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Für Karl war Baden ein Mittel seiner Regierungskunst

Von: Sabine Rother
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Er beleuchtet in seinem Buch über Karl den Großen dessen besondere Affinität zum Wasser: Horst Bredekamp. Foto: Stock/Wolf P. Prange

Aachen. Er ist ein außergewöhnlich scharfer Beobachter, ein Denker, der hinter die Dinge, Worte und Menschen schaut, um irgendwann verblüffend neue Zusammenhänge offenzulegen: Horst Bredekamp.

Bredekamp, Autor und Professor für Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin, setzt in seinem aktuellen Buch „Der schwimmende Souverän. Karl der Große und die Bildpolitik des Körpers“, das er am Montag, 19. Mai, 20 Uhr, in der Mayerschen Buchhandlung Aachen innerhalb des Rahmenprogramms zur Karlspreisverleihung vorstellt, neue Akzente in der Diskussion um Karl den Großen.

Die Leidenschaft des Franken für gesundes Aachener Quellwasser, das er in großen Schwimmbecken auffangen ließ, setzt Bredekamp in Beziehung zu Mythos und Machtausübung, zum virtuosen Balanceakt zwischen kompromissloser Herrschaft und jener Neigung zu einer Führung, die man heute mit „emotionaler Intelligenz“ umschreiben könnte: die Bereitschaft, Verstand und Gefühl zu einem, wie es Bredekamp formuliert, „fluiden“ Stil zu verbinden.

Nicht nur ein Frauenheld

„Selbst in seinen vielfältigen Beziehungen zu Frauen wird das deutlich“, sagt Bredekamp im Gespräch mit unserer Zeitung. „Er war ein Mensch, der diese Hingabe brauchte. Es ist zu kurz gedacht, ihn nur als Frauenhelden zu sehen.“ Einige Zeilen aus der häufig zitierten Biografie, die Einhard in den Jahren nach dem Tod Karls des Großen (814-830) verfasste, lassen Bredekamp seit seiner Schulzeit nicht los. Wasserscheu durfte man in Karls Nähe nicht sein, denn bei Einhard heißt es, dass Karl nicht nur mit seinen Söhnen schwimmen ging: „Er lud sogar seine Palast- und Leibwache zum Baden ein. Oft badeten hundert oder mehr Leute mit ihm.“

Anlass für Bredekamp zum Weiter- und Querdenken, denn selbst Machtpolitiker wie Mao Tse-tung und Benito Mussolini nutzten kräftig schwimmend gern die Symbolkraft des nassen Elements, dessen Beherrschung sie zugleich als politische Führer qualifizieren sollte. „Schwimmen als Mittel der Regierungskunst“ schreibt Bredekamp. Eben jeder für sich ein „schwimmender Souverän“.

„Bildpolitik“ – ein Begriff, der wie eine große Klammer die vielschichtigen Aspekte des Buches zusammenhält. „Das Bild ist ein zweidimensionales Phänomen, Bildpolitik ist viel umfassender“, erklärt Bredekamp. „Es beginnt mit der ersten Muskelbewegung und schließt Gestik, Frisur, Kleidung und zeremonielles Verhalten ein, aber gleichfalls die Wirkung auf das Gegenüber.“ Und so geht der Autor nicht nur auf Karls sportliche Neigungen ein, sondern zugleich auf Botschaften, die etwa eine Haarmode oder die Auswahl der Kleidung transportieren.

Neues Licht auf die Bronzetüren

Ein neues Licht werfen seine Forschungen zudem auf die mächtigen Bronzetüren des Doms. „In den großen freien Flächen konnte man sich spiegeln, sehr ungewöhnlich zur Zeit Karls, Türen mit Überraschungseffekt als Zeichen einer Macht.“ Selbst die Zähmung wilder Bestien (auch hier Herrschersymbolik) wird thematisiert – in den eher sanften Löwenköpfen, die die Portale schmücken.

Warum hat das vor Bredekamp noch kein Historiker so verknüpft? „Es gibt eine Neigung der Geschichtswissenschaft, sich gegen Überhöhung zu wehren“, erklärt der Autor. „Man hat Angst vor Nationalismen. Doch für mich bleibt Karl ein Großer.“ Stück für Stück entwirft Bredekamp – unterstützt von farbigen und schwarzweißen Abbildungen – ein historisch untermauertes Mosaik, wobei er sich nicht scheut, im sprachlichen Ausdruck manchmal sehr fachlich zu werden. „Ich möchte populär, aber nicht populistisch schreiben“, betont er. „Die Unterschätzung des Publikums ist tatsächlich eine Krankheit der Museumswelt...“

Ein nächstes Thema ist übrigens auch schon in Arbeit: Faustkeile – die ältesten Werkzeuge des Menschen – haben Bredekamp dazu inspiriert.

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