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Grenzlandtheater: Spannende Parabel über Kirche, Moral und Missbrauch

Von: Eckhard Hoog
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Streit und Verdacht eskalieren: Schwester Aloysius (Uta-Maria Schütze) und Pater Flynn (Thomas Pohn) im Clinc in „Zweifel” von John Patrick Shanley. Die Inszenierung von Anja Junski im Aachener Grenzlandtheater mit begeistertem Applaus. Foto: Kerstin Brandt-Heinrichs

Aachen. Die Bilder von der Hexenjagd auf Michael Jackson, als er wie ein Schwerverbrecher mit Handschellen abgeführt wurde, obgleich es nicht den geringsten Beweis gab für einen Kindesmissbrauch, wie sich herausstellte, sind noch in bester Erinnerung.

Auf der anderen Seite häufen sich um das Jahr 2003 herum in den USA die Berichte von Missbrauchsskandalen, ausgelöst von katholischen Priestern. In diesem aufgeheizten Klima von Verdächtigung, Schuld und Verbrechen nimmt sich der Dramatiker John Patrick Shanley des Themas an und landet mit „Doubt” (Zweifel) einen phänomenalen Erfolg, der ihm 2005 den Pulitzer-Preis einbringt. Sein gleichnamiger Film mit Meryl Streep erntet 2009 reihenweise Golden-Globe- und Oscar-Nominierungen.

Ein wahrer Krimi

Im Aachener Grenzlandtheater hatte am Montagabend mit „Zweifel” eine Kammerspielversion Premiere, die nach knapp 100 Minuten vom Publikum mit begeistertem Applaus aufgenommen wurde. Die Auseinandersetzung zwischen einer knochenhart-altmodischen Nonne als Schulleiterin und einem idealistischen Pater, der in Missbrauchsverdacht gerät, entwickelt sich zu einem wahren Krimi.

Dabei mutet die junge Regisseurin Anja Junski dem Zuschauer einen Einstieg zu, bei dem man das harte Holz der Kirchenbank förmlich im Rücken spürt: Knapp zehn Minuten predigt Pater Flynn (Thomas Pohn) von der hohen Kanzel herab über das geistig-geistliche Phänomen des Zweifels, ehe Schwester Aloysius (Uta-Maria Schütze), Schulleiterin an der katholischen Privatschule St. Nicholas, die Bühne betritt. Im Verhör mit Schwester James (Shadi Hedayati), der jungen Geschichtslehrerin, erweist sie sich schnell als eiserner Geist des Mittelalters, dem Musik, Kunst und selbst das Lachen verdächtige Erscheinungen eines zügellosen Lebens sind.

Das muffige Büro der Aloysius mit gotischen Fenstern und der karge Steingarten der Schule (Bühnenbild: Nicole Royé und Willy Zitzen) markieren die unerbittliche und geradezu unchristliche Strenge, mit der die Oberschwester hier Regie führt. Geschickt funktioniert sie die vertrauensselige James als Denunziantin um. Ins Visier ihrer Inquisition gerät der aufgeschlossene, bei den Schülern beliebte Pater Flynn. Fadenscheiniger Anhaltspunkt: die Beobachtung, dass Donald, der einzige farbige Junge an der Schule, beim Verlassen von Flynns Pfarrbüro einen verstörten Eindruck gemacht haben und nach Alkohol gerochen haben soll...

Die gelungene, unter die Haut gehende Inszenierung setzt ganz auf intensive, sich steigernde Dialoge wie im Duell, die ihren Höhepunkt finden in der direkten, hochemotionalen Konfrontation Aloysius-Flynn: In Gestalt dieser beiden Protagonisten prallen weit über den Einzelfall hinausgehend zwei gegensätzliche Menschenbilder aufeinander - Angst und Strafe gegen Zuwendung und menschliche Wärme. Die berührende Begegnung zwischen Flynn und Schwester James im Garten setzt dazu den Kontrapunkt und geht zu Herzen.

Mangelnde Beweise ersetzt die Nonne durch moralische Gewissheit selbsterklärte Unfehlbarkeit - und Lügen. Flynn lässt sich tatsächlich und buchstäblich, auf dem Boden vor ihr flehend, davon brechen, statt zu kämpfen, und verlässt die Schule. Hatte er deshalb schon zweimal die Pfarre wechseln müssen, weil es bereits ähnliche Vorfälle gab? Der „Bauch” des Zuschauers ist unentschieden, das zu beurteilen. Ende offen. Und so funktioniert dieser Theaterabend perfekt, indem er das Publikum am eigenen Leib fühlen lässt, was Verdächtigungen, moralische Vorurteile und in die Welt gesetzte Gerüchte bewirken und welche „Zweifel” sie gegenüber Menschen auslösen können.

Abgründe tun sich auf

Schneidig-stramm verkörpert Uta-Maria Schütze Strenge, inquisitorische Härte, gnadenlose Disziplin und selbstgewisse Unfehlbarkeit - und bricht doch die Figur mit leicht gesenkten, versteckten Seitenblicken, die ahnen lassen, dass diese Frau womöglich nach dem Tod des Mennes versteinert ist. Die aber auch sehr genau beobachtet, wie ihre Strategien wirken. Da wird Moral zur bewusst eingesetzten Waffe - um die eigene Verlogenheit zu verstecken. Am Ende findet sie sich selbst vom Zweifel ergriffen, der Kreis zur Anfangspredigt schließt sich. Angesichts der Abgründe in der Darstellung mag man den vereinzelten Bravos gerne zustimmen.

Bereits als Typ überzeugt Pater Flynn alias Thomas Pohn - auf der einen Seite der idealistische Pfarrer mit Ausstrahlung und großem Herzen, auf der anderen Seite ausgestattet mit einer betulichen Art der Artikulation und Bewegung, die eine charakteristische Folge der Weltfremdheit von Priesterseminar und Zölibat sein mag.

Gleichfalls sehenswert Shadi Hedayati in der Rolle der Schwester James, die sich peu à peu emanzipiert von den moralischen Drangsalen der übermächtigen Aloysius und schließlich doch ihrem eigenen Herzen folgt.

Azizé Flittner, im abgetragenen Nerzkragenmantel (Kostüme: Heike M. Schmidt und Zarah Boras), gibt als Donalds Mutter geradezu eine Sozialstudie aus der Lower Class ab - äußerlich grobmotorisch und unbeholfen, kämpft sie sich gegen „die da oben” an der Seite eines gewalttätigen Mannes täglich durch. Ein inspirierender Abend.

„Zweifel”, Parabel von John Patrick Shanley, im Grenzlandtheater. Aufführungen täglich (außer Fettdonnerstag und Rosenmontag) in der Elisen-Galerie in Aachen bis 28. Februar, danach bis 11. März in der Region. Karten und Infos unter 0241/4746111.
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