Aachen - Gastkommentar von Wolfgang Rombey: Aachen fehlen Landmarken der Gegenwart

Gastkommentar von Wolfgang Rombey: Aachen fehlen Landmarken der Gegenwart

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Aachen. Mit der Aussage „Kunst und Kultur sind auch in Zeiten leerer Kassen ein Muss” hat Oberbürgermeister Marcel Philipp anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Hans von Aachen” demonstrativen Beifall geerntet. „Krise! Welche Krise?” - so hat das Theater Aachen sein Spielzeitprogramm 2009/2010 überschrieben.

Das klingt mutig angesichts der aktuellen Diskussion um die Finanzierung des Theaters und der Deckungslücke von etwa 60 Millionen Euro im Haushalt 2010.

Glaube, Hoffnung, Liebe

Das Motto des Theaters für die Spielzeit 2010/2011, „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe!” aus dem ersten Brief an die Korinther, markiert exakt die Gemütslage. Nach dem trotzigen Krisen-Motto hilft nur noch der „Glaube” daran, dass die europäische Stadt nur durch Kultur reich ist. Besteht die „Hoffnung”, dass endlich eine kommunale Finanzreform die Städte in die Lage versetzen wird, ihren Bürgern Angebote zu unterbreiten, die dem menschlichen Dasein Lebensperspektive bietet. Bleibt die „Liebe” der Menschen zur Kunst und Kultur, die seit Jahrhunderten dem menschlichen Wesen eigen ist.

Die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, grundiert Kunst und Kultur. Und hier kommen die Kultureinrichtungen ins Spiel. Aachen, Oberzentrum der Region Charlemagne, bietet Kultur, die für alle zugänglich, erreichbar, bezahlbar und qualitätsvoll ist. Die kulturelle Infrastruktur mit Theater, Sinfonieorchester, Museen, Ludwig Forum für Internationale Kunst und mit einer pulsierenden freien Szene. Musik, Darstellende und Bildende Kunst, Lesungen, Diskussionen und Vortragsveranstaltungen werden an jedem Tag des Jahres vielfach angeboten. Festivals wie Schrittmacher, Chorbiennale, Kurpark Classix oder September Special gliedern das Jahr.

Das kulturelle Leitprofil der Stadt Aachen, das unter dem Titel „Aachen macht Kultur. Kultur macht Aachen” im Sommer 2009 vom Rat der Stadt verabschiedet wurde, markiert spezifische Handlungsfelder und betont fünf Schwerpunkte: E Vielfalt der Künste fördern, E Aachen als Stadt der Musik, des Theaters und der Bildenden Kunst profilieren, E Kinder- und Jugendkultur stärken, E Kultur- und Kreativwirtschaft unterstützen. E Das überlagernde Leitprofil aber lautet: „Kultur in Aachen - grenzüberschreitend”.

Indem wir gerade Grenzüberschreitung in den Mittelpunkt stellen, setzen wir auf Innovation, Moderne und Interdisziplinarität, auf Kreativität und Weltoffenheit, auf Kooperation und Reflexion. Nicht nur geografische Grenzen sollen überschritten werden, wenn wir zum Beispiel die Bewerbung Maastrichts um den Titel „Kulturhauptstadt 2018” unterstützen. Wenn Tausende Menschen zum Abschluss der Chorbiennale um Mitternacht auf dem Markt singen und regelmäßig Kunst und Kultur aus dem Heimatland des Karlspreisträgers thematisiert wird, auch dann gilt es, durch neue Hör- und Sehweisen Grenzen zu überschreiten. Mit der Route Charlemagne überschreiten wir geschichtskulturell Grenzen traditioneller Präsentationen und „Across the Borders” - der Titel ist Programm - lädt zur Auseinandersetzung mit Kunst an ungewöhnlichen Orten ein. In diesem Sinne „Macht Aachen Kultur” auch in Zeiten der Krise.

Der „Bilbao-Effekt”

„Wandel durch Kultur - Kultur durch Wandel” ist das Motto der Kulturhauptstadt Essen Ruhr 2010. Dieser Strukturwandel durch Kultur hat dem Ruhrgebiet durch die Umwidmung von Industrieanlagen interessante neue Kulturbauten beschert, beispielsweise den „Gasometer Oberhausen” als phänomenale Ausstellungshalle, die „Zeche Zollverein” als multifunktional nutzbares Kulturerbe, die „Jahrhunderthalle” in Bochum.

Die weltweit durchgeführte Studie mit dem Titel „Strukturwandel durch Kultur - Städte und Regionen im postindustriellen Wandel” zeigt auf, wie 52 Städte und Regionen, die vor dem Hintergrund eines ökonomischen, strukturellen Umbruchs Investitionen im Kulturbereich tätigten, einen deutlich erkennbaren wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Aufschwung (etwa Bilbao, Glasgow, Newcastle, Lille, Nantes, Pittsburgh und Seattle) erfuhren. Der vielzitierte „Bilbao-Effekt” steht für den Imagewandel und die Aufwertung einer Region durch moderne Kulturbauten, wie dort das Guggenheim Museum von Stararchitekt Frank Gehry.

Die Stadt Aachen ist dabei, den Strukturwandel durch Wissenschaft zu meistern. Das Campus-Projekt, das Wissenschaft und Forschung mit Industrie und Wirtschaft verbindet, ist ein Meilenstein in der Stadtentwicklung. Dieses Jahrhundertprojekt muss aber begleitet werden durch eine Aufwertung der Urbanität des „Städtchens”. Wir können nicht länger nur von dem kulturellen Erbe und der historischen Bausubstanz sowie der Gemütlichkeit der Altstadt zehren.

Wenn wir für die im Campus entstehenden 10.8197 Arbeitsplätze qualifiziertes Personal gewinnen wollen, das auch in Aachen seinen Lebensmittelpunkt nehmen soll, muss eine neue Urbanität entstehen. Der US-Urbanist Richard Florida nennt als Grundvoraussetzungen für eine prosperierende Stadt drei T’s: „Technologie, Talente, Toleranz”. Aachen hat noch ein viertes T, nämlich die Tradition. Der Zukunftsforscher Matthias Horx hat dem drei K’s hinzugefügt („Kunst, Kultur, Kulinarik”), und Charles Landry, der britische Stadtentwickler, nennt als Grundpfeiler der kreativen Stadt „Bildung, Wissen, Kultur”.

Insofern stehen die Zukunftschancen für Aachen gut: Hier leben weltoffene Menschen, Wissenschaftler, Hochschullehrer, Architekten, Werbeleute, Berater, Künstler. Mit der RWTH, den Fachhochschulen, der Bildungsinfrastruktur, den Forschungseinrichtungen, den Kulturevents, mit der Tradition, den kulinarischen Angeboten und eingebettet in einen transnationalen Raum mit einer schönen Landschaft und vielen Freizeitmöglichkeiten, hat Aachen eine hohe Lebensqualität.

Was fehlt, sind neue Landmarken der Gegenwart, z.B. eine Skulpturenmeile. Der Dom und das Rathaus vertragen ein Gegengewicht in zeitgenössischer und zukunftsweisender Signalarchitektur, wie sie zum Beispiel im „Super C” zum Ausdruck kommt. Ein moderner Kulturbau, ob Konzerthaus, Museum oder Bibliothek, könnte vom Selbstbewusstsein einer modernen und kreativen Stadt zeugen.

Inhalte und Qualitäten vorhanden

Die Inhalte und Qualitäten sind vorhanden, sie bedingen jedoch einen modernen Präsentationsort. Die Kulturhauptstadtbewerbung Maastricht 2018 bietet die Chance, nicht nur hervorragende Kulturereignisse in der Region zu kreieren, sondern auch europäische und nationale Gelder zur Verbesserung der kulturellen Infrastruktur zu akquirieren. Die eingangs erwähnte Studie über den Wandel durch Kultur zeigt, dass gerade in der Krise der Blick in die Zukunft gerichtet werden muss und nicht das Spardiktat zu einer Demontage der europäischen Stadt führen darf. Insofern stimme ich dem Oberbürgermeister zu: „Kunst und Kultur sind auch in Zeiten leerer Kassen ein Muss.”

Unser Gastautor Wolfgang Rombey ist Dezernent für Bildung und Kultur der Stadt Aachen.
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