Georg Schramm: „Dombrowski soll nicht als Krawallschachtel enden“

Von: Joachim Zinsen
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Der Mann mit der Prothese: Hat Lothar Dombrowski seine Hand verloren, weil er bei einem Mädchen Eindruck schinden wollte? Foto: dpa

Berlin. Er gilt als Bissigster unter Deutschlands politischen Kabarettisten. Georg Schramm ist geistiger Vater von inzwischen legendären Figuren wie Lothar Dombrowski, Oberstleutnant Sanftleben oder dem Rentner August. Nach 25 Jahren als professioneller Kabarettist will sich Schramm Ende des Jahres zurückziehen und nicht mehr auf Tournee gehen.

Herr Schramm, Ihre Figur Lothar Dombrowski hat einmal erklärt, Zorn sei sein Lieblingsgefühl.

Schramm: Nein, Zorn ist nicht sein Lieblingsgefühl, sondern sein Hauptgefühl, sein erzwungenes Hauptgefühl. 

Worin liegt die politische Kraft des Zornes?

Schramm: In seiner Emotionalität. Lassen Sie es mich so sagen: Zorn ist die vernunftgeleitete emotionale Empörung über die Ungerechtigkeit in der Welt.

Was unterscheidet Zorn von Wut?

Schramm:  Ein Kollege hat mir mal gesagt: Gott ist zornig, die Wut ist des Teufels. Ein toller Satz. Das Wort Wut besitzt immer eine negative Komponente. Deshalb ärgert es mich auch, wenn protestierende Menschen als Wutbürger bezeichnet werden. Dahinter steckt die Absicht, sie und ihren Protest zu diffamieren.

Dem Zorn folgt oft die Ohnmacht. Der wiederum die Verzweiflung. Wie lange kann ein Mensch zornig sein, ohne zu verzweifeln?

Schramm:  Wenn jemand seinen Zorn gegen die große Ungerechtigkeit im Rad der Geschichte wendet, wird er sicherlich nach ein paar Jahren völlig verzweifelt sein.

Ist Dombrowski mittlerweile verzweifelt?

Schramm: Er ist am Ende seiner Verzweiflung. Die Figur steht längst mit dem Rücken an der Wand. Ich müsste Dombrowski eigentlich auf der Bühne sterben lassen und etwas völlig Neues ohne ihn beginnen. Aber das will ich nicht. Deshalb werde ich auch kein weiteres Soloprogramm schreiben.

Warum ist Dombrowski so verzweifelt? Hat er Angst davor, von vielen nur noch als Krawallbruder wahrgenommen zu werden, dem man nicht mehr zuhört?

Schramm:  Diese Angst hat Dombrowski,  diese Angst habe auch ich. Wir beide möchten einfach nicht als Gegenstück zu einer konservativen Krawallschachtel wie Arnulf Baring enden und als solche gebucht werden. Soweit ich ihn kenne, ist Dombrowski ein sehr einsamer Mensch, der offenkundig keine Familie hat. Er ist ein Mann, der immer älter wird und merkt, dass sein Leben zerrinnt. Wenn er darauf zurück schaut, sieht er fast nichts. Ich glaube, dass er auch diesen privaten Anteil an seiner Verzweiflung politisch artikuliert. Daraus bezieht die Figur einen Teil ihrer Kraft.

Als Dombrowski spielen Sie gegen politische Missstände an und bewirken letztlich doch relativ wenig: Sind Kabarettisten also nur politische Hofnarren?

Schramm: Das Wörtchen „nur“ stört mich.  Der Narr war in einer bestimmten Phase des Mittelalters eine der wertvollsten Personen am Hof. Fürsten und Könige haben sich die Narren gegenseitig zu Höchstpreisen abgejagt. Ihre Auftritte waren gesellschaftliche Großereignisse. Die Veranstaltungen hatten zudem eine große politische Bedeutung. Hinter verschlossenen Türen konnten die Herrscher darüber diskutieren, in welchem Zustand das Land war und ob sie selbst es in der Vergangenheit zu doll getrieben hatten. 

Hat es die jetzige Bundesregierung auch zu doll getrieben? Dombrowski wirft ihr systematische Volksverdummung vor.

Schramm: Bei der aktuellen Finanz- und Eurokrise werden wir in der Tat mächtig hinters Licht geführt. Uns wird zum Beispiel erzählt, dass die Griechen ihre Schulden bis zum Jahr 2020 deutlich reduzieren können, wenn sie genau das tun, was wir ihnen jetzt vorschreiben. Das ist eine Lüge. Denn Grundannahme dieser Berechnung ist, dass die Griechen im kommenden Jahr wieder ein Wirtschaftswachstum von fünf Prozent haben werden. Fünf Prozent? Soviel Wachstum hat es in den vergangenen 20 Jahren in keinem europäischen Staat gegeben und dies wird auch künftig nirgendwo erreicht werden. Das weiß die Bundesregierung. Aber sie erzählt etwas anderes.

Und die Medien spielen dabei mit?

Schramm: Bis auf wenige Ausnahmen spielen alle mit. Wir sind inzwischen dabei, die gesamte südeuropäische Lebensphilosophie zu ruinieren. Die konservative spanische Regierung hat gerade auf Druck des Internationalen Währungsfonds per Gesetz die Siesta abgeschafft. Die Siesta hat einen Sinn. Mittags ist es brütend heiß und deshalb arbeitet man dann nicht. Dafür arbeitet man abends länger. Und jetzt: Abgeschafft! Auch das ganze Gequatsche von Angela Merkel und Wolfgang Schäuble. Wenn ich nur schon höre: Die anderen Länder müssen ihre Hausaufgaben machen. Würden Sie unter Klassenkameraden sagen: Du musst Deine Hausaufgaben machen?  Nein, so etwas sagt nur der Lehrer. Dabei verstehen unsere beiden Oberlehrer nicht einmal, dass die deutsche Wirtschaft prächtig davon gelebt hat, dass diese Länder Schulden gemacht und damit Waren aus Deutschland gekauft haben. Gleichzeitig plappern sie davon, die Länder müssten wettbewerbsfähiger werden. Dahinter steckt nichts anderes als die Aufforderung, die Löhne zu senken, die Sozialleistungen zu drücken und den Schutz durch die Krankenversicherung abzubauen. Wenn man das alles sieht, ist Verzweiflung eine angemessene Haltung.  Dombrowski ist jedenfalls überzeugt:  Jeder, der nicht verzweifelt, begreift nicht, was gerade abläuft.

Sind Kabarettisten inzwischen die eigentlichen Machtwächter und Aufklärer?

Schramm: In erster Linie mache ich ein Unterhaltungsprogramm. Erfreulicherweise gibt es viele Leute, die sich auf meine Art unterhalten lassen wollen. Trotzdem ist das nur ein kleiner Teil des aufgeklärten Bürgertums.  Die Mitte der Gesellschaft erreicht das Kabarett kaum.  Mein verstorbener Kollege Matthias Beltz hat einmal gesagt: „Ich möchte den Menschen von der Aussichtslosigkeit über die Trostlosigkeit zur Hoffnungslosigkeit begleiten.“  Das ist für mich die ultimative Antwort auf Ihre Frage.

Vor drei Jahren klang das noch optimistischer.  Damals haben Sie die ZDF-Sendung „Neues aus der Anstalt“ verlassen.  In der Ankündigung ihres Solo-Programms hieß es, Dombrowski sei aus der Anstalt ausgebrochen, weil für tatenloses Grübeln der globale Niedergang schon zu weit fortgeschritten sei und er nun neue Mitstreiter suche.  Da war Aufbruchstimmung. Ist die verflogen?

Schramm: Bei mir nicht, aber bei Dombrowski war sie sofort nach dem Ausbruch verflogen. Nein, mir ging es damals vor allem darum deutlich zu machen, dass ich nicht im Streit aus der Sendung ausgestiegen war. Die Quote war toll, das ZDF konnte meinen Schritt nicht verstehen.  Aber ich hatte ein Jahr lang auf keiner Bühne mehr gestanden, da ich mich völlig auf die Sendung konzentriert hatte. Gleichzeitig war mir klar geworden: Wenn ich dauerhaft auf die Bühne verzichte, werde ich in einer relativ überschaubaren Zeit deutlich an Qualität verlieren.

In die Anstalt haben sich immer wieder auch Leute verirrt, die Sie noch nicht kannten und für die der Auftritt von Dombrowski eine Art politisches Erweckungserlebnis hätte sein können. Mit  ihrem Soloprogramm erreichen Sie nur noch ihre Fan-Gemeinde.

Schramm. Die Anstalt schauen sich durchschnittlich rund drei Millionen Menschen an. Um das mit meinem Solo-Programm zu schaffen,  müsste ich verdammt lange über den Acker laufen. Natürlich verliere ich auch bestimmte Zuschauergruppen. Das weiß ich aus alter Erfahrung. Meine Eltern waren ungelernte Arbeiter. Sie haben niemals die Schwelle einer Kleinkunstbühne überschritten.  Aber Kabarett im Fernsehen haben sie immer geschaut. Politisch sozialisiert worden bin ich deshalb von meiner Mutter und … von Dieter Hildebrandt. Aber ich hatte keine wirkliche Wahl. Fernsehen und Bühne gleichzeitig zu bedienen, das hätte meine Kräfte überstiegen.

Wie sind Sie eigentlich auf den Namen Lothar Dombrowski gekommen.   

Schramm:  Anfang der 70er Jahre gab es einen Sprecher der Tagesschau mit gleichem Namen. Der sah immer so amtlich aus. Seinen Namen fand ich einfach toll.

Und warum ist Dombrowskis Physiognomie so wie sie ist?  Von seinem äußeren Erscheinungsbild her geht er nicht eben als Sympathieträger durch.

Schramm: Er soll ja auch nicht nett und lustig sein auf der Bühne.

Dombrowski erinnert an einen verbitterten Kriegsveteranen, an Gestalten, wie sie einem bis in die 70er Jahre hinein häufig über den Weg gelaufen sind und die jeden mit  revanchistischen Sprüchen traktiert haben. Auch seine Art zu sprechen, das harte Stakkato,  erinnert an diese Figuren. Das alles passt wenig zu den Aussagen von Dombrowski. Warum haben Sie die Rolle so angelegt?

Schramm:  Weil mich genau dieser Widerspruch gereizt hat.  Ich wollte eine Figur entwickeln, deren Gesellschaftskritik auf den ersten Blick aus dem rechtskonservativen Lager kommt, ohne dass diese Figur revanchistische Vorschläge macht. Natürlich habe ich mir anfangs lange überlegt, wie ich das, was ich politisch transportieren will, mit dieser Person vereinbaren kann. Doch diese Gedanken musste ich mir im Laufe der Jahre immer seltener machen. Die Figur Dombrowski hat sich verselbstständigt.

Steht Dombrowski denn noch im rechten Lager?

Schramm:  Ach, es ist so viel in Bewegung geraten. Schauen sie sich Heiner Geißler an. Für seinen Satz „Der Pazifismus der 30er Jahre hat Auschwitz erst möglich gemacht“ habe ich ihn jahrelang gehasst. Geißler behauptet zwar stur, er habe sich seit damals nicht geändert.  Aber das nehme ich ihm nicht ab. Geißler ist heute ein erbitterter Gegner der gegenwärtigen Politik. Ich glaube, in der CDU gibt es viele, die richtig Geld auf den Tisch legen würden, wenn er endlich die Partei verlassen würde. Oder Frank Schirrmacher. Im Auge des bürgerlichen Feuilletons, in der Frankfurter Allgemeinen, geht er hin und erklärt: „Ich habe seit Jahrzehnten die falschen Feinde bekämpft.“ Wer konservativ als erhaltend versteht, muss doch in Opposition zur derzeitigen Regierungspolitik treten. Dabei habe ich zunehmend den Eindruck, dass die Kraft zur politischen Veränderung nicht mehr von der politischen Linken kommt, sondern aus der Mitte des Bürgertums. Das gefällt mir zwar nicht, weil ich nicht aus diesen Reihen stamme. Aber ich komme an der Erkenntnis schwer vorbei.  Dombrowski passt deshalb gut in die heutige Zeit. Er hat sich in den vergangenen Jahren allerdings politisch so sehr radikalisiert, dass der Bruch mit seinen alten Überzeugungen immer größer wird.

Warum Dombrowski eine Handprothese trägt, haben Sie nie verraten. 

Schramm: Ich traue jedem zu, selbst drauf zu kommen.

Die erste Assoziation ist: Eine Kriegsverletzung.

Schramm: Zunächst war die Prothese nur eine Methode, um eine Distanz zwischen dem Publikum und mir zu legen. Es sollte etwas Befremdliches an der Person sein. Das hat wunderbar funktioniert.

Aber Dombrowski braucht doch auch eine Geschichte.

Schramm: Na klar. Vielleicht hat sich ja Dombrowski als Jugendlicher mal an Mädchen herangetraut. Um sie zu beeindrucken, wollte er kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs eine alte Handgranate der Wehrmacht bei den Amerikanern gegen Nylonstrümpfe eintauschen. Dabei ist ihm das Ding explodiert. Diese Geschichte würde Dombrowski jedes Heldenhafte nehmen und gleichzeitig erklären, warum der Mann mit Frauen abgeschlossen hat, bevor er überhaupt an sie herangekommen ist. Aber vielleicht war alles auch ganz anders. Mir hat jemand nach einer Aufführung  mal gesagt:  „Dombrowski  trägt gar keine Prothese. Er täuscht sie nur vor, um niemandem die Hand geben zu müssen.“ Das fand ich so toll, dass ich dem Mann direkt zwei Bier ausgegeben habe.   

Künftig wollen sie nicht mehr auf Tournee gehen. Heißt das: Dombrowski  und ihre beiden anderen großen Figuren – der jovial-zynische Oberstleutnant Sanftleben und der sozialdemokratische Rentner August  - werden sterben?

Schramm: Nööö, sie werden nur einfach nicht mehr auftreten.

Überfällt Sie bei dem Gedanken nicht ein klein wenig Trauer?

Schramm: Im Gegenteil,  ich freue mich drauf. Wenn ich die Entscheidung nicht getroffen hätte, säße ich jetzt verzweifelt in einer Ecke und würde an einem neuen Programm schreiben. Und ich bin kein schneller Schreiber.  Für mich sterben die Figuren auch nicht. Ich werde halt künftig als Gelegenheitskabarettist arbeiten. Hier ein Auftritt bei einem Festival, dort ein Auftritt beim Jubiläum einer Kleinkunstbühne:  Ich kann Termine wahrnehmen, die ich in der Vergangenheit aus Zeitgründen leider oft absagen musste.  Und ehrlich gesagt: Ein Zehnminuten-Auftritt, anschließend den Kollegen zuhören und dann kräftig mit ihnen bechern  – das ist doch eine herrliche Vorstellung.

Kabarettfans sehen das sicher anders. Zumal nach der Bundestagswahl auch noch ihr alter Mitstreiter Urban Priol und ihr Nachfolger Frank-Markus Barwasser „Neues aus der Anstalt“ aufgeben werden.

Schramm: Dabei wollte Urban die Anstalt eigentlich erst verlassen, wenn Angela Merkel als Kanzlerin gestürzt ist.  Für diesen Fall hatten wir uns schon in groben Zügen die Dramaturgie der letzten Sendung ausgedacht. 

Die sähe wie aus?

Schramm: Urban bleibt die ganze Zeit im Fahrstuhl sitzen. Wir stellen ihm zwei Nutten zur Seite, drücken ihm eine dicke Zigarre und ein großes Schampusglas  in die Hand. Er besäuft sich und sagt während der gesamten Sendung immer nur den einen Satz: „Sie ist weg, sie ist endlich weg.“  Und dabei lacht er lauthals. Aber leider wird es wahrscheinlich so sein, dass Urban geht und Merkel  bleibt.

Dabei ist „Neues aus der Anstalt“ die mit Abstand erfolgreichste Kabarettsendung im deutschen Fernsehen.

Schramm: Auch Pep Guardiola hat den FC Barcelona verlassen.  Nein, Urban ist ein Workoholic.  Und wie jeder Workoholic läuft er Gefahr, erst dann zu merken, dass er sich überarbeitet hat, wenn er umgefallen ist. Es wird ihm gut tun, das Hamsterrad einmal eine Zeit lang zu verlassen.

Wenn Sie das Hamsterrad verlassen haben, werden Sie sich dann als Privatperson stärker in die Politik einmischen? Angebote gab es angeblich bereits. Vor der letzten Bundespräsidentenwahl hieß es, die Linke wolle Sie als Kandidaten vorschlagen.

Schramm: Ich kenne das Gerücht. Offiziell bin ich nie gefragt worden.

Hätten Sie das Angebot angenommen?

Schramm: Ich habe den von mir geschätzten Schauspieler Peter Sodann als Präsidentschaftskandidaten der Linken gesehen. Das war wirklich kein schöner Anblick. Er ist nur als Pausenclown durch die Talk-Shows gereicht worden. So etwas muss ich mir nicht antun. Möglicherweise würde ich in einer dieser Sendungen sogar Arnulf Baring gegenüber sitzen.  Ich wage mir gar nicht auszumalen, wie ich darauf reagieren würde.

Vielleicht braucht die SPD bald einen neuen Kanzlerkandidaten. Wie wäre es mit Ihnen?

Schramm: Die SPD macht sicherlich einige unvernünftige Dinge. Aber solch eine Unvernunft in die richtige Richtung traue ich ihr nicht zu.

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