Gier nach den Verlockungen der Konsumwelt zerstört die Menschen

Von: Eckhard Hoog
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„Liebe und Geld” in der Kammer: mit Julia Brettschneider und Sebastian Stert.

Aachen. Der englische Autor Dennis Kelly, Jahrgang 1970, muss bereits Ende 2004 geahnt haben, dass eine globale Finanzkrise in der Luft liegt: Und wenn es auch nicht mehr vorhanden ist, regiert Geld die Welt stärker denn je. „Liebe und Geld”, 2006 uraufgeführt, handelt davon.

Das Theater Aachen brachte am Freitagabend die Premiere in der Kammer heraus. Regie führte Ludger Engels. In einem dramaturgischen Stückwerk von lose verbundenen Einzelszenen wird die (Vor-) Geschichte eines Mordes erzählt - allerdings rückwärts.

Vor einer noblen, schwarz getäfelten Wand mit multifunktionalem Innenleben (Bühnenbild Christin Vahl), beichtet der Emporkömmling David (Sebastian Stert) per E-Mail seiner französischen Geliebten, wie er die erste beste Gelegenheit nutzte, um eine gewisse familiäre Klammheit jäh zu überwinden: Die überschuldete Ehefrau Jess (Julia Brettschneider) hat er daheim schwer bekifft angetroffen und - statt den Notarzt zu rufen - sie flugs mit Vodka abgefüllt, was der gar nicht gut bekommen ist.

Dieser finale Fall von Komasaufen und die damit automatisch erfolgte Entschuldung eröffnet David die erfreuliche Aussicht auf einen seit langem begierig herbeigesehnten flotten Schlitten...

Wo einmal ein Herz treu gepocht haben mag, da friert jetzt allerseits ein eiskalter Stein aus purer Gier nach Waren - ganz im Sinne des kapitalistischen Weltsystems. Konsum statt Liebe, lautet die Devise. Zum Teil bitterböse rechnet Kelly in den folgenden Szenen damit ab, und Ludger Engels spitzt deren satirische Tendenzen trefflich zu.

Statt die tote Tochter zu beweinen, ergehen sich Mutter (Elke Borkenstein) und Vater (Torsten Borm) nur so in Entrüstungen über ein pompöses nachbarliches Grabmal auf dem Friedhof, das der Bepflanzung der töchterlichen Ruhestätte die Sonne raubt.

Alle unterliegen fataler Macht

Der fatalen Macht des Geldes unterliegen sie alle, diese erbärmlichen Figuren: Davids Ex-Freundin Val (Kartharina Merschel) zum Beispiel, die den arbeitslosen Lehrer die Aussicht auf eine Stelle in der Telekommunikationsbranche anbietet und die Situation ausnutzt, ihn bis aufs Blut zu demütigen.

Und selbst die scheinbar gegen all den Arbeits- und Konsumwahn protestierende Debbie (Elke Borkenstein) offenbart nur hilflosen Zynismus, wenn sie ihren Chef aus Rache für ihre Machtlosigkeit anonym mit Mäuse-Innereien beehrt...

Klamotten sind es, nichts als textile Banalitäten, die Jess permanent wechselt und Fetische einer Ersatzreligion geworden sind. Bewundernswert wie gelassen, entspannt und textsicher Julia Brettschneider in diesem langen Monolog bei all der An- und Auszieherei agiert. Das fragmentarische Stück geht nicht besonders in die Tiefe, will es wohl auch gar nicht.

Im Mittelteil geben die Figuren wechselweise allerlei Bekenntnisse und Grundsätze in einem philosophisch-politisch klingenden Jargon ab - Ludger Engels ringt förmlich um eine szenische Lösung und lässt die Protagonisten immer wieder aus den geöffneten Fächern der getäfelten Wand kippen.

Regie und Schauspieler werden mit viel Beifall bedacht: Sebastian Stert als großstädtisch gelackter Parvenü, Torsten Borm als selbstgefälliger Vater. Elke Borkenstein ist als Debbie das naive Mädchen mit der Seele einer Horrorfigur.

Hyun Wanner spielt den Glück verheißenden Verführer, Katharina Merschel die Karrierefrau mit Sinn für Sadismus, Julia Brettschneider den Prototypen des konsumergebenen Zeitgenossen, der trotz besseren Wissens nicht aus seiner Haut kann.

„Liebe und Geld” in der Kammer des Theaters Aachen. Weitere Vorstellungen: 14., 17., 21., 28. März; 3., 8., 11., 17., 26. April; 2., 19., 20., 28. Mai; 12., 26. Juni; 3. Juli, 20 Uhr.

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