Aachen - „Into the Woods“: Irrungen und Wirrungen im Märchenwald

„Into the Woods“: Irrungen und Wirrungen im Märchenwald

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
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Angeknabbert: Rotkäppchen (Christina Patten) und der verführerische Wolf (Christian Fröhlich).
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Ganz schön böse, diese Alte: Sybille Lambrich als runzlige Hexe, Natalya Bogdanis und Samuel Schürmann (von links) als geplagtes Bäcker-Ehepaar im Musical „Into the Woods“ im Grenzlandtheater. Foto: Kerstin Brandt-Heinrichs

Aachen. Einen bunten musikalischen Mix serviert das Grenzlandtheater Aachen zum Jahresausklang seinem Publikum. „Into the Woods“ von Stephen Sondheim (Musik/Liedtexte, Buch: James Lapine) in der deutschen Fassung von Michael Kunze ist für alle Beteiligten ein Kraftakt.

Als musikalischer Leiter hat Damian Omansen (Keyboards) mit dem Ensemble und seinen Musikern komplizierte, teils dissonant verlaufende Sprechgesänge und intensive Soloauftritte erarbeitet, die höchste Konzentration verlangen.

Umständlich konstruiert

Regisseur Ulrich Wiggers tut sein Bestes, um die etwas umständlich aus diversen Märchen konstruierte Handlung rund um ein Bäckerpaar mit unerfülltem Kinderwunsch zu verknüpfen. Es geht nicht nur um ersehnte Dinge, sondern um die Neigung des Menschen, stets das zu wollen, was er nicht hat, um Verführung, um gut und böse. So kreuzen im Märchenwald Rapunzel, Aschenputtel, Rotkäppchen, Wolf, der Hans mit seiner weißen Schmusekuh (im Fell warm verpackt: Laura Lennartz), zwei Prinzen und noch viele andere Gestalten den Weg von Bäcker und Bäckerin.

Einfühlsam gibt ein weich singender Samuel Schürmann dem Bäcker tapsige Schwerfälligkeit. Er, der als „Zaza“ in „La Cage aux Folles“ brillierte, zeigt hier aber eine andere Facette. Natalya Bogdanis beeindruckt als junge Bäckerin mit funkelnder Gefühlsintensität und einer tiefgründigen Ausgestaltung der Rolle, die ihr viel sängerisches Können abverlangt. Ohne Hexen geht selbstverständlich nichts im Märchen – Sybille Lambrich ist sowohl faltig und krumm mit einem Mantel aus Moos, als auch – nach der Verwandlung – schlank und im sexy Outfit (liebevoll entworfene Kostüme: Noelie Verdier) eindrucksvoll. Ihr Spruch soll die Handlung zusammenhalten. Sie will den Fluch der Kinderlosigkeit vom Ehepaar nehmen, wenn die beiden ihr vier Sachen bringen: einen goldenen Schuh, ein rotes Mäntelchen, Haar so gelb wie das Korn und eine milchweiße Kuh.

Die Jagd im Märchenwald beginnt, als Erzähler Ernst Wilhelm Lenik das mächtige Märchenbuch öffnet. Mit heiterem Interesse begleitet er, der ab und zu auch als geheimnisvoller Alter auftaucht, jede Aktion seiner Gestalten. Matthias Winkler bietet mit einem künstlerischen und zugleich naiv-variablen Bühnenbild auf kleinstem Raum einen erstaunlich facettenreichen Rahmen. Hier werden die Bäume nicht nur verschoben, sie können auch auf- und zugeklappt werden. Und plötzlich schaut der Zuschauer so auf Aschenputtels Küche, die Bäckerstube und Rapunzels Turm.

In einzelnen Episoden gelingt es Wiggers, ironische Seitenhiebe auszuteilen und die Charaktere treffend zu zeichnen, etwa das freche, ewig futternde Rotkäppchen (Christina Patten), die schmachtenden, hohlen Prinzen (Dennis Henschel/Christian Fröhlich), Aschenputtels hochnäsige Stiefmutter (Ilka Sehnert) mit ihren schrecklichen Töchtern (Claudia Funke/Marthe Römer), die bezopfte Rapunzel (Ismeria Urban) und den verführerisch bösen Wolf (Christian Fröhlich). Schön die blitzschnell „gebaute“ Szene vom Bett der gefressenen Großmutter. Heike Wiltrud Schmitz entsteigt dem Bauch des Ungeheuers so deftig und polternd, wie sie auch die Mama vom naiven Hans (frisch und beweglich: Thomas Hohler) spielt.

Die einzelnen Szenen verhindern jedoch nicht, dass sich bald Längen einstellen. Kann das singende und Tanzende Ensemble („Ab in den Wald“, Choreographie Marga Render) diese Momente zunächst noch abmildern, wird der zweite Teil deutlich zäher. Da bröckelt schon bald das strahlende Glück der Paare: das Baby brüllt, der Prinz geht mit der Bäckerin fremd und gestorben wird auch eifrig. Die Geschichte von der abgehackten Bohnenranke, dem toten Riesen und der Riesin auf Rachefeldzug bleibt allerdings diffus. Aus den verbliebenen Märchengestalten (Bäcker, Aschenputtel, Hans, Rotkäppchen) wird eine neue Lebensgemeinschaft, die unter dem Motto „Du bist nicht allein“ und „Passt auf die Kinder auf“ allzu pathetisch-gefühlsbeladene Botschaften aussendet. Die deutschen Texte sind (zum Teil leider) durch eine extrem gute Sprechtechnik der Darsteller gut zu verstanden – das läuft manches Mal aber eher nach dem Motto „Reim dich oder ich fress‘ dich . . .“. Was im Englischen vielleicht mit lockeren Wortspielereien nicht so auffällt, funktioniert hier mehr schlecht als recht.

Nach drei Stunden ist die Riesin besiegt und alle wollen sich bessern. Das Publikum belohnt die Leistungen der Beteiligten mit herzlichem Beifall.

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