Kornelimünster - In Kornelimünster geht eine Ära zu Ende

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In Kornelimünster geht eine Ära zu Ende

Von: Eckhard Hoog
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Den spannenden Kontrast von Alt und Neu hat sie zu einem Markenzeichen der „Kunst aus NRW“ in Kornelimünster gemacht: Maria Engels, hier vor einer Plastik von Norbert Kricke und der Alten Reichsabtei. Am 31. Juli geht die Kunsthistorikerin in den Ruhestand. Foto: Andreas Herrmann
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Das Ausstellungs-Highlight des Jahres 2012 in der Alten Reichsabtei Kornelimünster: eine Retrospektive zum 125. Geburtstag des in Aachen geborenen Künstlers Ewald Mataré mit 80 Werken, darunter diese Tierkskulptur. Foto: Heike Lachmann

Kornelimünster. Eine Ära geht zu Ende. Maria Engels, der gute Geist der Alten Reichsabtei Kornelimünster und Leiterin der landeseigenen Einrichtung Kunst aus NRW, geht am 31. Juli in den Ruhestand. Ihre Stelle ist von der Bezirksregierung Köln neu ausgeschrieben worden, 50 Bewerbungen habe es gegeben, teilte man auf unsere Anfrage hin mit.

Ob die Zeit reicht, bereits bis zum 1. August die Nachfolge zu sichern, scheint eher unwahrscheinlich, aber immerhin – eine Art von Kontinuität wird es geben. Die Zusicherung des zuständigen Düsseldorfer Ministeriums für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport gilt als verbürgt.

Ohne die Kunsthistorikerin Maria Engels und ihr unermüdliches Engagement wäre die Kunst aus NRW heute vermutlich ein für die allgemeine Öffentlichkeit ziemlich verschlossenes Depot mit einer Sammlung von 4000 Kunstwerken, aus dem die diversen Ministerien oder andere Behörden des Landes Leihgaben bezogen hätten, um ihre Bürowände repräsentativ zu schmücken. Diese Funktion hat die Kunst aus NRW zwar in der Tat heute immer noch, allerdings ist das Haus in 35 Jahren zudem ein bedeutender, weithin geschätzter Ausstellungsfaktor für zeitgenössische Kunst geworden. Und es ist eine absolut einmalige Sammlung von nordrhein-westfälischer Kunst entstanden.

„Eine Idee der ersten Stunde“

Der Rückblick offenbart eine familiäre Kontinuität: „Es war eine Idee der ersten Stunde“, erklärt Maria Engels den Ursprung der Kunstkollektion. Im frisch gegründeten Kultusministerium im noch jungen Land Nordrhein-Westfalen keimte 1947 bei einem Ministerialrat namens Mathias T. Engels die Idee auf, wie man besonders begabten, jungen Künstlern nach dem Zweiten Weltkrieg ein wenig auf die Beine helfen könnte: durch den Ankauf ihrer Werke.

Das Aquarell „Schildkröte“ von Karl Schwesig war das erste Kunstwerk, das für 200 Mark in den Besitz des Landes überging. „Man wollte sich politisch absetzen von der Indoktrination der Nazi-Zeit“, erklärt Maria Engels die ursprünglichen Beweggründe. „Man“ ist dabei keineswegs anonym, sondern ganz persönlich zu benennen: Dr. Mathias T. Engels war ihr Vater, der im Ministerium als Referent für Angelegenheiten der bildenden Kunst die entscheidende Initiative zu dieser Art von Künstlerförderung ergriff.

Hann Trier gehörte zu den ersten Begünstigten, er bekam für sein Ölbild „Amboss“ 600 D-Mark, Bruno Goller für sein Gemälde „Altar im Gefangenenlager“ 735 D-Mark – Zahlen, die gewissermaßen die Stunde Null des deutschen Kunstmarktes markieren.

Gerhard Richter und Sigmar Polke folgten in ihren jungen Jahren, heute weltberühmte Namen mit gleichfalls weltberühmten Preisen für ihre Kunstwerke. In der ersten Hälfte der siebziger Jahre gingen derlei Ankäufe auf Wanderausstellung – annonciert unter dem Titel „Aspekte der gegenwärtigen Kunst aus NRW“. Es war eine Frage der Zeit, um für die immer wertvoller werdenden Schätzchen ein gesichertes Depot zu finden

Mit dem zusätzlichen Wunsch nach mehr Öffentlichkeit fiel schließlich die ehemalige Reichsabtei Kornelimünster in den Blick, das Domizil des Bundesarchivs. 1976 wurde zunächst im Mitteltrakt des fünfflügeligen Gebäudes eine ständige Ausstellung eingerichtet: „Aspekte der Kunst aus Nordrhein-Westfalen“. Nach und nach zog sich das Bundesarchiv zurück, bis es 2006 vollständig verschwand und durch Kunst ersetzt wurde. Ab 1993 steckte das Land 15 Millionen Mark in die Sanierung des Gebäudes. 1995 wurde der Mitteltrakt wiedereröffnet, 2001 zog die Kunst dann auch in den rechten Flügel ein, 2002 in den linken. 2006 bezog die RWTH Aachen als Mieter beide Nebenflügel, was die „Kunst aus NRW“ aber nicht beeinträchtigte.

Persönlich konnte Maria Engels erst ab 1989 festen Fuß fassen in der Alten Reichsabtei, in dem Jahr wurde sie fest angestellt, zuvor arbeitete sie zehn Jahre lang allein über Werkverträge. Ab 1996 gab sie pro Jahr bis zu zehn vorwiegend jungen Künstlern über die permanente Schausammlung hinaus ein Forum – solchen, von denen das Land bereits Werke angekauft hat. Ihre Wechselausstellungen verstand die Kuratorin stets als „Ergänzung und Vertiefung“ der Fördertätigkeit des Landes und wurde von den Auserwählten auch mehr als gerne angenommen.

Ganze neun der fantastischen Räume im Mitteltrakt der historischen Anlage standen bereits 1996 dafür zur Verfügung. „Die Künstler schätzen unser Haus sehr“, resümiert Maria Engels, „besonders den Kontrast von Alt und Neu.“ Bis zu 400 Vernissage-Gäste fanden sich jedes Mal ein, rund 13 000 Besucher zählte die „Kunst aus NRW“ pro Jahr. Und das trotz eingeschränkter Öffnungszeiten. Seit zwölf Jahren stand auch das Obergeschoss eines der Flügel für Wechselausstellungen zur Verfügung. Und so entwickelte sich ein reges Ausstellungswesen, was bei der Gründung so absolut von niemandem vorhersehbar war.

Die Leiterin erinnert sich: „Die erste Einzelausstellung 1996 galt Karl Otto Götz.“ Bis dahin war dieser in Aachen geborene Pionier der deutschen Nachkriegskunst, der im Februar 100 Jahre alt geworden ist, in seiner Heimatstadt eigentlich ziemlich vergessen. Die Schau sollte zu einer Initialzündung einer dankbaren gegenseitigen Wiederannäherung werden. Auch ein Beweis dafür, wie bedeutend die Kunst aus NRW für Aachen und darüber hinaus geworden ist.

122 Ausstellungen mit gut 150 Künstlern folgten, und die Alte Reichsabtei etablierte sich unter dieser Alleinkämpferin – nur Kollegin Birgit Kamps an der Seite –, als einer der wichtigsten Standorte der bildenden Kunst in unserer Region. Vom Land getragen. Aber als Faktor ist das alles, wie überhaupt Kornelimünster als Ort, längst noch nicht genügend anerkannt, findet Maria Engels, die selbst die 1200-Jahr-Feier Kornelimünsters kaum angemessen gewürdigt sieht. Manchmal ging es in der ganzen Zeit um Kleinigkeiten: „Jahrzehntelang habe ich für ein Straßenschild als Hinweis auf die Kunst aus NRW gekämpft“, sagt sie.

Für die Zukunft des Hauses hätte Maria Engels Vorschläge anzubieten: zum Beispiel eine Vernetzung in die Euregio hinein. Und Künstler-Stipendien, sie könnten ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Raum wäre in der Alten Reichsabtei jedenfalls genügend vorhanden.

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