Im tiefen Wald geht es märchenhaft zu

Von: Sabine Rother
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Ein Musical der besonderen Art: Das Ensemble von „Into the Woods“ auf der Probebühne des Grenzlandtheaters. Im Hintergrund oben links: Regisseur Ulrich Wiggers. Foto: Stephan Rauh
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Auf kleinstem Raum: Matthias Winkler mit dem Modell seines Bühnenbildes.

Aachen. Was passiert, wenn Aschenputtel endlich den Prinzen geheiratet hat und der royale Alltag beginnt? Wie fühlt sich Rapunzel in der Freiheit, nachdem sie jahrelang ihr güldenes Haar im Turm kämmen musste? Und wie kommt das Bäckerpaar mit einem schreienden Baby zurecht, nach dem es sich so lange gesehnt hat?

„Into the Woods“ ist ein Musical der besonderen Art – Märchen, Musik, Sprache, Ironie und hintergründiger Humor verschmelzen miteinander.

Magischer, sogar erotischer ort

Das Stück aus den 80er Jahren mit Musik und Liedtexten von Stephen Sondheim nach dem Buch von James Lapine (Deutsche Fassung Michael Kunze, Erstaufführung 1990) hat in der Regie von Ulrich Wiggers jetzt im Grenzlandtheater Aachen Premiere. Eine mutige Entscheidung von Intendant Uwe Brandt, der vier Jahre lang mit Wiggers über „Into the Woods“ diskutiert hat. „Ich war zunächst der Meinung, das geht bei uns überhaupt nicht. Wir sind ja schließlich nicht der Broadway“, betont Brandt. „Zunächst mussten wir überlegen, ob wir das auf unserer kleinen Bühne überhaupt umsetzen können. Und wir brauchten natürlich auch die Genehmigung des Theaterverlags zu Veränderung.“

Jetzt ist es so weit. Wiggers, der darin erfahren ist, raumgreifende Werke bei eher bescheidenem Platzangebot zu inszenieren – erfolgreiche Grenzlandtheater-Produktionen wie „Die drei von der Tankstelle“, „Der Mann von La Mancha“ und „La Cage aux Folles“ haben das gezeigt – sieht sich umringt von bunten Märchenwesen. Sie alle entspringen einem großen Märchenbuch, das Schauspieler Ernst Wilhelm Lenik freundlich lächelnd aufschlagen wird. Nur er weiß manchmal, wie es weitergeht.

„Aus vielen Gestalten wird ein neues Märchen, und das spielt im tiefen Wald“, verspricht Wiggers nicht nur einen originellen Reigen: „Der Wald war schon immer ein magischer und sogar erotischer Ort, an dem die normalen gesellschaftlichen Regeln außer Kraft gesetzt sind.“ Hier müssen der Bäcker und seine Frau – gestraft von einer Hexe – den Fluch der Kinderlosigkeit auflösen, indem sie ihr „eine Kuh, so weiß wie Milch, einen Mantel, so rot wie Blut, Haar, so gelb wie Korn und einen goldenen Schuh“ bringen. Bekannte Accessoires, die zu den Gestalten der Brüder Grimm führen.

Im Stück geht es nicht zuletzt um das Wünschen und die Frage, ob die Erfüllung eines Wunsches nur Segen oder manchmal sogar Fluch ist. „Menschen lügen, betrügen und schachern, um sich ihre Wünsche zu erfüllen. Dann müssen sie mit den Konsequenzen leben“, meint Samuel Schürmann. Der Sänger und Schauspieler – zuletzt hat er die schillernde Figur Albin/Zaza in „La Cage aux Folles“ verkörpert – spielt den biederen Bäcker mit Kinderwunsch. „Mit Songs von Stephen Sondheim habe ich meine erste CD herausgebracht, das macht die Rolle für mich besonders reizvoll.“ Im Wald begegnen ihm und seiner Frau all die Gestalten aus dem dicken Buch – darunter hübsche Prinzen, die dauernd herumjammern, sowie ein Rotkäppchen, das schließlich den grauen Wolfspelz als Ersatz für sein rotes Cape um die Schultern legt und beständig futtert. Erfahrungen mit dem Komponisten und Texter hat auch „Aschenputtel“ Karoline Goebel, die zuletzt in Hildesheim im Musical-Thriller „Sweeney Todd“ von Stephen Sondheim und Hugh Wheeler auf der Bühne stand. „Sprechen und singen sind in diesem Stück kaum voneinander zu trennen, das ist gar nicht so leicht, und man muss sehr konzentriert bleiben“, beschreibt sie die Arbeit. Gesungene Sprache, sprechender Gesang – all das sorgt für besondere Facetten, die Damian Omansen als musikalischer Leiter mit dem Ensemble erarbeitet. „Die Sprachmelodie ist nicht so einfach zu singen, das ist zwar eine sehr eingängige, aber nicht gerade einfache Komposition“, beschreibt er das Stück. „Es ist faszinierend, wie man die Emotionen der Personen in der Musik wiederfindet.“ Stephen Sondheim selbst sagt zur Musik seines 1987 in New York uraufgeführten Musicals: „Ich wollte darin viele kleine Lieder ausstreuen, mit kleinen Melodien im Sechzehntel-, Zweiunddreißigstel und Achteltakt, trickfilmhaft anmutend, immer in einem zeitgenössischen Stil: Moralitäten und Lieder Fahrender.“

Wie in einem großen Märchenbuch bewegen sich die Figuren zwischen aufklappbaren Bäumen und variablen Büschen. „Man kann bei so einem Stück auf kleinstem Raum ja nicht naturalistisch arbeiten“, sagt Bühnenbildner Matthias Winkler, der eine Art hölzernen Wehrgang entworfen hat – und natürlich einem Turm für „Rapunzel“. Immer wieder gilt es, Statikprobleme zu lösen, denn die raumsparenden Bauten müssen zugleich eine große Zahl von Darstellern gefahrlos tragen, die sich oft noch zu Choreographien von Marga Render rhythmisch bewegen. Wie inszeniert man so ein Stück? „Indem man eine neue Geschichte erzählt“, meint Wiggers geheimnisvoll.

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