Aachen - „Ideen pflanzen, Widerstand leisten“

„Ideen pflanzen, Widerstand leisten“

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Kasper König, ehemaliger Direktor des Museums Ludwig Köln, vor der Skulptur „Vater Staat“ von Thomas Schütte. Foto: Oliver Berg

Aachen. Kasper König gilt als einer der einflussreichsten Ausstellungsmacher der deutschen Nachkriegsgeschichte – und leidet auch nach seinem Abschied als Direktor des Museums Ludwig in Köln Ende 2012 wahrlich nicht an Unterbeschäftigung.

Der 70-Jährige ist viel unterwegs in Sachen Kunst und Kultur. Am kommenden Mittwoch wird er in Aachen sein, um über die Perspektiven des Ludwig Forums zu diskutieren (siehe Box). Unser Redakteur Hermann-Josef Delonge erreichte ihn gestern per Telefon im Zug irgendwo zwischen Bozen und Innsbruck.

Herr König, eine Ihrer ersten Ausstellungen als Direktor des Kölner Museums Ludwig, stand unter der Überschrift „Museum unserer Wünsche“. Was haben Sie von diesen Wünschen umsetzen können?

König: Es ging mir gar nicht in erster Linie um uns als Museumsmacher. Das Entscheidende war das Wort „unserer“. Damit waren die Bürger gemeint, die Menschen in der Stadt, die Steuerzahler, die das Museum mit ihrem Geld mittragen. Es ging mir darum, sie aufzufordern, sich zu beteiligen, sich einzumischen in die Geschicke des Museums – wenn auch nach Vorgaben, die wir machten. Ich wollte einen Dialog, der klar macht, dass das Museum ein ganz wichtiger Ort für die Stadt selbst ist – als eine Art Gedächtnis der Stadt. Ein Ort, der Widersprüche erlaubt und einfordert, ein Ort, an dem man sich produktiv reiben kann.

Das also ist die Aufgabe eines Museums heute?

König: Ein Museum muss Widerstand leisten in einer Zeit, die immer stärker visuell geprägt ist und undifferenzierter wird, weil die Bilder immer dominanter werden. Als ein Ort, in dem die ästhetische Wahrnehmung dabei hilft, die Komplexität des modernen Lebens zu verstehen – was übrigens viel schwieriger ist, als moderne Kunst zu verstehen. Es ist aber natürlich nicht jedem gegeben, sich darauf einzulassen. Ein Museum darf niemanden ausschließen – ohne populistische Konzessionen zu machen.

Haben Sie den Eindruck, dass dies dem Aachener Ludwig Forum gelingt?

König: Ja. Brigitte Franzen und ihr Team leisten ausgezeichnete Arbeit, die aber auch einen langen Atem verlangt. Man sollte nicht glauben, dies sei eine elitäre Veranstaltung, nur weil dort Kunst zu sehen ist und Themen verhandelt werden, die nicht immer leichtgewichtig sind.

Das verlangt aber auch ein Publikum, das tolerant und bereit ist, sich zu öffnen.

König: Selbstverständlich. Aber man darf auch nicht immer sagen, es interessiere die Leute sowieso nicht, was da im Museum gezeigt wird, weil es so sperrig ist. Ein Haus wie das Ludwig Forum braucht eine grundsätzliche Unterstützung über Jahre hinweg, damit da etwas entstehen und sich entwickeln kann. Das ist ein Langstreckenlauf. Man darf nicht indifferent sein, sondern man muss sagen: Das machen wir, das unterstützen wir, und dann bekommen wir ein ganz eigenes Profil.

Ist es also ungerecht, den Erfolg eines Museums nur an den Besucherzahlen zu messen?

König: Sie können Erfolg nicht quantitativ messen, das wäre Unsinn. Wenn es einem Haus gelingt, Ideen zu pflanzen, aus denen eine neue Perspektive entsteht, dann wirkt das auch zurück auf die Stadt. Das ist nicht immer mehrheitsfähig – muss es aber auch nicht sein. Ein Museum wirkt dann wie ein Laboratorium für die Gesellschaft.

Das widerspricht dem Trend zum Ausstellungs-Event, den wir in Deutschland spätestens mit der Mega-Schau „Das MoMa in Berlin“ beobachten können.

König: Dieser Trend hat mehr mit Geschäftigkeit zu tun, und heraus kommt Infotainment. Aber das eine schließt das andere ja nicht aus. Gegeneinander ausspielen darf man das nicht.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang ein Museumsdirektor? Muss der mehr denn je Manager sein?

König: Nicht Manager, aber jemand, der sich um alles kümmert. Man muss unabhängig sein, natürlich auch unternehmerisch denken, aber auch Begeisterung wecken und vermitteln, um neues Publikum zu gewinnen, ohne das alte zu verlieren. Und man muss eine Verbindung aufbauen zu der Stadt, in der das Museum steht. Aber dafür ist es auch wichtig, dass man Anerkennung erfährt von der Politik und der Stadtgesellschaft. Äußerungen wie „Das ist ja alles elitärer Quatsch“ sind kontraproduktiv. Da kann ich nur sagen: Wer keine Ahnung hat, der sollte sich raushalten.

Ihr altes Haus in Köln, aber auch das Ludwig Forum in Aachen und andere Museen sind eng mit der Ludwig-Stiftung verbunden und haben eine exquisite Sammlung im Hintergrund. Ist das für einen Museumsleiter ein Segen, oder kann das auch Fluch sein?

König: Natürlich ist das sehr gut, aber man darf die Generosität der Stiftung nicht missbrauchen. Man muss für den ganz normalen Betrieb des Hauses sorgen. Was die Stiftung ermöglicht, ist sozusagen die Sahne auf dem Kuchen. Sie ermöglicht Dinge, die man sonst nicht machen könnte. Da leistet sie Bedeutendes. Die Ludwigs haben übrigens immer die Autonomie der Häuser respektiert und nie Druck ausgeübt.

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