anderer seines Faches.

Der Popstar der Literatur

Auflagenzahlen nennt der in der Schweiz ansässige Diogenes-Verlag, der sämtliche Rechte an den zwölf im deutschen Sprachraum erschienenen Romanen hält, nicht. Doch Irving ist das Flaggschiff des Verlags, ist der Popstar der Literatur, dem selbst der Boulevard immer mal gerne eine bunte Geschichte widmet. Es hat schon Geschichten über Irving gegeben, die sich mehr mit dem Tattoo auf seinem Unterarm als mit den Themen seiner Bücher oder seinem Schreiben beschäftigt haben. Irving lässt das zu, er hat nichts gegen seichte Unterhaltung, zumal ihm jegliches intellektuelle Gehabe abgeht. „Intellektuell? Was heißt das schon? Ich will gute Geschichten erzählen, das ist es, was ich will. Und die besten Geschichten spielen sich immer noch im Kopf ab.”

Was Irving nicht will? Niemals mehr auf die Frage antworten müssen, was an seinen Büchern autobiographisch sei. Wer die Frage dennoch stellt, begibt sich auf gefährliches Terrain. „Ich kann mir keine langweiligere Frage vorstellen, ich weiß überhaupt nicht, wie Journalisten auf die Idee kommen können, mir diese plumpe Frage immer und immer wieder zu stellen”, sagt er. „Besser wäre es, sie würden aufmerksam meine Bücher lesen. Die sprechen schließlich für sich.”

Bliebe dann doch noch mal die Frage nach den Büchern, weil die Vorstellung, dass es zu Hause in Irvings Schreibzimmer keine Bücher geben soll, einfach nicht akzeptabel ist. Wie kann das sein? „Der Staub ist schuld”, sagt John Irving und greift sich mit einer Hand an die Kehle. „Er setzt sich auf den Büchern fest und löst bei mir allergische Reaktionen aus.”

Schön ist das natürlich nicht. Doch es ist immerhin eine Erklärung. Und mit der kann man leben.

Zum Autor: John Irving wurde 1942 in Exeter in New Hampshire geboren. Als Berufsziele gab der Sohn eines Professors für russische Geschichte schon sehr früh an: Ringen und Romane schreiben. Seine ersten drei Romane waren umfangreich und erfolglos. Bis zum Durchbruch mit „Garp” verkaufte er Erdnüsse bei Football-Spielen, war Kellner und trainierte an Universitäten Ringermannschaften und künftige Schriftsteller. Viele von Irvings Romanen wurden für das Kino verfilmt, etwa „Garp und wie er die Welt sah” oder „Hotel New Hampshire”. Zum Teil war Irving auch an den Produktionen beteiligt. Für sein Drehbuch zu „Gottes Werk und Teufels Beitrag” wurde er mit dem Oscar ausgezeichnet. Irving hat aus seiner ersten Ehe zwei Söhne und ist in zweiter Ehe seit 1987 mit seiner Agentin Janet Turnbull verheiratet, mit der er einen weiteren Sohn hat. Er lebt und arbeitet abwechselnd in Vermont und Toronto.
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