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Im Kirschgarten wächst ein Erotik-Center

Von: Hermann-Josef Delonge
Letzte Aktualisierung:
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Das waren noch Zeiten: Elisabeth Ebeling, Markus Haase, Heinz Kloss und Bettina Scheuritzel (von links) in der Aachener Inszenierung von Václav Havels „Abgang”. Foto: Carl Brunn

Aachen. „Leck mich!”, schreit das Bühnenbild. Für Kraftmeiereien dieser Art sind traditionell die Rolling Stones zuständig, die Älteren werden sich erinnern. Frontmann Mick Jagger, so heißt es, ist gut befreundet mit Václav Havel. Man könnte deshalb von einer gewissen Folgerichtigkeit sprechen, dass Regisseur Nicolai Sykosch und Bühnenbildner Stephan Pratte die legendäre, knallrote Stones-Zunge auf der großen Bühne im Theater Aachen ausgebreitet haben - mitsamt weit aufgerissenem Mund.

Achtung, will uns das sagen, hier wird nicht nur Politsatire betrieben! Hier werden auch Pop-Mythen verhandelt, genauer: der Mythos eines Politikers, der in seinen besten Zeiten wie ein Popstar gefeiert wurde!

Eine Spur zu deutlich

Das ist in sich stringent, aber eine Spur zu deutlich. Womit wir uns dem Grundproblem der deutschsprachigen Erstaufführung von Havels „Abgang” nähern: Sykoschs Inszenierung setzt vor allem und zu sehr auf den Klamauk, die Zwischentöne gehen unter. So verlässt man nach gut 100 Minuten das Theater durchaus gut unterhalten, aber nicht nachhaltig beeindruckt.

Die Stones-Zunge also. Links davon sitzt Malcolm Kemp mit E-Gitarre, Verstärker und Mikro-Ständer. Es wird auch gesungen an diesem Abend, Stones-Songs natürlich; das Ensemble swingt dazu hinterm Mikro, ganz so, wie Background-Sängerinnen das tun. Heinz Kloss greift sogar einmal zur Mundharmonika und hat den Blues. Wir haben verstanden: Er ist traurig und verlassen.

Kloss spielt Dr. Wilhelm Rieger, den abgewählten Kanzler, der gerne in seiner komfortablen Dienstvilla nebst Kirschgarten wohnen bleiben würde. Das durchkreuzt mit einiger Heimtücke sein Rivale und Möchtegern-Nachfolger Klein, ein schmieriger Politprofi (Paraderolle für Karsten Meyer). Rieger soll in ein abgelegenen Dorf abgeschoben werden, aus der Villa ein Vergnügungspark samt Erotik-Center werden.

Er ergibt sich schließlich in sein Schicksal; in einem großartigen Monolog der Selbstverleugnung stimmt er sogar dem heuchlerischen Angebot zu, künftig als Berater des ehemaligen Sekretärs seines ehemaligen Sekretärs zu arbeiten, der rechtzeitig die Fronten gewechselt und sich speichelleckend hochgebuckelt hat.

Havel selbst ist nie müde geworden zu betonen, dass dies alles nicht autobiografisch gemeint sei. Aber natürlich bezieht das Stück seinen Reiz zu nicht geringen Teilen aus der Vorstellung, dass hier der ehemalige Präsident der Tschechischen Republik mit der Politikerkaste abrechnet. Tatsächlich werden hier munter Polit-Phrasen gedroschen („Der Mensch im Mittelpunkt!” „Minderheiten schützen, die Frauen auch!”).

Sykosch kostet das voll aus, indem er auch das Personal bis zur Karikatur überzeichnet: die tumbe Mutter in Pumphosen, die munter Seifenblasen in die Luft bläst, wenn es besonders platt wird (Elisabeth Ebeling). Irene, Riegers langjährige Freundin, eine Ex-Visagistin mit Hang zu engen Chanel-Kostümen (Bettina Scheuritzel). Deren Freundin Monika, ein devotes, Pillen schluckendes Wesen hinter riesiger Sonnenbrille (Anne Wuchold).

Die verlogene Boulevard-Journaille (Markus Haase, Sophie Basse). Hannes und Viktor, Riegers Sekretäre, verstrahlte Alt-68er mit Pullunder, Cordhose und Pottschnitt (Haase und Sebastian Stert).

Das alles ist mit einem Text, der vor Kalauern nicht zurückschreckt, immer für ein paar Lacher gut; das Ensemble stürzt sich mit viel Elan und Spielfreude in die ewigen Rollenwechsel. Doch Havel wollte mehr: ein Drama über ein Menschenschicksal und über die Vergänglichkeit der Werte. Eine Reflexion über die Möglichkeiten und die Ausdrucksformen des Theaters.

Deshalb hat er Anleihen an Shakespeares „King Lear” und Tschechows „Kirschgarten” genommen, in dessen Melancholie Heino Cohrs als Faktotum Oswald am Ende kurz baden darf. Deshalb greift der Bühnen-Fuchs mit selbstironischem Kommentar immer wieder ins Geschehen ein (als Havels Original-Stimme mit deutscher Übersetzung zu hören).

Bei Sykosch fährt im letzten Akt der Vorhang hinter der Szene hoch, man kann die Schauspieler beim Umziehen beobachten. Dahinter hängt ein Prospekt mit Havel-Porträts vom Schnürboden, als hätte der Autor Modell gestanden für eine von Warhols Serien. Achtung, will das sagen: Ironie! Der Autor selbst ist schon ein Mythos des Pop!

Wir haben verstanden. Ist ja auch sehr deutlich.
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