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Grenzlandtheater: Familiendrama im Sand

Von: Grit Schorn
Letzte Aktualisierung:
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Imponierend: Angela Schlabinger (l.) und Marie-Louise Gutteck als Schwestern Rike und Jana. Foto: Kerstin Brandt-Heinrichs

Aachen. Zum Abschluss der Spielzeit im Grenzlandtheater kein Boulevard, sondern eine „Nachtgeschichte“: Lutz Hübners Schauspiel befasst sich mit traumatischen Erlebnissen von Menschen, die den Zweiten Weltkrieg als Kinder miterleben mussten. Der viel gespielte Autor taucht immer wieder in deutsche Wirklichkeiten ein und kann mit Humor („Gretchen 89 ff.“) wie Tragik („Ehrensache“) punkten. Fast wie „Bausteine“ sammelt er Material für seine in aller Welt aufgeführten Stücke.

Ein buntes Bühnenbild mit Strandszenen und Sand erwartet die Zuschauer, die rasch auf die Verhältnisse der Familie Kotte eingestimmt werden. Nahe am Ostseestrand erwarten die Schwestern Jana und die etwas ältere Rike auf Marika, ihre Mutter. Wie jedes Jahr kommt die Familie samt den beiden Enkelinnen zu einem gemütlichen Treffen zusammen, das meist sehr ungemütlich endet. Warum sollte es diesmal anders sein?

Mit Klängen aus den 1940er Jahren und einer weihnachtlich geschmückten Strandpflanze vollzieht sich das Treffen diesmal mit einem Gast mehr: Jana, die Künstlerin, hat ihren neuen Freund Sam mitgebracht. Die ältere Rike, Buchhändlerin, wuselt bei Vorbereitungen herum, ihre Tochter Lea hat Abitur gemacht und will nach Australien „verschwinden“. Endlich trifft Marika (Jutta Schmidt) ein, flott gekleidet, aber eher kühl und unnahbar. Mit scharfem Blick und ebensolcher Zunge wird Sam begutachtet: „Ist das was Ernstes?“

Wie kommt es zu Animositäten, Vorwürfen, Verletzungen und Streit, der später völlig eskaliert? Der Sand auf der Bühne wird im Familiendrama zum Treibsand, viel Unausgesprochenes liegt in der Luft, jedes falsche Wort kann zur Explosion führen. Als Einziger kann Sam, der sympathische Sanitäter, zuweilen die Wogen glätten. Eigentlich eine Nebenrolle, doch wunderbar lebensecht verkörpert von Charles Ripley.

Angela Schlabinger als verantwortungsbewusste Rike und Marie-Louise Gutteck als kreative und verletzliche Jana imponieren einzeln wie als Geschwisterpaar, ebenso wie Mia Bara als Rikes Tochter Lea. Erst später trifft die eigenwillige, dem Leben zugewandte Tanja ein, glänzend gespielt von Katharina Behrens. Die muntere Tanja ist hier wohl die „Normalste“ und die Einzige, die sich mit Oma Marika gut versteht. In einer berührenden Szene kommt manches ans Licht. Marika hat als Kind Schreckliches im Krieg erlebt – die furchtbare Bombennacht 1945 im brennenden Dresden, den Selbstmord einer Verwandten – all dies hat sie nie verarbeiten können.

Gesprochen wurde darüber nie – begraben im Schweigen der Nachkriegszeit wurden viele Erinnerungen, die Marika immer verdrängt hat. Etwas sehr plakativ hat „Dramabauer“ Hübner diese Erinnerungen angelegt, die jetzt bei vielen einstigen „Kriegskindern“ wieder hochkommen, weil eben darüber von wohlmeinenden Verwandten ein Mantel des Schweigens gelegt wurde.

Die straffe wie einfühlsame Regie von Catharina Fillers offenbart aber nicht nur Tragisches, sondern auch Witziges und Kurioses. Schön vertrackt: das Bühnenbild von Manfred Schneiders (auch Kostüme). Viel Applaus.

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