Aachen - „Hyper Real”: Die geballte Wucht der Bilder betört das Auge

„Hyper Real”: Die geballte Wucht der Bilder betört das Auge

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
hyperbild
In der großen Jubiläumsausstellung „Hyper Real” des Aachener Ludwig Forums begegnen dem Besucher ab morgen gute, alte Bekannte: auch die Football-Spieler von Duane Hanson. Foto: Ludwig Forum/Carl Brunn

Aachen. Die geballte Wucht der Bilder, plastische, lebensvolle Darstellungen des Hier und Jetzt, umwerfende Einblicke in eine bunte Welt - das war so recht nach dem Kunstgeschmack des Peter Ludwig, und sei es die in Holz geschnitzte nackte Cicciolina.

Auch sie ist im Aachener Ludwig Forum wieder aufgetaucht in der Jubiläumsausstellung zum 20-jährigen Bestehen des Hauses: „Hyper Real”. Eine faszinierende Schau fürs Auge erwartet den Besucher - dem Sammler wäre das Herz aufgegangen angesichts dieses aufregenden Kaleidoskops.

250 Werke von 100 Künstlern schlagen dabei den Bogen von der eigentlichen Geburtsstunde des Ludwig Forums - der Eröffnungsausstellung der Neuen Galerie 1970 - bis zur Jetztzeit, in der die Sammlung Ludwig auf weltweit elf Ludwig-Museen verteilt ist. Für „Hyper Real” arbeiten sie erstmals umfassend zusammen - ein Kollektiv mit Schlagkraft.

Kernbestand von Anfang an

Der Fotorealismus, zumal der amerikanischen Prägung, gehört bereits in den Anfängen neben der Pop-Art zum Kernbestand der Sammlung - noch bevor die Kasseler „documenta 5” 1972 damit auftrumpft. Die überbordende Bilderwelt der beginnenden 70er, die mediale Gewalt, mit der Vietnamkrieg und Bürgerrechtsbewegung in den amerikanischen Wohnzimmern einschlagen - sie spiegelt sich in der Kunst.

„Hyper Real” in Aachen führt den Fotorealismus im zeit- und kunstgeschichtlichen Zusammenhang vor Augen. Damit setzen die beiden Kuratorinnen Brigitte Franzen und Anna Sophia Schultz einen ganz anderen Akzent als ihre Kollegen im Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig in Wien, der ersten Station der Schau. Dort stand der Dialog mit der Gegenwartskunst im Vordergrund.

Eine Neuerung fällt beim Eintritt ins Ludwig Forum zuallererst ins Auge: Die Fabrik ist im Museum angekommen - zumindest innenarchitektonisch. Etliche neue Räume sind in der Ausstellungshalle entstanden - funktionelles Resultat eines plausiblen Ausstellungskonzepts, das den Kontext des damals vieldiskutierten „neuen Realismus” gleich mitreflektiert. Andy Warhol, der Pop-Artist, bespielt einen eigenen Saal mit seinen „Flowers” als einer der entscheidenden „Wegbereiter”, der die Alltagsbilderwelt in die Kunst importiert.

Monumentale Porträts von Chuck Close finden sich im Raum mit Vietnamfotos. Die Reminiszenz an die legendäre „documenta 5” mit der riesenhaften Bildikone „Medici” von Franz Gertsch, damals eine Leihgabe der Ludwigs nach Kassel, und im Kontrast dazu Farbfelder von Gerhard Richter, dem anderen „documenta”-Teilnehmer, erinnern an das Diskussionsspektrum und die Debatten um den in den 70ern noch umstrittenen, vermeintlich bloß abbildenden Stil.

Besonders eindrucksvoll: die perfekt gemalten Stillleben der Hyperrealisten. Wie sich der Himmel im verbeulten Autoblech bei Ralph Goings´ „Airstream” spiegelt - da würden selbst die niederländischen Altmeister des 17. Jahrhunderts vor Ehrfurcht erblassen. Als Vorlage diente den Fotorealisten fast immer ein Foto - selbst wiederum ein Ergebnis medial erfasster Wirklichkeit. Ein neues Künstlerverständnis deutet sich an - statt selbst Welten zu erschaffen, bedient sich der Maler im Bilderkosmos seiner unmittelbaren Umgebung.

Warum aber der ganze Aufwand, ein Foto in Heidenarbeit monumental auf die Leinwand zu bringen? Das wird in „Hyper Real” genauso infrage gestellt und diskutiert wie der Zusammenhang von Fotorealismus und Fotografie in erhellenden und inspirierenden Gegenüberstellungen. Das ungeschönte Bild vom Vietnamkrieg in den Collagen von Martha Rosler, die seelenlose Atmosphäre der Stadtränder in den Fotos von Dan Graham - all das beleuchtet hyperreal den gesellschaftlichen Hintergrund einer Kunstbewegung, die bis heute hin nichts an bildkräftiger Faszination verloren hat.

Stadt und Landschaft widmet sich eine Sektion mit fabelhaften Kompositionen von scheinbaren Nichtigkeiten - der Künstler nimmt sich im Objekt seiner Begierde vollkommen zurück und krönt sich doch fast unbemerkt durch seine perfekte malerische Behandlung des vermeintlich so banalen Themas.

Die Ausstellung besticht gleichermaßen durch visuelle Wirksamkeit wie konzeptionell-inhaltliche Durchdringung - ein publikumswirksames, optimales Angebot für jeden, der sich auch nur annähernd für Kunst interessiert. Dazu trägt auch das „Herz” bei in der umgebauten Mulde: ein Erlebnisraum zum Ausruhen, aber auch zum entspannten Reflektieren angesichts von ringsum eingespielten Filmen aus der Zeit („Easy Rider”), Filmplakaten, Büchern und Zeitschriften.

Und vielen Bekannten, guten, alten Freunden kann man wieder- begegnen - der Supermarket Lady, den Bowery Bums von Duane Hanson, die es immer noch nicht auf die Beine geschafft haben, und etlichen anderen Figuren, die gerade in Aachen unvergessen sind. Dritte und letzte Station von „Hyper Real” ist Budapest. Schwerpunkt dort: der Dialog mit dem Sozialistischen Realismus.

Bleibt unbedingt anzumerken, dass der Name Wolfgang Becker, Chef der Neuen Galerie wie erster Direktor des Ludwig Forums, mit der Einführung des Fotorealismus in Europa untrennbar verbunden ist.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert