Fingerfertig an Klavier und Konsole: Benyamin Nuss

Von: Jenny Schmetz
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Anders als auf der Hülle seiner neuen CD lacht er für unseren Fotografen gern: Der 21-jährige Pianist Benyamin Nuss studiert in Aachen und erobert die Klassik-Welt mit Videospielmusik. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die schwarzen Haare elvisartig hochtoupiert, den Mund rebellisch schmollend hinabgezogen, thront er breitbeinig vor einem weißen Flügel, von unten fotografiert blickt er wie ein schwarz gekleideter Riese blasiert am Betrachter vorbei.

Wer Benyamin Nuss nur vom Cover seiner neuen CD kennt, wird ihn in der Aachener Musikhochschule glatt übersehen. Dort lächelt der 21-Jährige wie ein schüchterner Schüler, er trägt Brille statt Kontaktlinsen, einen Dufflecoat, Hose und Schuhe aus Jeansstoff und ist etwa 1,75Meter groß.

„Besser auf den Fotos arrogant aussehen und in Wirklichkeit nett sein als umgekehrt!”, sagt der Aachener Student später. „Das hat mir mal jemand gesagt”, schiebt er hinterher, rutscht auf dem Stuhl herum, rückt seine schwarze Brille zurecht. „Die Fotos passen nicht richtig zu mir”, findet er. „Aber die wollten halt was Auffälliges.” „Die” - das sind die Manager des Edellabels Deutsche Grammophon, die mit dem aufstrebenden Pianisten gleich einen Zehn-Jahres-Vertrag abgeschlossen haben. „Eine Sensation”, sagt Hochschuldirektor Herbert Görtz. Davon träumten Millionen Musiker. „Ich hatte auch Glück”, sagt Benyamin Nuss.

Der Klassik-Markt jubelt zurzeit die jungen Talente hoch, besonders wenn sie auch optisch attraktiv sind. „Im Moment sind die Stars alle schön”, stimmt Nuss zu. „Aber die können auch wirklich was!” Im Übrigen findet der 21-Jährige nicht, dass er gut aussehe. „Ehrlich gesagt.” Und das klingt noch nicht mal kokett. Modeln wie Star-Geiger David Garrett, das ist nicht sein Ding. In Schlabberjeans ans Publikum ranrocken - ebenfalls nicht. Aber junge Menschen ins Konzert locken, das will auch Benyamin Nuss.

Sein Outfit beschreibt er als „relativ altmodisch”. Schwarze Hose, schwarze Schuhe, schwarzes Hemd. Ungewöhnlicher ist das, was er spielt. Nuss nudelt nicht zum tausendsten Mal Chopin, Liszt oder Mozart runter, sondern hat eine Nische entdeckt: Nobuo Uematsu heißt der Komponist, der es ihm angetan hat. Der Japaner erfand den Soundtrack seiner Jugend: die Musik zu Videospielen. Nicht zu Ballerspielen wohlgemerkt, sondern zu Rollenspielen. „Das ist wie ein interaktiver Film”, erklärt Nuss. Für jeden Charakter gebe es eine eigene Melodie, ähnlich Wagners Leitmotiven. Die Arrangements für Klavier seien etwas Neues, aber vertraut für die Ohren, wie Filmmusik.

Als Vertreter der Generation Playstation hat er eine tragbare immer dabei. Das Daddeln ist nicht schädlich für sein Klavierspiel, versichert der Musiker, eher „Training für die Daumen”. Bereits mit vier saß er an der Konsole, mit sechs nahm er Unterricht am Klavier. „Ich habe schon immer gerne geklimpert”, erinnert sich Nuss an sein musikalisches Elternhaus. Da ist er mit Beethoven eingeschlafen und mit Jazz aufgewacht. Es sollen Videoaufnahmen existieren, die Benyamin als Anderthalbjährigen zeigen, wie er am Klavier „Freude schöner Götterfunken” spielt. „Nur die Melodie”, betont Nuss.

Wenn er sagt: „Ich bin halb, halb”, dann kann man das auf seine Herkunft beziehen: Sein Vater kommt vom Neckar, seine Mutter aus Singapur. Aber auch auf seine musikalischen Vorlieben: Klassik und Jazz. Der CD „Benyamin Nuss plays Uematsu” hört man diese Lieben an. Die Musik kann auch ohne Videospielszenen im Kopf berühren - also auch Zuhörer Ü30, die „Final Fantasy”, „Blue Dragon” oder „Lost Odyssey” für alkoholfreie Cocktails halten.

An einer Pinnwand im Foyer der Musikhochschule hängt ein Interview mit der Pianistin Olga Scheps, der Tochter von Nuss´ Klavierprofessor Ilja Scheps. Sie ist nur ein paar Jahre älter als er und hält auf dem Foto schon den Echo-Musikpreis vor der Brust. Etwas weiter unten posiert Benyamin Nuss zum Titel „Fantasy in den Fingern”. Zwischen den Artikeln an der Pinnwand liegen nur ein paar Zentimeter. Wie viele Jahre braucht er noch bis zur Spitze? „Meine Karriere hat gerade angefangen. Ich will noch viel lernen”, antwortet Nuss.

Sein erstes Solo-Album eroberte sofort Platz 20 in den Klassik-Charts, in Japan begeisterte er kürzlich in drei Konzerten mehr als 10.000 Zuschauer, seine Deutschland-Tour führte ihn in die Berliner Philharmonie, die Alte Oper Frankfurt und das Leipziger Gewandhaus. Noch kann er zwar nicht vom Klavierspielen leben, aber er arbeitet hart daran. Lernen, Disziplin, Zeitmanagement - diese Wörter tauchen im Gespräch immer wieder auf, während die Finger mit den kurzen Nägeln auf der Tischplatte schon weiter üben. „Er ist ein sehr fleißiger Student”, sagt sein Direktor. Schon im kommenden Jahr soll die nächste CD erscheinen, „auf jeden Fall klassisch”, verrät Nuss.

Noch kann er unerkannt im Aachener Jazz-Club Malteserkeller jammen oder samstagnachmittags mit Freundin Lea in einer Kneipe in der Pontstraße Fußball gucken. Noch kommen aus seinem Mund nicht durch 1000 Interviews weichgespülte Sätze wie „Ich liebe Aachen”. Sein Fan-Herz schlägt stärker für Hoffenheim als für Alemannia.

In Aachen präsentiert Benyamin Nuss seine CD mit Videospielmusik am Montag, 22. November, 18 Uhr. Das Konzert findet im Kammermusiksaal seiner Musikhochschule, An den Frauenbrüdern 1, statt. Neben Nuss wird die Sopranistin Yitian Luan mit Liedern von Richard Strauss zu hören sein. Der Eintritt ist frei. Düsseldorf ist die letzte Station der Deutschland-Tournee des Pianisten: Das Konzert in der Tonhalle beginnt am Sonntag, 28. November, um 18 Uhr.
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