Aachen - Große Musik, bei der ein Dirigent Lust zu Luftsprüngen entwickelt

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Große Musik, bei der ein Dirigent Lust zu Luftsprüngen entwickelt

Von: Thomas Beaujean
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Über das Publikum des zweiten Meisterkonzertes brach einiges an Phonzahlen herein.

Das Orquestra Sinfônica de Sao Paulo hatte ein Programm mitgebracht, das seinem Chefdirigenten Jan Pascal Tortelier ausgiebig Gelegenheit zu tänzelnden Bewegungen und Luftsprüngen gab. Wobei die Höhe der Sprünge des Maestro sich an der Lautstärke der Musik orientierten. Und die war teilweise beträchtlich.

Nun kann sicherlich nicht behauptet werden, dass die Hörer den ganzen Abend einer akustischen Dröhnung ausgesetzt gewesen wären. Das Orchester aus Brasilien erwies sich als ein homogener Klangkörper, der vor allem in den groß besetzten Streichern äußerst differenzierte Klänge hervorzaubern konnte. Dem entsprach die Qualität der Bläser im Hinblick auf klangliche Delikatesse und Beweglichkeit nicht ganz.

Dennoch: Drei Orchesterwerke von Maurice Ravel und eines des brasilianischen Nationalkomponisten Heitor Villa-Lobos gaben Orchester wie Dirigenten genügend Gelegenheit zu virtuosem Auftrumpfen, aber auch zu sorgfältig ausgehörtem Klangspektrum. Ravels Alborado del gracioso, die Rhapsodie espagnole und schließlich La Valse sind wunderbar instrumentierte Meisterwerke, deren Klangraffinement, in den beiden ersten Stücken mit spanischem Kolorit durchtränkt, das Herz jedes Kenners höher schlagen lassen.

Inspiriert durch Folklore

Der Chôros Nr. 6 für großes Orchester von Villa-Lobos hat seine stärksten Momente in den leisen, von feinem brasilianischem Schlagwerk grundierten Passagen, während die großen Kantilenen, die der brasilianischen Folklore nachempfunden sind, etwas plakativ wirken. Alle diese Stücke haben wunderbar zarte und lyrische Momente, aber eben auch eruptiv-rauschhafte. Und hier gab Tortelier dem Affen Zucker. Mit seinen Luftsprüngen animierte er das Orchester und elektrisierte das Publikum, und als die Tanzenden in Ravels La Valse ihrem katastrophalen Ende entgegen taumeln, ist die Grenze des akustisch Erträglichen erreicht.

Nicht anders am Schluss des Chôros von Villa-Lobos. Neben diesen auf große Klangentwicklung bedachten Werken hätten Peter Tschaikowskys zauberhafte, die Musik des 18. Jahrhunderts evozierende Rokoko-Variationen etwas verloren gewirkt, wenn nicht der vorzügliche brasilianische Cellist Antonio Meneses ihre Wiedergabe zu einem Ereignis gemacht hätte. Er spielte den filigranen Solopart mit großem, noblen Ton, überlegener Technik und bestechender Sauberkeit der Intonation und beschwor im Zusammenspiel mit dem äußerst delikat begleitenden Orchester eine Stimmung von leiser Wehmut nach verlorener Vergangenheit herauf. Ein wohltuender Kontrapunkt zu den ausladenden Klängen des restlichen Abends.
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