Aachen - Fotografien, die Geschichte(n) erzählen

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Fotografien, die Geschichte(n) erzählen

Von: Jenny Schmetz
Letzte Aktualisierung:
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„Sammler mit Herzblut“: Christiane und Karsten Fricke präsentieren im Suermondt-Ludwig-Museum etwa 110 Fotografien. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die Augen zugekniffen, die Münder verzerrt. Falten zerfurchen das Gesicht des weinenden Kindes, fast so viele wie das seiner verhärmten Mutter. Eine Schmerzensfrau mit Kind, die Strapazen der Kriegszeit hinter, die Mühen des Lebens vor sich, ausdrucksstark festgehalten wie von Käthe Kollwitz.

Aber es ist eine Schwarz-Weiß-Fotografie, entstanden um 1948 in Köln, vor der Christiane und Karsten Fricke sich selbst für die Zeitung ablichten lassen wollen. Ein Bild, das (eine) Geschichte erzählt. Wie alle Fotografien, die das Sammler-Ehepaar nun im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum präsentiert.

Und zu fast jeder können die Sammler eine eigene Geschichte erzählen, da sie in den meisten Fällen einen persönlichen Kontakt zu den Fotografen hatten oder haben – zum Beispiel, um den Abzug signieren zu lassen. „Hermann Claasen hat mir dieses Bild geschenkt“, sagt Karsten Fricke (65) über die Mutter mit Kind, eines der ersten Fotos seiner privaten Sammlung, die seit 1972 langsam wuchs.

Rund 110 Schwarz-Weiß-Aufnahmen von 32 Fotografen zeigt das Ehepaar in Aachen, ganz unterschiedliche: journalistische Arbeiten und Porträts, Modefotos, Architektur- und Landschaftsaufnahmen – allesamt aber Bilder aus Deutschland.

Viereinhalb Jahrzehnte umspannt die Ausstellung, Augenblicke in Ost und West, mit zwei Bildern Arno Fischers als Zeitpole: vom Bombenangriff in Berlin 1943 bis zu den Silvesterraketen, die am Brandenburger Tor in die wiedervereinigten Neunziger reinzischen. „Wir wollten keine Dokumentation zur deutschen Geschichte“, betont Kuratorin Sylvia Böhmer. „Jedes einzelne Bild kann als exzellente Aufnahme für sich stehen.“ Nicht nur als Zeitzeugnis also, sondern als Kunstwerk.

Und nicht nur Trümmer und Leid sind zu sehen, sondern auch viel Lebensfreude. Etwa beim Aufbruch in die Wirtschaftswunderzeit im Ruhrgebiet. Das Kaleidoskop des deutschen All- und Sonntags in Duisburg, Gelsenkirchen, Oberhausen bildet einen Schwerpunkt der Schau – festgehalten etwa von Walter Vogel oder Rudolf Holtappel. Stetig raucht und schmaucht die Kulisse mit Schloten, Zechen-Fördertürmen und Hochöfen – ganz egal, ob davor Mädchen in leuchtenden Kommunionskleidern tollen, Männer in schwarzen Anzügen oder Kühe vorbeimarschieren.

Einen Blick ins politische Deutschland werfen Bildjournalisten mit bekannten Namen: zum Beispiel „FAZ“-Fotografin Barbara Klemm und Robert Lebeck. Der „Stern“-Fotograf war 1980 noch total verblüfft, dass Fricke eines seiner Bilder kaufen wollte. Mittlerweile galoppiert der Kunstmarkt auch auf diesem Gebiet davon. Ein Bild von Lebeck wurde bei einer Auktion kürzlich für 4000 Euro verkauft, berichtet Karsten Fricke. Er selbst verkaufe nichts.

Die Kuratorin betont, dass das Ehepaar Fricke „mit Herzblut“ sammle und nicht auf einen möglicherweise steigenden Marktwert schiele. „Es stand nie das große Geld zur Verfügung“, sagt Karsten Fricke, der in der Textilindustrie und als Bank-Analyst gearbeitet hat und jetzt Pensionär ist. Selbst wäre er gerne Berufsfotograf geworden, aber es blieb beim Hobby – aktiv und erfolgreich. Von seinen Preisgeldern kaufte er sich die ersten Bilder, später dann beraten von seiner Frau Christiane. Die 55-Jährige schreibt als Kunstmarkt-Redakteurin beim „Handelsblatt“.

Dass beide nicht das große Geld machen wollen, zeigt ihre noble Geste: Sie stellen dem Suermondt-Ludwig-Museum nicht nur die jetzt präsentierten Fotografien als Dauerleihgabe zur Verfügung, sondern haben ihm ihre ganze Sammlung vermacht – rund 1000 Arbeiten von mehr als 120 Fotografen, dazu rund 5000 Fotobücher. „Ein Schatz“, meint die Kuratorin, dessen Wert „enorm“ sei, den sie und die Sammler aber nicht genau beziffern können. Und sicher ein Verdienst Sylvia Böhmers, dass der Schatz in Aachen gehoben wird. Sie kennt die Frickes seit 25 Jahren, seit 20 Jahren besuchen beide regelmäßig die Fotografie-Ausstellungen des Suermondt-Ludwig-Museums, die Böhmer zu einem Markenzeichen des Hauses entwickelt hat. Weitere werden folgen – natürlich auch mit Fricke-Werken. Viele Aufnahmen besitzen sie von dem tschechische Fotografen Jan Saudek, der bekannt ist für seine Akte. „Ein Schocker“, meint Böhmer. 2015 wird er 80. Ein schöner Anlass für eine Retrospektive?

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