Aachen - Frischer Wind in der Architekturszene

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Frischer Wind in der Architekturszene

Von: Eckhard Hoog
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Wo sonst die Mulde die große H
Wo sonst die Mulde die große Halle beherrscht, ist eine Ausstellungsarchitektur entstanden, wie es sie so noch nicht gegeben hat im Aachener Ludwig Forum: zur Schau „West Arch. A New Generation in Architecture” mit Modellen, Bildern, Videos und Originalobjekten. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Drei Architekturstudenten in Delft - Martine de Wit, Hans Vermeulen und Hedwig Heinsman - tüfteln 2001 einen Plan aus, wie man in der Bibliothek ihrer Universität einen Ruheraum zum Abschalten schaffen kann.

Die Idee: eine Art „Kokon” zwischen den Regalwänden aufzuhängen, in den man hineinkrabbeln und dann für ein, zwei Stündchen den lieben Gott einen guten Mann sein lassen kann. Gesagt, getan - „gestrickt” aus drei Kilometern Fahrradschläuchen, die einzeln aufgeblasen werden können, bietet der „Kokon” acht ermüdeten Personen Platz.

Seit 2005 betreiben die drei nun ein eigenes Architekturbüro „Dus” in Amsterdam; temporäre, mobile Gebäude sind ihr Markenzeichen geworden. Ein durchaus typisches Beispiel einer jungen Architekten-Generation, wie sie sich auf dem immer enger werdenden Markt der Baumeister heute in einer pfiffigen Nische behauptet. Auch darüber informiert die Ausstellung im Aachener Ludwig Forum, die heute um 20 Uhr mit einer Party eröffnet wird: „West Arch”, mit einem englischen Untertitel, um den internationalen Charakter der Schau zu unterstreichen - „A New Generation in Architecture”.

Experimentelle Ansätze

25 Architekturbüros mit einem unkonventionellen und experimentellen Ansatz aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden haben die beiden Münsteraner Architekten Jan Kampshoff und Marc Günnewig, deren Büro „Modulorbeat” mitbeteiligt ist, als Gastkuratoren für die Ausstellung ausgesucht. Die Projekte geben in Form von Modellen, Bildern, Videos und auch einigen Originalobjekten einen Einblick in zeitgenössische Fragestellungen der Architektur - und das in tausenderlei Hinsicht. Da spielen ökologische und ökonomische Aspekte ebenso eine Rolle wie Materialien oder Medien. Mitunter verschwimmen die Grenzen zwischen Architektur und Kunst - und das ganz gezielt beabsichtigt.

Entstanden ist dabei eine begehbare, spannende Ausstellungsarchitektur, wie es sie so im Ludwig Forum noch nicht gegeben hat. Gleich zu Beginn kann der Besucher den coolen Aufenthalt in einem „temporären Gebäude” am eigenen Leib erfahren: Im Außenfoyer hängt nämlich der Delfter „Kokon”, in den man hineinkriechen kann. Vorher: Schuhe ausziehen!

Auf weißen Podesten rund um die zentrale Mulde präsentieren die kreativen Geister ihre Modelle für Häuser, Brücken, Akademien ebenso wie für ganze Landschaften oder Raumstationen. Aus der Mulde selbst ist ein Labyrinth aus Räumen geworden.

Wie aus einem originellen Einfall eine Geschäftsidee werden kann, demonstrieren auch die drei Wuppertaler Freunde Mohamed Fezazi, Volker Hofmann und Antonio Pinca. 2001 gewinnen sie einen Studentenwettbewerb mit einem aufblasbaren Pavillon aus einem doppelwandigen Textilmaterial, der in gerade mal fünf Minuten aufgebaut werden kann. Einziges Hilfsmittel: ein Ventilator. Wenn die Luft wieder entwichen ist, passt das ganze Gebäude in den Kofferraum eines Autos. Schon 2004 gründen die drei in Wuppertal ihr eigenes Büro „Lobomob”.

Das Exemplar eines solchen Pavillons lädt nun im Ludwig Forum zum Betreten ein. Das System ist so genial wie praktisch - und als Partyzelt ebenso zu gebrauchen wie als mobile Klinik in einer unwirtlichen Gegend.

Dem „Dus”-Trio aus Delft, jetzt Amsterdam, gehen die „Temporär”-Ideen auch nicht aus: Als im niederländischen The Hague der Neubau für das Bezirksrathaus begonnen wurde, musste für das Standesamt vorübergehend ein Hochzeitsraum als Ausweichquartier her. „Dus” konnte es liefern: Eine Kuppel aus zwei Kilometern „gehäkelten” weißen Lüftungsrohren dient nun bis 2011 als „Wedding Chapel”. Ergebnis: eine erhabene sakrale Atmosphäre, gedämpfte Akustik, herrliche Beleuchtung. Die Idee ist so gut, dass aus dem „Vor-übergehend” durchaus ein „Dauernd” werden kann.

Dies sind nur wenige Beispiele für eine junge, frische Architekturszene, für die man sich begeistern kann. „Die große soziale Utopie ist heute nicht mehr der Ausgangspunkt für Entwürfe”, erklärt Brigitte Franzen, die Direktorin des Ludwig Forums. Und Kurator Jan Kampshoff ergänzt: „Heute kommt niemand mehr in ein Architekturbüro und sagt: ’Entwirf mir mal ein Haus’.” Pfiffige Ideen sind gefragt. Und Netzwerke unter den Architekten. Auch dieses Thema behandelt in den nächsten Wochen ein überaus reichhaltiges Rahmenprogramm, das zu einem Gutteil von der RWTH Aachen als Partner des Ludwig Forums bestritten wird.

Überdies gibt es an jedem Samstag von 12 bis 16 Uhr einen „Arch Talk”, bei dem Aachener Architekturstudenten die Besucher durch die Ausstellung führen und einzelne Projekte erklären.

Die Öffnungszeiten am Donnerstag sind bis zum Ende der Schau am 14. November bis 22 Uhr verlängert.
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