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Im Würgegriff der dunklen Seite des Ichs

Von: Armin Kaumanns
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Triumpf am Theater Aachen: Philipp Maintz Oper „Maldoror” im spektakulären Bühnenbild von Roland Aeschlimann. Foto: Wil van Iersel

Aachen. Philipp Maintz schreibt Musik, die - bei aller handwerklichen Könnerschaft und allem klanglichen Erfindungsreichtum - durch die Kraft der Suggestion selbst ungeübte Neue-Musik-Hörer in ihren Bann schlagen kann.

So beginnt sein Opern-Erstling „Maldoror” in bester Rheingold-Manier mit einem geheimnisvoll-morbidem Grummeln: tiefes Klavier, Tamtam, große Trommel und was sich noch Sinistres dareinmischt, pulsieren in Geburtswehen des folgenden Unheils. Es ist die Apotheose des Ozeans als Quell allen Seins, der sich bei der Premiere auf der Bühne im Theater Aachen die Sopranstimme in tiefstem Register hinzugesellt, mit der ein anderthalbstündiges Musiktheater anhebt, das in fast völligem Verzicht auf Handlung Maldoror, den Engel des Bösen, und seine Wirksamkeit zum Thema hat.

Lautréamonts bizarres, vor-surrealistisches Poem „Les chants de Maldoror” dienten dem 1977 in Aachen geborenen Komponisten und seinem Librettisten Thomas Fiedler als Steinbruch für die sieben Szenen, in denen sich vor allem eins ereignet: Text.

Man muss das schon als großartige Leistung des Regieteams um Georges Delnon und Joachim Rathke bezeichnen, dem spröden Werk eine theatrale Form erschaffen zu haben. Maßgeblich Hilfe leistet bei diesem Unterfangen die grandiose Bühne von Roland Aeschlimann, die nichts weiter als zwei ineinander verschränkbaren Gittern zu monumentaler Präsenz verhilft: Wie der Rohbau eines Schiffsrumpfes, der weit in die Bühnendecke hineinragt, ziehen waagerechte Latten ein Raster von Linien in den ansonsten schwarz-leeren Raum - ein Bauch, in dem Figuren mühsam und schwindelerregend herumklettern, sich bekämpfen, sterbend sich verketten und tot herumbaumeln können; ein Innen, dem ein Vorne vorgelagert ist, auf dem Menschen handeln, wandeln können. Schließlich sind die Planken eine durchbrochene Projektionsfläche für die unablässig ablaufende Flut französischer Wörter, das Libretto, dessen weiße Buchstaben wie bei einem Film-Abspann von unten nach oben laufend mit der Bühnenaktion Schritt halten.

Quälend langsam

Der quälend langsamen Handlung steht die Musik bei, nimmt die Stimmung vorweg oder spürt ihr nach, kommentiert mit teils ausgedehnten Zwischenspielen das, was sich tut: Lautréamont, der Dichter, erschafft Maldoror, Verkörperung des Bösen in ihm selbst.

Maldoror zerstört jegliches Glück: missbraucht und meuchelt einen Knaben, schändet die Mutter und macht sich auf den Leichen der Angehörigen den Vater zu Willen. Immer wieder unterbrechen Auseinandersetzungen zwischen dem Dichter und seinem Geschöpf das Geschehen, immer wieder kommentiert eine Frau, die Sopranstimme, die Szenerie des Grauens.

Grandiose Höhepunkte erreicht das famose Sinfonieorchester Aachen, das sich in die völlig ungewohnte Rhythmik und Harmonik der Partitur förmlich gefressen hat. Große Ruhe strahlt Generalmusikdirektor Marcus Bosch am Pult aus: Einerseits gebietet er den diffizilen, von Schlagwerk dominierten Klängen, die selbst Steeldrums für grausame Effekte nutzbar machen; andererseits bereitet er den Sängern jenen Grund, der sie sicher durch die teils halsbrecherischen Partien geleitet.

Dabei hat die Partie der Sopranstimme noch die gesanglichsten Aufgaben: Gastsängerin Marisol Montalvo brilliert mit riesigem Ambitus und feinem Legato, gleich ob sie als eine Art Erda sich Wasser aus Kübeln übers Haupt schüttet oder auf pinken Highheels durchs Geschehen stakelt. Der famose Martin Berner als Maldoror und sein Gegenspieler Otto Katzameier (Lautréamont) müssen da schon zerklüftetere Partien stemmen - und machen das sehr eindrucksvoll. Fast ins sängerische Stammeln geraten die Familienmitglieder, unter denen die Tenorpartie des Vaters fast baritonal geführt, rhythmisch ungeheuer komplex angelegt ist - Lasse Penttinen gelingt das grandios; auch Leila Pfister als Mutter füllt ihre Rolle äußerst präsent, gleiches gilt für die Knabenpartie (Hektor Zenner).

Am Schluss, als Maldoror seinen Schöpfer Lautréamont erwürgt hat und ein Tableau des Grauens schattenrissartig vor weißem Hintergrund sichtbar wird, rieselt der gesamte Text der Oper - als Projektion - von der Decke herab. Zurück in die Sanduhr der Zeit, in der der Würgeengel des Bösen ewig sein Unwesen treiben wird. Die Musik erstirbt in mühsam durchzuckter Einsilbigkeit, der ein Metronom unerbittlich Atem einhaucht.

Allgemeiner Jubel.

„Maldoror” von Philipp Maintz (Foto) ist eine Koproduktion des Theaters Aachen mit der Münchener Biennale für Neues Musiktheater, wo die Oper eine gefeierte Uraufführung erfuhr (wir berichteten), und dem Theater Basel, dessen Intendant Regisseur Georges Delnon ist. Im Oktober/November geht die Produktion dann auch in die Schweiz. Weitere Vorstellungen in Aachen am 11., 15., 23., 27. und 30. Mai.

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