Ibsens „Hedda Gabler“: Zerrissen von Frust, Angst und Machtlust

Von: Eckhard Hoog
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Spannend: Henrik Ibsens „Hedda Gabler“ in den Kammerspielen des Theaters Aachen: mit (von rechts) Katja Zinsmeister in der Titelrolle, Philipp Manuel Rothkopf als Jørgen Tesman und Ina Tempel als Fräulein Elvsted. Foto: Wil van Iersel

Aachen. Steine, präzise aufgereihte, dicke Kiesel dekorieren einen Sims. Die Wände – ein einziges fahles Weiß. Die Essgruppe – im Möbelstil von Minimal-Designern gestaltet. Eine solche Villa kann kein Mensch wirklich mögen.

Dieses ausgesprochen unwirtliche Zuhause bezieht das junge Ehepaar Hedda Gabler und ihr Mann Jørgen nach den Flitterwochen. Dabei spiegelt die Umgebung nichts anderes wider als das entfremdete Seelenleben einer womöglich eben noch hoffnungsfrohen Braut, der ihr frischgebackener Gatte bereits während der Hochzeitsreise alle Illusionen geraubt hat: An dessen betulicher Seite kann man nur noch verstauben. Und es gibt keine Alternative – zumindest fehlt es ihr an Mut, die Grenzen und Konventionen zu sprengen. Da keimt am Ende nur noch kalte Wut auf und geht über Leichen – und sei es auch die eigene...

Schillernde Darsteller

Eine spannende Ibsen-Inszenierung liefert das Theater Aachen unter der Regie von Ludger Engels in den Kammerspielen. „Hedda Gabler“: In vielen Schattierungen schillernde Darsteller führen zu den Abgründen menschlicher Schwächen, Bosheiten und Leidenschaften.

Das bunte Geblüm zur Begrüßung auf dem Tisch wirkt wie ein Fremdkörper in der eiskalt designten Wohnlandschaft. Es passt genauso wenig hierher wie Heddas (Katja Zinsmeister) High Heels und ihre gestylte, wechselnde Garderobe (Bühne und Kostüme: Philipp Berweger) zum Spießeranzug von Jørgen (Philipp Manuel Rothkopf), der sein komplettes Triebleben mit beständigem Fummeln an seinem Zettelkasten zu sublimieren scheint. Sprechende Gesten offenbaren den Subtext in Ibsens Stück.

Der Traum vom gutsituierten bürgerlichen Leben – wenn der Mann schon nur ein trockener Kunsthistoriker ist, dann verschafft wenigstens ein Reitpferd noch Pläsier –, er zerplatzt, als auch das nicht finanzierbar wird, weil die Protektion zu einem gutdotierten Lehrstuhl für Jørgen jäh verpufft.

Kein Lebensziel vor Augen und unfähig, sich in einer neuen Rolle jenseits der gesellschaftlichen Vorgaben neu zu definieren, mündet Heddas pralle Energie in zunehmenden Machtgelüsten und in gnadenlose Zerstörung – ihres ehemaligen Liebhabers Løvborg (Tim Knapper) ebenso wie der gutherzigen Elvsted (Ina Tempel). Die High Heels streift Hedda ab und schnürt stattdessen schwarze Springerstiefel. Die Regie lässt sie immer wieder an gerundeten Wänden sinnfällig abgleiten. Im grellen Krampf der Gefühle krallt sie sich auf dem Sims ins kahle Weiß.

Spannung bezieht die Inszenierung aus emotional zugespitzten Dialogen und vor allem aus der Unvorhersehbarkeit und der Vielschichtigkeit der Figuren. Katja Zinsmeisters Hedda zeigt bei all der bösen, aus Frustration genährten Bitternis auch mädchenhafte Züge, und selbst eine „mannhafte“ Prägung durch ihren Vater, den General, macht sie glaubhaft.

Philipp Manuel Rothkopf ist ein ahnungsloser Pedant, gelegentlich mit den Zügen eines kindlichen Gemüts. Tim Knapper spielt den Løvborg als schöngeistigen Intellektuellen mit animalischer Gefühlsbasis, der sich mit dieser Schwäche leicht zum Spielball der Intrige machen lässt – nach nächtlichem Besäufnis augenfällig charakterisiert durch eine bärenfellartige Weste über der behaarten nackten Brust. Torsten Borm als Richter Brack versteckt seine falschen, gemeinen Absichten kalt berechnend hinter einer schmierig verlogenen Fassade bürgerlicher Harmlosigkeit, ruchlos die Fühler nach einer Gelegenheit ausstreckend.

Ina Tempel als Frau Elvsted ist in ihrem einfachen, voraussetzungslosen, natürlichen Wesen ohne besondere Ambitionen dennoch sehr viel mutiger als die oberflächlich so stark wirkende, zerrissene Hedda mit ihrer nackten Angst vor einem Skandal. Elisabeth Ebeling gibt die in bürgerliche Betriebsblindheit verfallene Juliane Tesman. Die Premiere endete mit lang anhaltendem Beifall für alle Beteiligten.

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