Goldene Ritter landen in Aachen

Von: Eckhard Hoog
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Der polnische Künstler Pawel Althamer. Foto: Boehle

Aachen. Eine Schar goldener Ritter wird am 1. Juni 2014 in Aachen in einem goldenen Bus anreisen – und beim Aussteigen wahrscheinlich wie die gelandete Crew von Luc Skywalker bestaunt werden. Ihr Anführer ist allerdings kein Jedi-Ritter, sondern der polnische Künstler Pawel Althamer mit seinen Gefährten.

Zusammen mit Hunderten Aachener Kindern werden sie über gut vier Monate hinweg ein „Kinderkönigreich“ errichten, das an einem Sonntag im September seinen Höhepunkt finden soll: mit einer Parade und einem Straßenfest auf der Jülicher Straße, vom Blücherplatz bis zur Lombardenstraße. Der ganze Straßenabschnitt soll dafür gesperrt werden.

Das „Kinderkönigreich“ rundet im Karlsjahr die großen Ausstellungen zum 1200. Todestag von Karl dem Großen– seine Macht, seine Kunst, seine Schätze – mit einem Programm des Ludwig Forums ab, das sich an die jüngsten Nachkommen des alten Kaisers richtet. Dabei werden die Themen Macht und Herrschaft, Freiheit und Politik einmal aus ganz anderer Perspektive beleuchtet: aus der der Kinder. Der Kulturstiftung des Bundes ist das Projekt eine Förderung von 150.000 Euro wert.

Der Warschauer Bildhauer Pawel Althamer hat bereits 2010 in Aachen sein künstlerisches Herz für Kinder bewiesen, als er als Teil seiner Ausstellung zur Verleihung des Aachener Kunstpreises in der nahen Kirche St. Elisabeth eine bis heute hin gut genutzte Kanzelrutsche installierte.

Am Stadtrand von Warschau, inmitten einer ziemlich wild gemischten Wohn- und Industrielandschaft, traf Forums-Direktorin Brigitte Franzen jetzt mit ihrer Ko-Kuratorin Esther Boehle Althamer und seine künstlerischen Mitstreiter: eine Gruppe von 15 jungen Absolventen der Warschauer Kunstakademie. Seit drei Jahren arbeitet die Truppe, alles „Ehemalige“ der Bildhauerklasse, in einem großen Gemeinschaftsatelier in einer ehemaligen Papierfabrik zusammen. Sie nennen sich „Reactor – Sculpture Lab“ und betreiben skulpturales Arbeiten ganz im Sinne Althamers. Dessen Credo hat er letztes Jahr in einem Interview so formuliert: „Die Kunst ist für mich ein wunderbares Werkzeug, um zu kommunizieren. Ich finde, dass das Instrument des sprachlichen Ausdrucks manchmal etwas überstrapaziert ist. Und so habe ich in der Kunstaktivität eine Parallele gefunden, an die ich mehr glaube: Sie verhilft zu einer viel freundlicheren und weiterreichenden Kommunikation, weil sie die Menschen kreativ werden lässt.“ Bildhauerei, soziale Skulptur, Performance – in Althamers Kunstverständnis gibt es keine Grenzen.

Vor allem das „Miteinander“ empfindet er als wichtig – und dabei bezieht er ein Publikum ein, das mit Kunst sonst eigentlich wenig am Hut hat. Das können seine Nachbarn und Freunde ebenso sein wie Obdachlose, Straftäter oder eben Kinder.

„Erwartungsvolle Gesichter begegneten uns“, berichtet Brigitte Franzen vom ersten Zusammentreffen mit den jungen Bildhauern am Rande Warschaus. Die zeigten sich sogleich begeistert, und so wurde gemeinsam besprochen, welche Rolle sie beim Bau eines Kinderkönigreichs in Aachen einnehmen können.

Das literarische Vorbild eines Landsmannes brachte Althamer auf die Idee zu seinem Projekt: das Buch „König Hänschen I.“ des Schriftstellers und Arztes Janusz Korczak (1878-1942). In der Geschichte wird ein kleiner Junge neuer König seines Landes – und muss am eigenen Leib erfahren, welche Chancen, aber auch welche Gefahren Macht mit sich bringt, wenn nicht Verantwortungsbewusstsein, sondern Egoismus die Entscheidungen leitet. „Wie ist es, wenn ich König bin?“ „Was mache ich, wenn ich alles tun kann?“ „Wie nutze ich meine Macht? „Wie zeige ich mich als Mächtiger?“ „Wie stelle ich mich dar?“ „Was für eine Stadt würde ich als König bauen lassen?“ Diese und ähnliche Fragen können die beteiligten Kinder bei ihrer eigenen künstlerischen Arbeit zum Aufbau eines Kinderkönigreichs leiten. 45 pädagogische Einrichtungen haben sich bereits zum Mitmachen angesagt – das reicht von der Kita über die OGS bis zur Gesamtschule. Im September haben die Vorgespräche mit den Pädagogen stattgefunden.

Im Moment werden noch von allen Seiten Ideen zusammengetragen, alles ist im Fluss. Die Kinder sollen in einzelnen Workshops kreativ arbeiten, geleitet von Künstlern des „Reactor – Sculpture Lab“ gemeinsam mit den Kunstvermittlern des Ludwig Forums. Erzählen, szenisch spielen, Kostüme entwerfen, das Modell einer idealen Stadt erstellen, Bilder bearbeiten, Monumente erschaffen, Fassaden gestalten – all das rund um das Thema „König sein“ ist denkbar.

Auf kreativ-spielerische Weise sollen sich Vorstellungen und Wünsche der Kinder mit Reflexionen über Themen wie Macht, und Herrschaft, Freiheit und Widerstand verbinden. Die Bilder davon entwickeln die Kinder im Alter von fünf bis 18 Jahren in knapp vier Monaten vom 1. Juni bis zum 21. September gemeinsam mit den Künstlern der Warschauer Bildhauergruppe und den Kunstvermittlungs-Assistenten im Ludwig Forum. Bei diesem Vorhaben ist der Weg das eigentliche Ziel. Das Publikum wird während dieser Zeit gewissermaßen zu einem Teil des Kinderkönigreichs – man soll sich aktiv am Bau beteiligen.

Im kommenden Mai wird Althamer ein erstes Mal anreisen, um das Projekt konkret auf die Schiene zu stellen und um vor allem auch die Workshop-Leiter auf ihre Arbeit vorzubereiten. Drei bis vier längere Aufenthalte des Künstlers in Aachen sind geplant. Für Brigitte Franzen indes ist klar: „Das Kinderkönigreich ist auch für Erwachsene höchst interessant – hier kann man wieder das Kindsein entdecken.“

Wenn noch mehr Lehrer, Schulen, Kindergärten mitmachen wollen – hier finden sich die Ansprechpartner: 0241/1807104 oder per Mail: info@ludwigforum.de

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