Aachen - Heftiges Rütteln, ekstatische Übungen

Heftiges Rütteln, ekstatische Übungen

Von: Sabine Rother
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Tanzkunst, die das Publikum am Haken hat: die Henri Oguike Dance Company beim Schrittmacher-Festival. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Große Erwartungen schwingen mit in der imponierenden Architektur der Industriehalle Stahlbau Strang beim 18. Schrittmacher-Tanzfestival in Aachen. Mystisch leuchten der gewaltige Transporthaken an der Decke und die geöffnete Kanzel, die jeden Moment den Menschen zu erwartet scheint, der diesen Haken rangieren kann.

Schon weit über eine Stunde vor Einlass kommen die ersten Tanzbegeisterten und treffen sich an den mit Windlichten schummrig beleuchteten Tischen.

Wer den Raum durch die schmale Tür betritt, taucht ab. Orangefarbenes Licht und rot glühende Heizelemente ergänzen sich in der Wirkung. „Wir sind jetzt bereits glücklich”, sagt Festivalleiter Rick Takvorian. „Die Eröffnung bei unseren niederländischen Partnern im Theater Heerlen hatte 1000 Besucher. Viele kamen auch aus Deutschland, es war sehr festlich.” Mit Het Nationale Ballet und Arbeiten des russisch-amerikanischen Choreographen George Blanchine konnten Takvorian und Bas Schoonderwoerd, Direktor des Parkstad Limburg Theaters, gleich doppelt punkten.

Ästhetisch gekonnt

In Aachen prägt die von Henri Oguike 1999 gegründete Londoner Dance Company den Schrittmacher-Auftakt. Der nigerianisch-walisische Künstler (Gründungsmitglied der Richard Alston Dance Company/Schrittmacher 2012), der die aktive Tanzkarriere nach einem Achillessehnenriss beenden musste, hat seine am Swansea College erworbenen Befähigungen in den Bereichen Musik, Drama und Tanz seiner neuen Berufung zugrunde gelegt. In Aachen zeigt er drei eigene Choreographien. Die große Leinwand ist im Einsatz, wenn bei „White Space” die mathematisch klar strukturierte Musik von Alessandro Scarlatti zu schwarz-bunten Mondrian-Flächen und -Linien erklingt. Reizvoll und ästhetisch gekonnt – Tänzerinnen bieten in ersten Bildern abstrakte Posen. Aus dem Dunkel befreit sie nach und nach ein heller Streifen. Jetzt werden sie für einen Moment zu eleganten Silhouetten, die an die Vorspann-Bilder der frühen James Bond-Filme erinnern. Vergängliche Schönheit, eine magische Installation.

Der Rhythmus von Scarlattis Komposition, hart und heftig eingespielt, begleitet und bestimmt die folgenden Aktionen von Sunbee Han, Rhiannon Elena Morgan, Noora Keela, Edward Lloyd, Wayne Parsons und Teerachai Thobumrung. Doch meist bewegen sie sich in ihren höfisch anmutenden Kostümen in Alleingängen über die Bühne, lassen bei aller Professionalität jedoch häufig Leichtigkeit und Raffinesse vermissen. Dass auch Modern Dance aus der klassischen Tanzausbildung mit Hebungen, Sprüngen und hin und wieder etwas „Spitze” erwächst, möchte hier offensichtlich niemand zeigen. Zu dieser filigranen und reichen Musik des Barock würde es passen. Vogelgang und platschend aufgesetzte nackte Füße sowie das gelegentliche Zusammentreffen der Gruppe lassen eher an eine ambitionierte Sportstunde denken.

Wie gut sie doch tanzen können, wird in „New Duet 2012” sichtbar. Vivaldis „Stabat Mater” entwickelt sich im skulptural aufgebauten Pas de deux (Keela/Thobumrung) zu einer edlen, starken Verschmelzung von Gesang und der Körpersprache eines Paares auf der vergeblichen Suche nach dem Spiegel von Gefühlen und Sehnsüchten im Gegenüber.

Für den zweiten Teil des Abends hat die Company mit Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ eine Uraufführung mitgebracht. Auch hier ist Oguike die starke Bodenhaftung seiner Tänzerinnen und Tänzer wichtig, ob ekstatische Bauchübungen (Frühlingsgefühle?) oder heftiges Händeschütteln und Rütteln im „Winter“. Auch hier wird wieder gestampft, läuft man mal zusammen, trifft sich aber nicht wirklich. In 45 Minuten dringt die Musik Vivaldis wie ein Rauschmittel in die Körper ein und bestimmt die Aktionen. Eine durchaus mutige Produktion.

Als Oguike den herzlichen Schlussapplaus des Aachener Publikums mit seiner Truppe entgegennimmt, tritt er in die Mitte der Tänzerinnen und Tänzer. Plötzlich sind sie wirklich „zusammen“.

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