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Flirrende Hände, bebende Körper

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
Versuche von Nähe und Hingabe
Versuche von Nähe und Hingabe. Das niederländische Scapino Ballet mit Ed Wubbes Choreographie „Kathleen”. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Kraft und Virtuosität, zugleich ein Blick auf die Entwicklung des modernen Tanztheaters und immer wieder neue optische Überraschungen: Das Scapino Ballet aus Rotterdam ist beim Aachener Schrittmacher-Festival bereits ein vertrauter Gast.

Nun zauberten die Tänzerinnen und Tänzer der Compagnie zum ersten Mal ihre sehr persönlichen Welten auf die Bühne der Fabrik Stahlbau Strang. Marco Goeckes Choreographie „Beautiful Freak” als auch Ed Wubbes „Beeswing” und das vor 20 Jahren uraufgeführte „Kathleen”, inzwischen ein Klassiker, waren hier gut aufgehoben.

Kampf der Körper und Seelen

Die magisch ausgeleuchtete Industriearchitektur bot einen stimmigen Rahmen für den Kampf der Körper und Seelen. „Beautiful Freak” sieht Goecke als Hommage an den Jazzmusiker Chet Baker, zu dessen Songs getanzt und gelitten wird. Als gegen Ende der zersplitterte Bass (Bakers Instrumente waren eigentlich Trompetete und Flügelhorn...) auf die Bühne fliegt, ist das wohl eine traurige Anspielung auf Bakers Tod: Am 13. Mai 1988 fiel er aus dem Fenster seines Hotelzimmers in Amsterdam und war sofort tot.

Ihn hatten die Drogen „zersplittert”. Das ausschließlich von Männern getanzte Werk, das wie ein strenges Tanztraining beginnt, zeigt flirrende Hände, Körper, die mit ihren Gliedmaßen kämpfen und ihre Individualität mehr und mehr verlieren. Dabei sind die Armschwingungen der Tänzer so schnell und messerscharf, dass der Eindruck einer optischen Täuschung entsteht, das Auge kaum mitkommt. Das Ringen um neue Harmonien wird in archaische Bilder umgesetzt. Da verfallen die Tänzer immer wieder in eine Art Krebsgang, winden sich die nahezu formlosen Gestalten wie graue Einzeller auf dem Boden. Ein Pfeifen und Rauschen liegt im Raum, dann Trommeln (Michael Jüllichs „Trommellieder”), und mehr und mehr ergeben sich die Akteure dem Rhythmus. Dann ist auch das letzte Licht verloschen.

Und immer wieder Bach: Auf den wunderbaren Klanglinien zweier Cello-Suiten bewegen sich Chiara Mezzadri und Maxime Lachaume in einem in klaren Strukturen gestalteten Pas des Deux, der klassischen Bühnentanz und Modern Dance zu einer intensiven, höchst emotionalen Geschichte von ersehnter Annäherung und gefürchteter Umklammerung, inniger Verbundenheit und dem Wunsch, sich nicht zu verlieren formt - eben den wechselhaften und unerklärlichen Schwingungen zwischen Mann und Frau.

Das Thema hat Ed Wubbe bereits in „Kathleen” beschäftigt. Schon beim Aufbau von zwei Monolithen bummeln die jungen Tänzerinnen und Tänzer durch die Szene wie Jugendliche, die sich irgendwo treffen. Ein paar Dehnübungen, ein paar Rempeleien: Was an die Straßenszenerie der „West Side Story” erinnert, ist das zeitlose und gänzlich unsentimental beleuchtete Thema einer heftig um Identität ringenden Jugend im kalten, schmutzigen urbanen Raum. Mit viel Energie tanzt das Ensemble die mal rührenden, dann wieder rüpelhaften Versuche von Nähe und Hingabe. Die Tänzer agieren und reagieren, sind trotzig und am Boden zerstört, brauchen Zärtlichkeit und schlagen im nächsten Moment die tröstende Hand fort.

Das geht unter die Haut. Ein großer Abend. Stürmischer Applaus in der Fabrikhalle für Facettenreichtum und Perfektion dieser niederländischen Compagnie.
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