Aachen - Grenzlandtheater-Premiere: Theaterabend zieht sich zäh wie Kaugummi

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Grenzlandtheater-Premiere: Theaterabend zieht sich zäh wie Kaugummi

Von: Hermann-Josef Delonge
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Alkohol schadet der Gesundheit – vor allem, wenn Gift beigemischt ist Marita Breuer (links), Gundi-Anna Schick und Jonas Müller-Liljeström in „Arsen und Spitzenhäubchen“ am Aachener Grenzlandtheater. Foto: Kerstin Brandt-Heinrichs

Aachen. Der Schauspieler Boris Becker steht derzeit – nicht zum ersten Mal – im Aachener Grenzlandtheater auf der Bühne, in „Arsen und Spitzenhäubchen“ von Joseph Kesselring. Er spielt Jonathan, den aus dem Irrenhaus entwischten Massenmörder, der nach diversen Gesichtsoperationen und unter Einsatz einer rot-blonden Perücke aussieht wie: Boris Becker, der Ex-Tennisspieler.

Weshalb er von seiner Komplizin Dr. Einstein (Heike Wiltrud Schmitz) ständig „Bum-Bum“ oder „Bobbele“ genannt wird. Das alles erzürnt ihn gar sehr: Boris Becker hasst Boris Becker.

Das ist in etwa das Niveau der Ideen, mit denen Ulrich Wiggers seine Inszenierung des Komödien-Klassikers ausgestattet hat. Der ganze, gut zweistündige Theaterabend zieht sich zäh wie Kaugummi; es fehlt an Witz, Schwung und Timing – für ein Stück dieses Genres ein unverzeihlicher Kardinalfehler. Dass man all das vermisst, liegt übrigens nicht daran, dass man ständig die Kino-Version von Frank Capra aus dem Jahr 1944 vor Augen hätte. Dieser Vergleich wäre absolut unangebracht.

Eine Auswahl anderer Ideen: Der durchgeknallte Totengräber Teddy (Tim Riedel) läuft mit einem Teddy-Bären unter dem Arm herum, die mörderischen Brewster-Schwestern (Marita Breuer und Gundi-Anna Schick) sehen aus wie eine Westernsaloon-Lady (mit schwarzer Spinne im Haar) bzw. Varieté-Direktorin (mit Ringelstrümpfen, Kostüme: Noelie Verdier). Ist alles nur Theater? Die Handlung ist bekannt, deshalb nur kurz: Zwei ältliche Schwestern bringen „aus Mitleid“ alleinstehende Herren um die Ecke und mit Hilfe von Neffe 1, Teddy, unter die Erde; die Situation eskaliert, als ihnen Neffe 2, Mortimer, auf die Schliche kommt und plötzlich Neffe 3, Ober-Schurke Jonathan, samt Leiche auch noch auftaucht. Wiggers packt das alles in einen Rahmen: Anfang und Ende suggerieren, alle säßen bereits in dem Sanatorium, in das Teddy und die Schwestern am Ende eingeliefert werden – und führten ein Spiel auf.

„Neue Sicht“? Wo bitteschön?

Dafür sprechen nicht nur die ständigen Theater-Wortspiele, sondern auch die Krankensaal-Fenster, die über dem plüschigen Kellergewölbe zu sehen sind (Bühnenbild: Matthias Winkler). Aber: Sind alle verrückt? Oder nur Teddy, Jonathan, die Schwestern? Spielen die anderen nur das Spielchen mit? So oder so: Dramaturgisch logisch ist das nicht, es ächzt in allen Ecken.

Wo die „neue Sicht“ auf das Stück, die Wiggers versprochen hat, sein soll, bleibt ein Geheimnis. Die Schauspieler spielen ihren Part mal brav, mal reichlich hölzern herunter, selbst bei Marita Breuer und Gundi-Anna Schick blitzen Esprit und Charme viel zu selten auf. Da ist zwar viel Betrieb auf der Bühne, doch das darf man nicht mit Tempo verwechseln. Becker, Schmitz und Riedel verschenken das Potenzial ihrer Rollen; Jonas Müller-Liljeström nimmt man Mortimers fortschreitenden Schockzustand angesichts des Hobbys seiner Tanten nicht ab. Das komödiantische Talent von allen leidet eklatant unter der Ideenlosigkeit der Regie. Das gilt selbst für Mortimers Wortgefechte mit Sarah Härtling als Elaine, der Verlobten im mausgrauen Pastorentochter-Outfit. Denn ab und an entdeckt man tatsächlich Schärfe und Geist in den Dialogen, doch auch das verpufft ohne Nachklang. Armin Jung und Bastian Sesjak in gleich mehreren Rollen reihen sich ein, ebenfalls ohne größere Akzente setzen zu können.

Am Ende gibt es trotz allem die im Grenzlandtheater schon obligatorischen Standing Ovations, wenn auch nicht von allen Besuchern. Übrigens: Irgendwann im Stück sagt Mortimer, der dem an sich schönen Beruf des Theaterkritikers nachgeht, den Satz: „Ich war im Theater. Aber ich hätte es besser lassen sollen.“ So hat halt jeder sein Päckchen zu tragen.

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