Jethro Tull: Harter Kampf mit Stimmbändern

Von: Achim Kaiser
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Der Mann mit der Querflöte: Ian Anderson konnte beim Auftritt seiner Band Jethro Tull in Aachen mehr mit seinem Instrument als mit seinen Gesangskünsten überzeugen. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Die Zeiten, in denen Ian Anderson als mittelalterlicher Narr, elisabethanischer Gaukler oder gar im Outfit eines schottischen Gutsherrn auf der Bühne erschien, sind längst vorbei. Damals - in den 70er und 80er Jahren - strömten noch Massen weltweit in große Hallen, um die Rockband Jethro Tull mit ihrem charismatischen Chef mal live zu erleben.

Mehr als 2600 Konzerte später sind die Veranstaltungsorte deutlich kleiner geworden, die Haare - so denn noch vorhanden - deutlich grauer und das, was von Andersons Gesang übrig geblieben ist, deutlich schlechter.

Dennoch: Die annähernd 2000 Fans im nicht ganz ausverkauften Aachener Eurogress haben ihre Helden der Vergangenheit gefeiert - am Ende eines professionell arrangierten und solide gespielten Gigs. Dabei heimste aber überraschenderweise nicht der Mann mit der Querflöte den meisten Applaus ein, sondern sein langjähriger Weggefährte Martin Barre. Der erstklassige Gitarrist, der fast von Beginn an die 42-jährige Geschichte der britischen Blues-Folk-Prog-Klassik-Rock-Gruppe Jethro Tull mitgeschrieben hat, setzte die rockigen Ausrufezeichen bei dem soundtechnisch und instrumental-musikalisch fast perfekten Auftritt. Wäre da nicht Andersons zunehmende Unfähigkeit zu singen.

Ian Andersons Qualen

Seit mehr als 20 Jahren kommen dem bald 64-Jährigen die Höhen immer mehr abhanden. Und so verstrickt sich die Rocklegende über weite Strecken des rund 100-minütigen Gastspiels in mehr oder weniger harte Kämpfe mit seinen Stimmbändern. Mal versucht er, eine Oktave tiefer zu singen, mal flüchtet er in grauseligen Sprechgesang. Spätestens am Ende, beim Klassiker „Aqualung” und der vielumjubelten einzigen Zugabe „Locomotive Breath”, kann auch Anderson durchatmen: Die Qual hat ein Ende.

Vielleicht stehen auch deshalb eher ruhigere Folkrockelemente und einige gekonnte Abstecher in die Weltmusik im Mittelpunkt des abwechslungsreichen Programms, das die vielen musikalischen Möglichkeiten der erfahrenen Rockdinosaurier widerspiegelt. Mehr denn je dominiert Anderson mit seinem Querflötenspiel. Mal singt er, mal summt er und manchmal grunzt er auch mit flatternder Zunge in das Blasinstrument. Keine Frage, bei diesen Übungen macht dem Maestro keiner so schnell etwas vor. Auch seine Bühnenpräsenz und seine ironischen, humorvollen Zwischenmoderationen erinnern an ältere, an bessere Zeiten.

Zweifellos agiert auch die routinierte Combo ohne Fehl und Tadel. Dennoch wirken Bassist David Goodier, Drummer Doane Perry und Keyboarder John O´Hara etwas müde. Spielfreude kommt bei ihnen so recht erst zum Schluss auf, wenn schon fast alles vorbei ist. Den Fans in Aachen hat´s, gemessen am Applaus, gefallen. Denn wer zu einem Tull-Konzert geht, weiß schließlich vorher schon, worauf er sich da einlässt.
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