Geschichten von unten im „Kulturhaufen“

Von: Jenny Schmetz
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Zu Gast im Ludwig Forum: Nikolaus Lang packt seinen „Kulturhaufen“ aus – vor Nancy Graves’ Installation „Schamane“. Foto: Andreas Herrmann
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Die Ausstellungsmacher: Brigitte Franzen (v. l.), Annette Lagler und Benjamin Dodenhoff vor einem „Fossilien“-Spielfeld von Nancy Graves.

Aachen. Der Mann von der Spurensicherung ist schon da. Immer wieder flammt das Blitzlicht einer Kamera auf. Doch der Mann trägt keine Handschuhe, zwischen den Fingern hält er keinen Pinsel, sondern ein Teppichmesser, er inspiziert keine Patronenhülsen, sondern zerschneidet Transportfolie, um ein Emu-Bein oder einen Speer zutage zu fördern. Eindeutig: Der Mann ist kein Polizeibeamter. Nein, Nikolaus Lang ist Künstler. Sein Tatort: das Aachener Ludwig Forum für Internationale Kunst.

Aber Spurensicherer ist er doch, das wird sich noch zeigen. Aus Murnau ist der 72-Jährige nach Aachen gereist, um dort eines seiner Werke neu zu installieren. Zu sehen ist es ab 13. Oktober, wenn das Haus der Künstlerin Nancy Graves (1939-1995) eine erste umfassende Retrospektive widmet. Doch was hat der Bayer mit der Amerikanerin zu tun?

Steine, Werkzeuge, Farbpulver

Nikolaus Lang ist einer von Nancy Graves Zeitgenossen – Beatles, Rolling Stones, Hippies, die 68er, er erinnert sich wortreich. Eingeladen wurde der Künstler als „Special Guest“. Arbeiten von insgesamt 17 dieser „speziellen Gäste“ sollen die große Schau bereichern: Werke von Wegbegleitern, Freunden und Kollegen, aber auch historischen Vorgängern der Künstlerin.

So wollen die Ausstellungsmacher zeigen, dass Nancy Graves nicht nur „die Frau mit den Kamelen“ ist, sondern als Bildhauerin, Malerin, Bühnenbildnerin und Filmemacherin ein äußerst vielschichtiges Werk geschaffen hat.

Das sich eben nicht „im luftleeren Raum entwickelte“, betont Direktorin und Kuratorin Brigitte Franzen. Daher gilt für sie und Kuratorin Annette Lagler: Netzwerke spannen, Kontexte und Querverweise aufzeigen, Diskurse anregen!

So heißt das in der Sprache der Kunstwissenschaftler. Der Künstler Lang rollt das R und stapelt lieber tief: „Ich kenne die Arbeit von Nancy Graves nicht so gut“, gesteht er. Persönlich begegnet sind sie einander nicht, in Aachen haben sie sich um ein paar Jahre verpasst: 1971 hat Nancy Graves in der Neuen Galerie mit überlebensgroßen, handgefertigten Kamel-Skulpturen ihr Europa-Debüt gegeben.

1974 hat Lang dort ausgestellt; im selben Jahr bekam die Kunstrichtung, die er mit Christian Boltanski oder Anne und Patrick Poirier prägte, ihr Etikett: „Spurensicherung“. Die Künstler begeben sich auf die Spur bestimmter Kulturen, wollen Geschichte „von unten“ erzählen, entwickeln museale Präsentationen scheinbar wissenschaftlicher, realer oder fiktiver Relikte der Vergangenheit, erklärt Franzen. „Eine Kunstrichtung, die der Wiederentdeckung harrt“, findet sie.

„Kulturhaufen“ nennt Lang ironisch seine Installation. Aus Transportkisten packt er Steine und Muscheln, Baumrinden und Farbpulver. „Das sind alles Dinge, die auf die Kultur der Aborigines hinweisen und auf die Landnahme der Weißen“, sagt Lang.

Er habe in Australien einen Kriminal-Fall des 19. Jahrhunderts erforscht: den Polizei-Mord an einem unschuldigen Ureinwohner, dort habe er in Archiven und Museen gestöbert, Fundstücke in der Wildnis gesammelt und nachgebildet, mit Steinwerkzeugen die Arbeitsprozesse der Ureinwohner nachgeahmt, um sich die fremde Kultur anzueignen – und die Arroganz der Weißen zu spiegeln.

„Das steht natürlich alles in Anführungsstrichen“, betont Lang. „Ich bin kein Steinzeitmensch!“ Bei Nancy Graves sei das Kamel „ja auch nur eine Metapher“. Mag heißen: kein naturgetreues Abbild, sondern ein wissenschaftlich aufgeladenes Konzept.

Mittlerweile ist der Konzept-Künstler Lang durch die noch nicht ganz fertige Aachener Ausstellung geschlendert. „Da sind schon einige Verwandtschaften zu erkennen“, sagt er mit Blick auf seine „sogenannte Kunst“ und die Werke der „Kollegin“. „Sie interessierte sich auch für die Kultur von Naturvölkern und deren mythologisches Weltverständnis.“

So sei seine Arbeit als Relief am Boden „eine ganz gute Antwort“ auf Graves’ hängende Installation „Schamane“, die mit den Ritualen indianischer Kultur spielt. Dabei tut Graves nur so, als ob sie Häute von Tieren verwendet, stattdessen tränkte sie Stoffe mit Gips.

Beide Künstler blicken in ferne Zeiten, beschäftigen sich mit Evolution, Archäologie. „Schon als Bub interessierten mich Pflanzen, Tiere, Versteinerungen“, erzählt Lang. „Archäologe werden – das war mein Kindheitstraum.“ Dann erwarteten ihn die Schnitzschule in Oberammergau und die Münchner Akademie.

Schon als Mädchen war Nancy Graves mit Dioramen und ausgestopften Tieren vertraut, ihr Vater arbeitete im Berkshire Museum in Pittsfield, einem Museum für Kunst und Naturkunde.

Wo komme ich her?

Einen archäologischen Blick wirft sie später etwa auf urzeitliche Kamelknochen. Per Hand formt sie aus Gips und Farbe Becken, Unterkiefer, Zähne und verfremdet sie durch einen Bronzeguss: 104 „Knochen“, angeordnet in 21 Stillleben wie auf einem Spielfeld.

Diese Durchdringung von Naturwissenschaft und Kunst, die Suche nach Spuren gelebten Lebens, auch so eine Verwandtschaft, Herr Lang? „Ja, letztlich auch die Frage: Wo komme ich her?“

Akribisch wie die Recherche-Künstler haben auch die Kuratoren gesucht: nach Quellen, Materialien. Und sie zeigen sie auch. Was hat Nancy Graves zum Beispiel gelesen? Unter den 2400 Bänden ihrer Hand-Bibliothek finden sich neben Büchern über Höhlenmalerei auch Ausstellungskataloge von Joseph Beuys. „Das gesamte Gedankengerüst setzt sich so zusammen“, finden die Kuratorinnen.

Nikolaus Lang setzt derweil seinen „Kulturhaufen“ zusammen, zuletzt hat er ihn 1994 im Duisburger Lehmbruck-Museum installiert. Wolle, Federn, Leder haben mittlerweile gelitten. Lang sucht Spuren – von Motten. Irgendwie eben ein „work in progress“.

Noch viel Arbeit für den Künstler? Er sieht's locker: „Des pack i aus und hab i gleich.“ Der Besucher darf sich am Puzzlespiel der Ausstellung wohl noch länger abarbeiten.

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