Ian Anderson: Kein Wesen aus dem Paralleluniversum

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Der Mann mit der Flöte: Ian Anderson, Frontmann und musikalischer Kopf von Jethro Tull. Foto: Stock/Stefan M. Prager

Aachen. Es gab eine Zeit, in der man ein paar hundert Kilometer zurücklegen musste, um ein Jethro-Tull-Konzert erleben zu können. Seit der Spaß-Faktor wieder in die Band zurückgekehrt ist, reisen die englischen Rock-Exoten aber so ausgiebig um die Welt, dass auch bislang nicht bedachte Städte in den Genuss ihrer Musik kommen.

Und so steht jetzt tatsählich zum ersten Mal Aachen auf dem Tourplan der Band, die in den gut 40 Jahren ihres Bestehens über 70 Millionen Alben verkauft, mehr als 3500 Konzerte gespielt und mit Songs wie „Locomotive Breath”, „Aqualung” und „Bourré” Rockgeschichte geschrieben hat. Immer in vorderster Front dabei: Ian Anderson, der Mann mit der Flöte, der Sänger und Komponist. Mit ihm sprach unser Mitarbeiter Michael Loesl.

Mr. Anderson, täuscht der Eindruck, oder haben Sie tatsächlich kein Zuhause mehr, weil Sie ständig unterwegs sind?

Ian Anderson: Ich besitze ein Haus, mehrere Katzen und ich bin seit 35 Jahren verheiratet. Für die Konzertreisen gibt es einen ganz anderen, fühlbaren Grund: Ich werde älter und ich kann Ihnen sagen, dass ich meine 63 Lebensjahre zwar nicht als unangenehm empfinde. Aber sie führen mir die Endlichkeit meiner Zeit vor Augen, die mir noch bleibt, um Musik machen zu können.

Dafür liegt das letzte Studioalbum von Jethro Tull aber schon reichlich lange zurück.

Anderson: Elf Jahre, um genau zu sein. Es gibt unveröffentlichte Aufnahmen der letzten Jahre, die sich zum Teil noch im Rohzustand befinden und die irgendwann sicher veröffentlicht werden. Aber der Fokus der Band lastet seit Jahren auf Konzerten, weil keiner von uns sagen kann, ob wir in einem, zwei oder fünf Jahren noch Konzerte spielen können.

Im Grunde spielten Sie in der Blütezeit von Jethro Tull nicht weniger Konzerte, veröffentlichten aber jedes Jahr dazu noch eine Platte.

Anderson: Stimmt, aber damals waren wir noch deutlich jünger. Reale Schaffenskraft spielt in der Kreativität keine unerhebliche Rolle. Ambitionen erst recht nicht. Für einen jungen Mann sind Ambitionen und ein dazugehöriges Ego durchaus gesund. Erst im Laufe der Zeit merkt man, dass man vieles von dem, was einem die Ambitionen gebracht haben, eigentlich gar nicht braucht.

Ihre ehemalige Lachsfarm beispielsweise?

Anderson: In ökonomischer Hinsicht war die Fischzucht keineswegs unsinnig. Sie brachte vielen Leuten in Schottland einen Job und war für mich durchaus lukrativ. Ich persönlich zog einen zusätzlichen Mehrwehrt aus der Lachsfarm: Ich wurde ernstgenommen und nicht pausenlos als seltsames Wesen empfunden, das in bizarren Kostümen aus einem Paralleluniversum stammt. Die Leute in Schottland interessierte es nicht dafür, wie viele Millionen Platten meine Band verkauft hatte.

Heute schreiten Sie verhältnismäßig unkostümiert auf die Bühne.

Anderson: Und deshalb machen Konzerte umso mehr Spaß. Ich war nie ein ausgesprochener Showmann und fand meine Rolle als Sänger einfacher zu ertragen, in dem ich mich hinter einem Image versteckte, das mit mir als Mensch allerdings nie deckungsgleich war. Den Rock-´n´-Roll-Lifestyle fand ich schon immer ungesund. Noch heute sind Leute überrascht, wenn sie nach einem Konzert einen eher wenig extrovertierten Ian Anderson treffen, der weit weniger dem Atrribut eines Rockstars entspricht, als man annimmt.

Verkleideten Sie sich deshalb bereits auf dem Cover Ihres Debütalbums als Sechzigjähriger?

Anderson: Das war kein bewusst kreiertes Image, sondern der Versuch, möglichst exzentrisch wirken zu können. Sie müssen sich den popkulturellen Kontext vor Augen führen, in dem Jethro Tull groß wurde. Man konnte respektive musste sogar außerhalb der geschriebenen Showgeschäftgesetze tätig werden, denn es war die Zeit der Individualisten. Glauben Sie, dass Jethro Tull oder Frank Zappa heute, in einer deutlich formatierteren Poplandschaft, eine Chance auf große Wirkung hätten? Wir wären ein Untergrundding, bestenfalls. Individualismus war zum Beginn unserer Karrieren eine Notwendigkeit, im gleichen Maße, wie heute Konformismus unabdingbar zu sein scheint.

Also war die Querflöte eine Notwendigkeit?

Anderson: Ja, sogar in mehrfacher Hinsicht. Als ich mein Elternhaus verließ, brauchte ich ein Instrument, das ich in den paar Tüten verstauen konnte, die ich mitnahm. Eine Gitarre hätte den Rahmen gesprengt. Die Flöte war aber auch ungewöhnlich genug im Rockkontext, um damit Gehör zu finden. Außerdem begannen wir unsere Karriere, als man keine Hitsingles im Radio haben musste und trotzdem ein Nummer-eins-Album schreiben konnte. All diese Faktoren spielten eine Rolle in der Wahl meines Instruments.

Wie ist das Leben als Rockstar?

Anderson: Ich finde es interessant. Musik macht Spaß, vielleicht sogar mehr Spaß als in dem Jahrzehnt, als wir jedes Jahr dafür zu sorgen hatten, dass der Name der Band präsent blieb. Darüber hin-aus genieße ich die Freuden des Lebens, gutes, indisches Essen, was ein Universum für sich ist. Und auch das Reisen ist immer noch inspirierend. Ich möchte nicht statisch leben, ich möchte keinen Stillstand erleben, was sicherlich auch ein Grund für die Reiseaktivitäten der Band ist. Wir wissen, dass wir nicht mehr ewig reisen können, und touren vermutlich nicht zuletzt deshalb mit der derzeitigen Intensität.

Was würden Sie dem Namens- patron Ihrer Band (einem britischen Agrarwissenschaftler, der Anfang des 18. Jahrhunderts die Sämaschine erfunden hat, Anm. d. Red.) sagen, wenn Sie ihn träfen?

Anderson: Dass er bitte seinen unaussprechlichen Namen ändern solle. Bis heute scheitern die Leute am richtigen Prononcieren von Jethro Tull.


Konzert am 10. April

Jethro Tull sind am Samstag, 10. April, im Aachener Eurogress an der Monheimsallee zu sehen und vor allem zu hören. Beginn des Konzerts ist um 20 Uhr.

Die Band wurde Ende 1967 von Ian Anderson und anderen britischen Musikern gegründet. Die Besetzung wechselte im Verlauf der Jahrzehnte häufiger, Multi-Instrumentalist Anderson blieb und prägte Musik und Live-Auftritte der Gruppe.

Neben Anderson werden Martin Barre (Gitarre), der fast von Anfang an dabei ist, Andrew Giddings (Keyboards), Jonathan Noyce (Bass) und Doane Perry (Drums) in Aachen auf der Bühne stehen.

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